Wirtschaft

"Büchse der Pandora geöffnet" Startup-Guru warnt vor Startup-Wildwuchs

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Hat "die Büchse der Pandora" geöffnet: Steve Blank.

(Foto: Steve Blank)

Erst fordert Facebook-Chef Zuckerberg mehr staatliche Kontrolle im Internet, jetzt zieht der "Pate des Silicon Valley" nach: Steve Blank begründete die "Lean Startup"-Bewegung, mit der im Prinzip jeder ein erfolgreiches Unternehmen aufbauen kann - auch die Falschen, findet der Startup-Guru.

Mark Zuckerberg möchte das Internet stärker regulieren. Dass ausgerechnet der Facebook-Boss mehr Staat forderte, schlug Anfang April große Wellen, schließlich war das soziale Netzwerk in der Vergangenheit selbst mehrfach für handfeste (Daten-)Skandale verantwortlich. Das allerdings hat weniger mit bösem Willen als vielmehr mit Überforderung zu tun, jedenfalls wenn man der Argumentation Zuckerbergs folgt: Sein Unternehmen sei schlichtweg zu groß, um die Gefahren, die aus seinen Unternehmungen entstehen, zu beherrschen - das könne nur der Staat. Ob man dem Facebook-Chef glaubt oder nicht, er ist mit seinem Wunsch nach stärkerer staatlicher Regulierung nicht alleine. Erstaunlich ist allerdings, aus welcher Ecke die lautesten Rufe schallen.

Steve Blank ist eine Legende im Silicon Valley: Der Unternehmer gründete in den 80ern und 90ern Startups in Serie - lange bevor irgendjemand überhaupt von Startups zu sprechen begann. Basierend auf seinen Erfahrungen begründete der Stanford-Professor die "Lean Startup"-Bewegung, die beschreibt, wie man das perfekte Unternehmen gründet. Spätestens seitdem gilt Blank als der Startup-Guru schlechthin, sogar die sonst eher zurückhaltende Nachrichtenagentur Reuters bezeichnete den heute 66-Jährigen mal als "Paten des Silicon Valley".

Macht in den falschen Händen

"Es ist ein bisschen so, als hätte ich damals die Büchse der Pandora geöffnet", sagt Blank heute. Er meint das nicht ganz so negativ, wie es das Bild eigentlich vorgibt, weiß aber: Den Geist bekommt jetzt keiner mehr in die Flasche zurück. "The Lean Startup ist wie ein Kochbuch", sagt Blank. Im Prinzip kann also heutzutage jeder ein Startup gründen. Und das ist für Blank auch eines der größten Probleme: Jungen Unternehmern fehlten oft die nötigen Werte, um ein Unternehmen wirklich sauber zu führen.

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Die Erinnerungen in Blanks Arbeitszimmer zeugen von der langjährigen Erfahrung des Serien-Gründers.

(Foto: Julian Vetten)

"Früher wurden Gründer-CEOs verdrängt: Sogar Steve Jobs wurde 1985 bei Apple gegangen, obwohl er die Firma erst groß gemacht hatte." Im Anschluss übernahmen in der Regel erfahrene Manager, die vielleicht nicht unbedingt immer stärkere Werte mit ins Unternehmen gebracht hätten; dafür aber Kontrollstrukturen, die grenzwertige CEO-Alleingänge und damit etwaige PR-Skandale weniger wahrscheinlich machten, als es bei vielen Startups der Fall ist.

"The founder's revenge" nennt Blank die heutige Situation, die Rache der Gründer. Das beste Beispiel ist für den Stanford-Professor der ehemalige Uber-Chef Travis Kalanick. Kalanick, der knapp fünf Milliarden Dollar schwere Gründer der Taxi-App, fiel in seinen Jahren als Geschäftsführer immer wieder negativ auf: Uber spionierte nicht nur seine Fahrgäste aus und versuchte Konkurrenten mit unlauteren Mitteln aus dem Verkehr zu ziehen, auch sexuelle Belästigung war unter Kalanick eher Regel als Ausnahme. Der schnelle Aufstieg des erst 2009 gegründeten Unternehmens und die Konzentration der Macht in Kalanicks Händen hätten zu den Entgleisungen Ubers geführt, glaubt Blank.

Was wäre, wenn?

"Uber war natürlich ein Extremfall." Die Mechanismen seien aber immer die gleichen, sagt der grauhaarige Mann mit der immer noch jugendlich klingenden Stimme, der eine gute Autostunde von San Francisco entfernt auf der anderen Seite der Bay Area lebt. Eine Hügelkette trennt Blanks Ranch vom Silicon Valley - der Startup-Guru ist hier weit genug von der Aufgeregtheit der Startup-Welt entfernt und doch nahe genug am Puls der Zeit, um weiter mitreden zu können. "Nicht viele Jungunternehmer können mit dem exponentiellen Wachstum umgehen, das für erfolgreiche Startups so typisch ist", sagt Blank - mit teils katastrophalen Folgen.

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Weit genug weg vom Trubel des Silicon Valley, aber trotzdem nahe genug am Puls der Zeit: Blanks Ranch in Pescadero.

(Foto: Julian Vetten)

Dass eine Rückkehr zu den Praktiken der 80er, in denen die Gründer einfach durch Anzugträger ersetzt wurden, nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann, weiß auch Blank. Er fordert deshalb die stärkere Beteiligung eines Players, der sonst in Unternehmerkreisen eher ungern gesehen ist: der Staat.

"Regulationen sind Aufgabe des Staates, wir brauchen viel mehr davon", sagt Blank. Regierungen müssten vor allem die Aktivitäten von Tech-Unternehmen viel stärker kontrollieren, um Uber-mäßige Auswüchse schon im Keim zu ersticken. Für US-Verhältnisse vertritt Blank damit eine fast schon kommunistische Einstellung zum Arbeitsrecht. Eine Position, die ihm als Unternehmer sichtlich nicht leicht fällt - und doch sieht Blank keine Alternative, denn: "Das große Bild zu sehen ist wichtig, aber Unternehmer sind immer im Tunnel, um ihren Erfolg zu maximieren." Das ist ein Problem, denn viel zu oft denken Startup-CEOs nicht darüber nach, wo der Tunnel endet.

So wie Travis Kalanick. Es ist erstaunlich, wie viel Schindluder der Ex-Uber-Chef alleine mit einer Taxi-App treiben konnte. Man braucht nicht viel Vorstellungskraft, um sich auszumalen, was ein ähnlich destruktiver Gründer mit der falschen Einstellung und der nötigen Gier in Branchen wie Medizin- oder Sicherheitstechnik anrichten könnte, die für das Gemeinwohl entscheidender sind. Was wäre, wenn? In dem Fall keine schöne Vorstellung.

Quelle: n-tv.de

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