Wirtschaft

Günstig, einzigartig, bequem? Startup will "das Reisen demokratisieren"

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Flüge sind bei den Evaneos-Trips nicht im Preis enthalten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wer auf eigene Faust die Welt entdecken möchte, muss viel Zeit mitbringen. Das französische Unternehmen Evaneos verbindet die Sicherheit von Pauschalurlauben mit der Freiheit von selbstbestimmtem Reisen.

Wenn der Traumstrand vor lauter Leibern kaum noch zu sehen ist, am Ende der Buffetschlange jeden Abend das Gleiche auf dem Teller landet und die Reiseleiter auf den Plätzen vor den Sehenswürdigkeiten dieser Welt wie Schäferhunde um ihre Herde streichen, dann befindet man sich mit großer Wahrscheinlichkeit auf einer Pauschalreise. Wie viel solche Reisen tatsächlich mit Urlaub zu tun haben, darüber lässt sich vortrefflich streiten, eines ist aber klar: Das Bedürfnis nach Sicherheit und Bequemlichkeit spielen bei der Buchung eine wichtigere Rolle als der Wunsch, Neues zu entdecken. Wer die vom Massentourismus ausgetretenen Pfade dagegen verlassen will, ohne gleichzeitig auf die Vorzüge zu verzichten, hat es schwer: Die Planung einer Individualreise nimmt nicht nur viel Zeit in Anspruch, sondern erfordert auch einen guten Durchblick im Angebotsdschungel.

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Will mit seinem Unternehmen den konventionellen Reisemarkt aufrütteln: Evaneos-Chef Eric La Bonnardière

(Foto: Evaneos)

Nicht umsonst gibt es in Deutschland immer noch mehr als 11.000 Reisebüros, die ihren Kunden diese Aufgabe abnehmen - und sich dafür gut bezahlen lassen. Ein Modell, über das Eric La Bonnardière Ende der 2000er nur den Kopf schütteln konnte: "Wir wollten das Reisen demokratisieren", erinnert sich der Chef von Evaneos an die Gründung seiner Reiseplattform vor fast zehn Jahren. Man könnte auch sagen: Bonnardière und sein Mitstreiter Yvan Wibaux wollten die Individualreise pauschalisieren. Mit Erfolg: Mehr als 300.000 Reisende gingen seit 2009 mit Evaneos' Hilfe auf Reisen, Tendenz stark steigend. Den Erfolg der Plattform goutierten auch die Investoren: Rund 70 Millionen Euro sammelte das Startup jüngst ein, in der Tourismusbranche eine aufsehenerregende Summe - Geld, das die Franzosen nutzen wollen, um unter anderem den bislang relativ konservativ besetzten deutschen Markt aufzurollen.

Das Prinzip hinter Evaneos ist dabei denkbar einfach: Das Unternehmen organisiert die Trips in aller Herren Länder nicht selbst, sondern stellt lediglich den Kontakt zwischen den Anbietern im Reiseland und den Kunden zu Hause her und streicht dafür eine Provision ein - das Airbnb-Konzept lässt grüßen. Weil so eine ganze Reihe Mittelsmänner ausgeschaltet werden, kann Evaneos die angebotenen Reisen deutlich günstiger anbieten als bisher gewohnt: "Die Gebühren, die wir von den Agenten vor Ort verlangen, liegen im Schnitt 30 Prozent unter denen von herkömmlichen Reiseanbietern", sagt Bonnardière. Wobei "günstig" natürlich relativ ist: Die durchschnittlichen Kosten für einen Trip liegen - ohne Flug - bei rund 1400 Euro. Individualität gibt es eben nicht geschenkt.

Wer sich allerdings für eine Reise mit Evaneos entscheidet, versteht schnell, warum Gründer Bonnardière so euphorisch über "die neue Art des Reisens" spricht: Fast jeden Baustein kann man individuell anpassen, ganz gleich, ob es nach Uganda, Usbekistan oder in die USA geht. Im direkten Kontakt mit den (deutsch sprechenden) Reiseagenturen vor Ort entscheiden die Urlauber über die jeweilige Reiseroute und Aktivitäten und profitieren von den Erfahrungen und dem Wissensschatz der einheimischen Guides. Und der ist in der Regel groß, Stichwort Geheimtipps: Wer charmante Familienhotels statt gesichtsloser Hotelkästen sucht, lieber in einem kleinen und feinen Restaurant statt in einer Touristenfalle speisen möchte oder die letzten versteckten Winkel einer Stadt erkunden will, der ist in der Regel auf die Expertise der Einheimischen angewiesen. Ein Punkt, der auf lange Sicht natürlich auch zum Problem werden könnte: Wer die letzten Winkel touristisch erschließt, tut eben genau das - mit der Gefahr, das zu zerstören, was Individualreisende suchen und die Bevölkerung vor Ort braucht.

"Doppelt so viele Touristen in 20 Jahren"

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Die Belegschaft von Evaneos im Pariser Büro, oben links auf dem Bulli die beiden Gründer.

(Foto: Evaneos)

Neues, so sehr man es auch sucht, wirkt zunächst immer gefährlich, wenn man ihm alleine gegenübersteht. Der persönliche Kontakt dämpft das irritierende Gefühl der Verlorenheit allerdings ab, das jeder Individualreisende bei der Ankunft in einem neuen Land kennen dürfte: Immerhin ist schon jemand vor Ort, der sich auskennt. Und trotzdem darf man sich ganz als Entdecker fühlen, schließlich ist man in keiner Reisegruppe unterwegs, die sich auf der Jagd nach dem besten Bild gegenseitig auf den Füßen herumtritt. Das Konzept kommt an: Die Evaneos-Seite ist voll von überschwänglichen Bewertungen, 96 Prozent der Kunden sind laut Bonnardière zufrieden mit ihrer Reise und würden wieder bei dem Unternehmen buchen. "Die Meinung unserer Kunden ist uns superwichtig. Und weil uns mehr als 40 Prozent der Fragebögen, die wir nach den Trips versenden, zurückgeschickt werden, haben wir eine ziemlich gute Vorstellung davon, was gut und was weniger gut läuft."

"Ein guter Ruf ist der Schlüssel", zeigt sich Bonnardière überzeugt. Je besser die Reputation und je länger das Unternehmen am Markt ist, desto mehr Kunden vertrauen Evaneos - ein sich selbst befeuernder Kreislauf. In Frankreich hat das Startup den kritischen Punkt schon längst überschritten und auch in Deutschland wird Evaneos wohl nicht mehr lange ein Geheimtipp bleiben. Das ist zwar schön für das Unternehmen, bringt aber Probleme ganz anderer Art mit sich: "In 20 Jahren wird es doppelt so viele Touristen wie heutzutage geben", sagt Bonnardière. Wenn auch nur ein kleiner Teil von ihnen zusammen mit Evaneos und ähnlich aufgestellten Mitbewerbern wie Mistertrip oder Trip.me abseits der ausgetretenen Pfade wandeln möchte, stehen sich auch dort bald die Touristen gegenseitig auf den Füßen.

"Die Insel ist einfach zu voll"

Für das Geschäftsmodell von Evaneos wäre das verständlicherweise der Super-Gau. "Wir stoppen Reisedestinationen, wenn es zu voll wird, sonst können wir den Standard nicht gewährleisten, den wir garantieren", erklärt Bonnardière die kurzfristige Lösung für das Problem. Geschehen sei das zum Beispiel dieses Jahr in Kuba, "die Insel ist mittlerweile einfach zu voll". Langfristig gesehen verfolgt der Reiseunternehmer dagegen ein ungewöhnliches Konzept: "Heutzutage findet man vielleicht gerade mal ein Prozent der verfügbaren Informationen im Netz, wir wollen lokales Wissen dagegen großflächig zugänglich machen." Und damit die Besucherströme breiter fächern. Zumindest auf dem Papier ergibt das Sinn: Schließlich fährt man in den meisten Fällen nur an die Orte, von denen man weiß, dass sie existieren.

Ob der Ansatz funktionieren kann, wird sich wohl frühestens im kommenden Jahrzehnt zeigen - noch können die Evaneos-Macher aus dem Vollen schöpfen. Bereits jetzt hat das Unternehmen Kontakte zu mehr als 1300 Reiseanbietern in 162 Ländern "und jeden Tag bewerben sich vier oder fünf neue", sagt Bonnardière. Mehr als 40 Angestellte sind bereits jetzt damit beschäftigt, die Anbieter in den Zielländern auszusieben, denn "Qualität ist uns enorm wichtig: Wir nehmen insgesamt weniger als zehn Prozent der Agenten an, die sich bei uns bewerben." Eine sorgfältige Kontrolle ist auch dringend notwendig, denn das öffentliche Bewertungssystem von Evaneos bestraft Fehleinschätzungen gnadenlos.

Bislang läuft es allerdings zumindest nach außen hin reibungsfrei, größere Probleme sind bei Evaneos nicht feststellbar. Das dürfte auch mit der Unternehmenskultur an sich zusammenhängen: Die 180 Mitarbeiter, die bislang auf den sechs Etagen der in einem hübschen Pariser Altbau angesiedelten Firmenzentrale arbeiten, haben sichtbar Spaß an ihrem Job. Die Hierarchien sind flach, der Boss wird gedutzt, es herrscht ein quirliges Durcheinander. Im Zuge der Expansion soll Evaneos auf 250 Mitarbeiter anwachsen. "Unser Ziel war es, den normalen Reisemarkt wachzurütteln", umreißt Bonnardière das Ziel, mit dem das Unternehmen 2009 gestartet ist. Bis hierhin hat das schon mal geklappt. Und wenn Evaneos es schafft, trotz des massiven Wachstums in den kommenden Jahren seine Seele nicht zu verlieren, dürfte dem auch in Zukunft wenig entgegenstehen.

Quelle: n-tv.de

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