Der Wahnsinn erreicht ein neues LevelTrump kommt, in Davos steigt die Nervosität

Donald Trump musste auf dem Weg nach Davos umkehren und in eine Ersatzmaschine umsteigen. Seine Laune dürfte das nicht verbessert haben.
Manchmal lohnt es sich sogar, beim Welttreffen der Elite zu der nicht ganz so erfolgreichen Elite zu gehören. Wer nämlich keines der begehrten (und teuren) Zimmer in Davos bekommt, schläft während des Weltwirtschaftsforums oft im benachbarten Ort Klosters. Das ist auf den ersten Blick nervig und deshalb unbeliebt. Auf den zweiten Blick aber bietet es gute Möglichkeiten: In den Shuttlebussen kommt man ins Gespräch.
Man sitzt da dann eine halbe bis Dreiviertelstunde zusammen, die dicken Jacken reiben aneinander, die Winterlandschaft zieht vorbei, und man erfährt oft Erstaunliches: Da sitzen Leute, die vom Inaugurationsdinner im Weißen Haus erzählen können, weil sie dabei waren. Da sitzen Tech-Unternehmer, die ganz selbstverständlich von "Mark" sprechen, wenn sie den Facebook-Gründer Zuckerberg meinen. Und da sitzen viele junge Menschen aus aller Welt, die einem erzählen, wie man von Nigeria bis Südkorea auf die aktuelle Weltlage blickt.
Es ist nicht besonders überraschend, aber in diesem Jahr drehen sich diese Gespräche immer irgendwann um Donald Trump. Der US-Präsident kommt auch nach Davos, er hält am heutigen Mittwoch seine Rede. Und dass Davos deswegen nervös ist, merkt man nicht nur bei den Gesprächen im Shuttlebus.
Man merkt es auch an den Sicherheitskontrollen, die gründlicher geworden sind. Man merkt es daran, dass es in Reden und Programm weniger um Klima und Gerechtigkeit und dafür mehr um Wachstum geht. Und auch daran, dass viele CEOs und Wirtschaftslenker öffentlich nicht wirklich deutlich über Trumps Politik sprechen.
"Den größten Schwanz"
Dass es unberechenbar ist, Trump hier reden zu lassen, muss den Organisatoren immer klar gewesen sein. Dass er schimpfen, drohen und sich selbst lobpreisen wird, auch. Doch seit dem Wochenende hat sein Wahnsinn ein neues Level erreicht. Mit seinen Drohungen gegen Grönland hat er die Nato vollends in die Krise gestürzt. Die Zollankündigungen haben die Europäer deutlicher zurückgewiesen als je zuvor.
Während auf einer Shuttlefahrt nach Klosters also wild spekuliert wird, was Trump nun bei dieser Rede wieder ankündigen wird, sagt ein US-Amerikaner irgendwann einfach: "Ich kann euch sagen, was passieren wird: nichts Gutes." So sehen das auch die vielen Europäer, die in Davos sind. Hat man lange versucht, Trump zu schmeicheln, ihn zu besänftigen und Deals zu machen, scheint es jetzt einen zumindest sanften Wandel in der Kommunikation zu geben.
Als wolle er unterstreichen, wie entspannt er mit den Drohungen umgeht, trägt Emmanuel Macron bei seiner Rede eine verspiegelte Pilotenbrille (das hat allerdings wohl mit einem verletzten Auge und nicht so sehr mit seiner Coolness zu tun). Der französische Präsident mischt bei seinem Auftritt immer wieder Witze mit klaren Ansagen an Trump, ohne ihn auch nur einmal beim Namen zu nennen. "Es ist nicht die Zeit für neuen Imperialismus oder neuen Kolonialismus", sagt Macron. "Wir wählen Respekt statt Tyrannen, wir ziehen Wissenschaft Verschwörungstheorien vor, und wir ziehen Rechtsstaatlichkeit der Brutalität vor."
An einer Stelle - und das Publikum ist sich danach nicht ganz sicher, ob man seinen französischen Akzent wirklich richtig verstanden hat - wird Macron besonders deutlich: "Lasst uns nicht schüchtern sein. Lasst uns uns nicht spalten lassen. Lasst uns keine Weltordnung akzeptieren, in der die entscheiden, die meinen, sie haben die lauteste Stimme, den größten Schwanz oder was auch immer."
Merz trifft Trump
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist in ihrer Rede weniger deutlich, sie versucht, Trumps Drohungen umzudeuten. "Geopolitische Schocks können und müssen eine Chance für Europa sein. Das Erdbeben, das wir gerade erleben, ist eine Chance, eine Notwendigkeit, eine neue Form der europäischen Unabhängigkeit aufzubauen." Die EU werde auf die angekündigten Zusatzzölle aus den USA entschlossen, aber mit Augenmaß reagieren. Doch von der Leyen appelliert auch an die USA: "Sicherheit in der Arktis können wir nur zusammen erreichen." Man betrachte die Bevölkerung der USA nicht nur als Alliierte, sondern als Freunde.
Wenn Trump am Mittwoch sprechen wird, sind Macron und von der Leyen schon wieder abgereist. Man kann sich aber sicher sein, dass sie seinen Auftritt verfolgen werden. Trump sollte um 14.30 Uhr reden. Doch wegen eines Defekts am Flugzeug verzögerte sich seine Anreise. Zu der Unberechenbarkeit seiner Ansprache kommt nun die Unberechenbarkeit, wann er überhaupt spricht.
Eigentlich sollten vorher auch der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez und UN-Generalsekretär António Guterres reden, doch beide Ansprachen wurden abgesagt. Stattdessen bekommt Trump später am Tag womöglich Unterstützung von einem Freund: Der argentinische Präsident Javier Milei tritt auf. Wenig Widerspruch also am Tag von Trumps Rede.
Man kann es aber auch so sehen: Europa hat dann nochmal einen Tag Zeit, um sich zu koordinieren und zu überlegen, was eine gemeinsame Reaktion sein kann. Friedrich Merz spricht erst am Donnerstag. Der deutsche Bundeskanzler wird schon am Mittwoch anreisen und will auch Donald Trump treffen.
Die USA dominieren Davos
Während die Staatschefs auf der großen Bühne im Davoser Kongresszentrum auftreten, zeigen die USA ihren neuen Größenwahn übrigens noch an einer ganz anderen Stelle: Als "USA House", also einer kleinen Botschaft fürs Weltwirtschaftsforum, nutzen sie in diesem Jahr die Kirche der Freien Evangelischen Gemeinde von Davos. Direkt vor dem Eingang zum Kongresszentrum sind die Kirchenfenster abgehängt mit Bannern, die viel amerikanischer wohl nicht aussehen könnten: Weißkopfadler, Fackel der Freiheitsstatue, Kapitol. Auf der Website des Hauses ist ein Bild von Davos schon in den Farben der US-Flagge eingefärbt. Die USA übernehmen Davos, so sieht das aus.
Doch die Gemeinde hat den Amerikanern auch einen kleinen Hinweis hinterlassen. Auf einem Schild vor der Kirche steht ein Bibelzitat: "Lehre uns zählen unsere Tage, damit wir weise werden." Ein paar Häuser weiter protestieren die Bewohner mit Bannern gegen den US-Präsidenten. Ganz will man das Schweizer Bergdorf also noch nicht an Trump abgeben.