Wirtschaft

VW Trinity gegen Gigafactory Volkswagen jagt Tesla

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Herbert Diess hat ein klares Ziel vor Augen: die Marktführerschaft. Bleibt alles beim Alten, ist VW auf dem Weltmarkt nicht mehr wettbewerbsfähig.

(Foto: picture alliance/dpa)

Volkswagen-Chef Diess landet im drehbuchreifen Gefecht mit dem Betriebsrat gleich einen doppelten Coup. Seine Wunderwaffe: Trinity. Ein zweites Werk in Wolfsburg für ein neues E-Auto soll das Stammwerk retten und die Aufholjagd auf Tesla beschleunigen. Diess bleibt dran.

Schlagzeilen aus der Wolfsburger VW-Konzernzentrale ist man ja bereits gewohnt, die Häufung in den letzten Wochen ist allerdings neu. Immer dreht es sich dabei um Kompetenzgerangel zwischen Betriebsrat und Vorstand, personifiziert durch die jeweiligen Vorsitzenden der Gremien. Anschließend kommt es regelmäßig zum Burgfrieden, diesmal allerdings mit weitreichenden strategischen Festlegungen für den weltgrößten Automobilkonzern und seine knapp 700.00 Beschäftigten.

Der Konflikt im Herbst 2021 ist drehbuchreif. Im Ring: der schon zu BMW-Zeiten konfliktfreudige Volkswagen-Chef Herbert Diess und seine Betriebsratskontrahentin Daniela Cavallo, die Rauhbein Bernd Osterloh ins Amt gefolgt ist, als dieser im Sommer die Seiten gewechselt und sich als Personalvorstand der VW Lkw-Tochter Traton in die Dienste der Kapitalisten gestellt hat.

Zunächst geht es in dem Konflikt formal um Protokollfragen. Ob CEO Diess auf der ersten Betriebsversammlung nach Corona der Belegschaft Rede und Antwort zu stehen hat, statt einen lange geplanten USA-Trip anzutreten. Diess soll seine Terminplanung ändern und der Belegschaft über die Vorstandspläne zur Zukunft des Stammwerks Wolfsburg sowie den 60.000 Beschäftigten am Standort Auskunft geben, fordert Cavallo. Die treibt die Sorge um die Arbeitsplätze um, das Stammwerk ist nicht ausgelastet.

Tatsächlich geht es dabei aber auch um Grundsätzlicheres: die Frage der "Lufthoheit" bei Konzern-Entscheidungen. Wer hat in Krisensituationen bei strategischen Entscheidungen wie bei Produkt- und Werksneubauten und -Belegungen das Sagen? Der Vorstand und die Kapitaleigner oder wie seit den 1970er-Jahren der Betriebsrat und die Arbeitnehmer?

Im Gefecht nicht die Pferde wechseln

Die Lage im Wolfsburger Stammwerk ist dramatisch. Die Pandemie und der Chipmangel haben die Auslastung dramatisch schrumpfen lassen. In den Jahren vor Corona war noch von rund einer Million Autos die Rede, die im Stammwerk produziert werden sollten. In 2020 wurden in Wolfsburg dann gerade mal knapp 500.000 Autos gebaut, Tendenz sinkend. Seit Wochen und Monaten dümpelt die Belegschaft in Wolfsburg in Kurzarbeit herum. Es grassiert die Angst, das Werk könnte bei der Wende zur Elektromobilität abgehängt werden.

Als Diess in internen Runden von einem möglichen Abbau von 30.000 Arbeitsplätzen spricht, bricht der Konflikt zwischen Konzernleitung und Betriebsrat offen aus. Selbst ein Sturz von Diess wird plötzlich für möglich gehalten. Diess gibt nach und steht auf der Betriebsversammlung dann doch - anders als er geplant hatte - Rede und Antwort.

Und bleibt im Amt, getreu der alten Militärweisheit, mitten im Gefecht wechselt man nicht die Pferde. Diess und der Betriebsrat lassen voneinander ab und konzentrieren sich auf den gemeinsamen Gegner: Tesla und Elon Musk, der demnächst mit Eröffnung der "Giga"-Fabrik im brandenburgischen Grünheide sogar formal Mitglied der deutschen Automobilindustrie wird.

Tesla baut drei Mal schneller als VW

Auf einer Krisensitzung vor 120 Top-Managern macht Diess die Lage sehr plastisch deutlich: Volkswagen produziert zu langsam - und zu teuer. Tesla und auch die aufstrebenden Hersteller aus China sind schneller. VW, so mahnt er, braucht für den Bau seines Elektroautos ID.3 mehr als 30 Stunden. Das ist drei Mal so lange wie Tesla für sein Model 3 braucht. Auch bei der Qualität hätten die Kalifornier und die Chinesen mittlerweile europäische Standards erreicht. Volkswagen steht massiv unter Druck, macht Diess klar. Bleibt alles beim Alten, sei VW auf dem Weltmarkt nicht mehr wettbewerbsfähig.

Als salomonische Lösung in dieser Konfliktlage platzt die nächste Schlagzeile: Volkswagen plant für die Produktion von Elektroautos eine neue Fabrik auf der grünen Wiese im nahen Umland des Wolfsburger Stammwerks. Vorgesehen ist eine Art zweites Werk Wolfsburg, weil VW es in den bestehenden Werksstrukturen bei laufender Produktion der Verbrennerversionen von Bestsellern wie dem Golf und dem Kompakt-SUV Tiguan nicht für möglich erachtete, so effiziente und wettbewerbsfähige Strukturen aufzubauen wie der Wettbewerber Tesla in Grünheide - das große Vorbild für Herbert Diess.

Diess will auf der grünen Wiese in Wolfsburg ein völlig neues Elektroauto namens Trinity bauen. "Trinity wird den Automobilbau in Wolfsburg revolutionieren", verspricht er. Der Bau könnte nach Schätzungen aus Konzernkreisen mehrere hundert Millionen Euro kosten. Das ist ein dickes Brett, dass er bohren will, aber der Preis ist deutlich niedriger als die knapp dreißig Milliarden Dollar Diesel-Strafzahlungen in den USA nach 2015.

Kampf um Wolfsburg, um Jobs und Marktführerschaft

VW Vorzüge
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Trinity gilt bei Volkswagen als einer der entscheidenden Punkte in der Investitions- und Absicherungsstrategie für die kommenden fünf Jahre. In dem neuen Werk soll von 2026 an die nächste Generation von teilautonom fahrenden Elektroautos vom Band laufen. Geplant ist die Produktion von 250.000 Trinity jährlich.

Das Wolfsburger Stammwerk soll davon profitieren. Für das alte Werk sehen die Pläne folgendermaßen aus: Wenn nach 2030 die Nachfrage nach Verbrennermodellen nachlässt, soll hier eine weitere Produktionslinie für Elektroautos gebaut werden. Für die aktuellen Verbrenner sind 2023 Nachfolgemodelle geplant, die ebenfalls hier gebaut werden sollen. Der ganze Umbau ist im laufenden Betrieb geplant.

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Die großen Zukunftshoffnungen für Wolfsburg aber ruhen auf Trinity. Die neue Limousine soll neue Standards setzen bei Reichweite, Ladegeschwindigkeit, Digitalisierung sowie der Produktion. Der Marktstart ist allerdings erst in fünf Jahren, für 2026 geplant. Der Grund dürfte sein, dass es sich für VW um ein komplett neu konzipiertes Fahrzeugsystem handelt, in dem die modernsten E-Antriebe, weitgehend selbst programmierte Software, Vernetzung und Technologien des autonomen Fahrens zum Einsatz kommen sollen. Dazu verwendet VW eine weiterentwickelte Plattform, auf die auch Töchter zugreifen können sollen. Auf dieser SSP Plattform sollen insgesamt mehr als 40 Millionen Wagen gebaut werden.

Trinity ist Diess' Geheimwaffe im Kampf um den Fortbestand des Stammwerks und in der Aufholjagd auf Tesla. "Trinity muss den Standort auf ein neues Wettbewerbsniveau heben, muss ihn revolutionieren. Auch mit neuen Prozessen", erklärte Diess. Am Ende gehe es dabei auch um Arbeitsplätze. Denn: "Über die Arbeitsplätze entscheiden nicht der Herr Diess oder der Aufsichtsrat oder die Belegschaftsvertreter. Darüber entscheiden der Kunde und der Kunde kauft das Produkt, das mehr Qualität, mehr Features für einen besseren Preis bietet. Deshalb müssen wir den Kampf aufnehmen." Damit hat Diess den Nagel auf den Kopf getroffen. Warum er jedoch bei so viel Elektro-Enthusiasmus die Glasgow Klimaerklärung vieler Automobilhersteller, darunter auch Daimler, zum verbindlichen Verbrennerende 2035 nicht unterschrieben hat, bleibt ein Rätsel.

Quelle: ntv.de

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