Wirtschaft

Energieberater im Interview "Wärmepumpen funktionieren auch ohne Fußbodenheizung"

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Wärmepumpen sind angesichts der hohen Energiepreise gefragt wie nie.

(Foto: picture alliance/dpa)

Energieberater könnten zurzeit rund um die Uhr arbeiten. Die staatliche Förderung ist allerdings langwierig. Wo es hakt und wie sich Wärmepumpen auch für Altbauten eignen, erklärt Jürgen Leppig, Vorstand des Energieberaterverbands GIH, im Interview.

In Ihrer Branche boomt das Geschäft, in welcher Verfassung treffe ich Sie gerade an?

Jürgen Leppig: Ich könnte zurzeit rund um die Uhr arbeiten. Der Klimaschutz war schon immer für manche Hauseigentümer ein Anreiz etwas zu tun, aber durch den Ukraine-Krieg hat das Thema Energiesparen plötzlich einen gigantischen Stellenwert bekommen. Vor allem jetzt, seit Wirtschaftsminister Habeck den Gasnotfallplan ausgerufen hat. Ich berate einen Hausbesitzer, der erst vor zwei Monaten einen neuen Gasbrennwertkessel hat einbauen lassen. Den hat er jetzt direkt wieder rausgerissen und gesagt: Ich will weg vom Gas! Das ist natürlich wirtschaftlich kompletter Nonsens. Solche Reaktionen werden wir jetzt häufiger erleben, die Bürger beschäftigt die aktuelle Situation. Und es werden noch mehr Leute einen Energieberater aufsuchen.

Wozu raten Sie so jemandem?

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Jürgen Leppig

(Foto: GIH)

Das Problem ist eher: Es gibt noch zu viele Handwerker, die fossile Brennstoffe empfehlen. Viele Heizungsbauer haben noch keine Erfahrung mit Wärmepumpen und geben noch immer die Empfehlung: "Mach doch einfach einen neuen Gaskessel mit Brennwerttechnik. Das ist günstig und viel effizienter als die alte Anlage." Wir erleben sogar Hausbesitzer, die jetzt schnell noch einen alten Öltank erneuern, und sich eine neue Ölheizung einbauen. Bevor das ab 2026 nicht mehr möglich ist. Damit sie für die nächsten 20 Jahre Ruhe haben.

Kommt das oft vor?

Zum Glück überwiegt die Vernunft bei den Bürgern. Die Förderpolitik ist derzeit der Motor. Und die Menschen interessieren sich immer stärker ganzheitlich für das Sanierungsthema. Wir haben in der Beraterbranche aber ein sehr hohes Durchschnittsalter, da viele erst im fortgeschrittenen Berufsleben den Beraterweg eingeschlagen haben. Ein Handwerker zum Beispiel muss schließlich erst Meister sein, um das machen zu können.

Das heißt, viele Berater fallen demnächst als Rentner noch aus dem Markt heraus.

Was wir bräuchten, wäre: dringend ein eigenes Berufsbild und eine zeitgemäße Ausbildung. Die scheitert aber noch an den unterschiedlichen politischen Interessen in diesem Markt. Das betrifft nicht nur verschiedene Gewerke, sondern auch diverse Kammern. Handwerker, Architekten und Ingenieure sind alle eigenständig organisiert. Daher glaube ich nicht, dass das schnell umsetzbar sein wird. Dass Berater fehlen, hat der Staat erkannt und die Quereinsteigerprüfung in der Energieberatung eingeführt. Aber die Quereinsteiger dürfen nicht das machen, wofür sie geprüft werden, das müssen wir schleunigst ändern.

Das ist wahrscheinlich nicht die einzige Hürde, oder?

Es kommt dazu, dass das ganze Förderwesen viel zu kompliziert ist. Und die Bearbeitung der Förderanträge dauert einfach zu lang. Der Staat redet von Digitalisierung, aber er hat die Förderung auf einen wochenlangen Verwaltungsakt mit Briefzustellung rückgebaut. Eine digitale Plattform könnte in Millisekunden prüfen, ob für dieses Gebäude bereits ein Zuschuss beantragt worden ist und Fördermittel zur Verfügung stehen. Selbst eine Steuererklärung ist heute einfacher als eine Förderung.

Solche Vorlaufzeiten sind bei heutiger Inflation fatal, oder nicht?

Genauso ist es. Der Förderstopp des Bundes hat die Bürger verunsichert. Viele warten, bis die Zusage der Förderung eintrifft. Zudem fressen Preissteigerungen bei den Baustoffen aktuell einen Teil der Förderung auf. Sie liegen im zweistelligen Bereich. Hier ist der Staat viel zu träge unterwegs.

Auf einen Sanierungsfahrplan wartet man ja vorab inzwischen auch schon ein paar Monate.

Das Positive ist: Durch den "Individuellen Sanierungs­fahrplan" (ISFP) sanieren viele Kunden nach der Beratung mehr, als sie eigentlich vorhatten. Der ISFP-Bonus hat die Antragszahlen exorbitant in die Höhe schießen lassen. Auch dabei gibt es aber ein Problem für uns Berater: Der Bürger zahlt 20 Prozent Eigenanteil, die 80 Prozent übernimmt der Staat. Aber wir müssen oft 19 Prozent des Gesamtbetrags sofort als Umsatzsteuervorauszahlung abführen. Die kassiert derselbe Staat sofort, der sich für die Auszahlung der 80 Prozent an uns viele Monate Zeit lässt. Deswegen haben etliche Energieberater gar keine Lust mehr, viele Aufträge für ISFP anzunehmen. Dafür arbeiten sie ja erst einmal monatelang umsonst.

Ein Problem ist auch, dass ein Eigentümer erst dann Aufträge vergeben darf, wenn er eine Förderzusage bekommen hat. So vergeht weitere Zeit, die ihn Geld kostet.

Früher galt: Man muss den Förderantrag stellen, bevor die Handwerker ihre Arbeit vor Ort beginnen. Heute darf nicht einmal ein Auftrag vorher vergeben werden. Auch Eigenleistungen werden nicht mehr gefördert. Das erschließt sich mir überhaupt nicht. Wir haben zu wenige Handwerker, da sollte sich der Staat doch freuen, wenn die Leute selber die Styroporplatten unter die Kellerdecke kleben.

Woran hakt es noch?

Oft an den Banken: Als über 60-Jähriger bekommt man kaum noch einen Kredit, wenn man für eine sechsstellige Summe sanieren will. Weil die Kreditrichtlinien vorschreiben, dass man den Kredit zu Lebzeiten zurückgezahlt haben muss. Außerdem wird der KFW-Tilgungszuschuss dabei völlig ausgeblendet, selbst wenn der die Hälfte der Kreditsumme ausmachen kann, und so aus einem 150.000 Euro-Kredit nur noch 75.000 Euro Rückzahlung macht. Die Bank prüft die Bonität ohne diesen Tilgungszuschuss und sagt: Für die Rückzahlung der 150.000 Euro bist du schon zu alt. Und wem gehören denn all die Immobilien in diesem Land? Das sind doch die Älteren.

Was ist dran an dem Satz, man solle sich lieber einen Architekten oder Bauingenieur als Energieberater suchen als einen Schornsteinfeger oder Heizungsbauer?

Das ist ein klassisches Vorurteil. Natürlich gibt es in unserer Branche gute und schlechte Leute, wie überall. Das ist die Gauß'sche Normalverteilung. Ich kenne einen Zimmermann, der sich so weiterqualifiziert hat, dass er vielen Architekten und Heizungsbauern fachlich in der Haustechnik mindestens ebenbürtig ist. Wichtig ist neben dem Fachwissen: Hört er dem Eigentümer wirklich zu und geht auf dessen Vorstellungen ein? Oder will er nur seine Meinung durchdrücken?

Und was ist mit der gängigen Meinung: Die Wärmepumpe taugt nicht für den Altbau?

Das ist vollkommener Quatsch. Daran erkennen Sie, ob jemand technisch auf der Höhe der Zeit ist. Natürlich gilt der Grundsatz "Efficency first". Die Wärmepumpe ist ein richtig gutes Teil, sie muss nur artgerecht gehalten werden. Und sie funktioniert auch mit normalen Heizkörpern, es muss keine Fußbodenheizung sein. Die ideale Nachrüstlösung ist hier eine Deckenheizung, dafür braucht ein Heizungsbauer nur zusätzlich einen Trockenbauer. Der Wohnraum wird drei Zentimeter niedriger, die Vorlauftemperatur der Pumpe kann abgesenkt werden. Viele wissen das nur nicht. Und genau daran scheitert es.

Mit Jürgen Leppig sprach Nadine Oberhuber

Das Interview erschien zuerst bei Capital.de

Quelle: ntv.de

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