Wirtschaft

Kälte noch kein ProblemWann Gas knapp oder wieder teuer werden könnte

06.01.2026, 19:43 Uhr Christina-LohnerVon Christina Lohner
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Mindestens mittelfristig bleibt es winterlich. (Foto: picture alliance/dpa)

Der kalte Jahresstart weckt ungute Erinnerungen an drohende Engpässe nach dem Ende russischer Gaslieferungen. Heute fließt Erdgas zwar aus anderen Quellen nach Deutschland. Risiken sind damit allerdings nicht vom Tisch.

Mancherorts war bereits Weihnachten weiß, zum Jahresbeginn sorgte dann Tief "Tizian" sogar am Niederrhein für eine geschlossene Schneedecke. Einige Schulanfänger erleben ein solches Winterwetter zum ersten Mal in ihrem Leben. "Und die mittelfristigen Prognosen sehen kein Ende des winterlichen Wetters", sagt ntv-Meteorologe Oliver Scheel. Der Gasverbrauch stieg in der letzten Woche des abgelaufenen Jahres deutlich über die Vorjahreswerte. Muss Deutschland also wie nach Beginn von Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine um seine Gasversorgung bangen?

Die kalten Temperaturen sind noch kein Grund zur Sorge. Selbst wenn die Gasspeicher im Falle eines extrem kalten Winters schnell geleert würden, könnten die Versorger kurzfristig mehr Flüssiggas (LNG) kaufen. Allerdings gibt es "viele Szenarien, in denen ein Engpass auftreten kann", sagt Gasmarkt-Experte Sebastian Gulbis, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Enervis, ntv.de. "Beispielsweise ein großer Ausfall norwegischer Gasproduktion oder einer norwegischen Offshore-Pipeline."

Denn der Großteil der Erdgasimporte nach Deutschland kommt heute per Pipeline aus Norwegen. In der Vergangenheit hatte Deutschland den Großteil per Pipeline aus Russland bezogen. Um unabhängiger von russischem Gas zu werden, forcierte die Ampel-Koalition zudem den Aufbau von LNG-Terminals an Nord- und Ostsee, über die per Schiff Flüssiggas importiert wird.

Dieses verflüssigte Erdgas würde nun auch die Lücken füllen, falls sich ein Mangel an eingespeichertem Gas abzeichnen würde. "Ich bin froh, dass wir im Fall der Fälle noch zusätzliche Mengen importieren könnten", sagt Gulbis. Bisher seien die deutschen LNG-Kapazitäten nur zu 51 Prozent ausgelastet.

Die Gasspeicher sind indes nur noch zu 54 Prozent gefüllt - und damit deutlich niedriger als in den vergangenen Jahren. Bereits zum Start der Heizperiode waren die Speicher relativ schwach befüllt. Anfang November waren sie nach Angaben der Speicherbetreiber-Verbands Ines nur zu 75 Prozent voll. Das sei "deutlich unter den üblichen Füllständen der vergangenen Jahre", beklagten die Betreiber der Speicher, die ihr Geld damit verdienen. Anfang November 2024 etwa waren die Gasspeicher laut Ines zu 98 Prozent gefüllt.

Die Bundesnetzagentur zeigt sich hingegen gelassen und verweist auf die neue Versorgungslage durch die zusätzlichen LNG-Importmöglichkeiten. Die Gaspreise geben der Behörde recht. "Die Gasmärkte zeigen sich mit Ausblick auf den Februar entspannt", sagt Gulbis. "Am niederländischen Handelspunkt TTF notiert der Februar 2026 wieder unter 28 Euro pro Megawattstunde (MWh) und auch in Deutschland liegen die Preise wieder unter 30 Euro/MWh."

In den kommenden Jahren dürften die Preise weiter sinken. "Mit zunehmendem Ausbau der LNG-Verflüssigungskapazitäten wird sich der Gasmarkt immer weiter entspannen", prognostiziert Marktexperte Gulbis. "Während das Jahr 2026 Ende des letzten Jahres noch bei etwa 29 Euro/MWh gehandelt wurde, liegt das Jahr 2027 bereits bei 27 Euro und das Jahr 2029 bei 25 Euro/MWh."

Insbesondere über die LNG-Terminals fließt allerdings auch weiterhin russisches Gas nach Deutschland, wenn auch in geringen Mengen. "Russisches Gas gelangt aktuell noch über zwei Wege in das EU-Pipelinesystem", erklärt Gulbis. "Über Turkstream beziehen Ungarn, Serbien und die Slowakei russisches Gas. Mit Blick auf die deutschen Gasflüsse und Importe ist davon auszugehen, dass hiervon maximal marginale Mengen nach Deutschland gelangen." Anders sei es jedoch bei russischem LNG, das in Frankreich und den Niederlanden angelandet - und auch nach Deutschland importiert wird. "Wie viel davon genau in Deutschland ankommt, ist unklar." Erst mit dem 2027 in Kraft tretenden vollständigen EU-Importverbot von russischem Gas dürfte diese Frage geklärt sein.

Jetzt kommt es auf das Wetter an

Das Geschäftsmodell der Speicherbetreiber ist schon jetzt am Ende. Denn anders als Pipeline-Gas können die Versorger LNG auch kurzfristig einkaufen, wenn sie es brauchen. Laut Tobias Federico, Chefanalyst beim Energieanalyseunternehmen Montel, besteht in diesem Winter deshalb kein Mengen-Risiko, sondern nur noch ein Preis-Risiko. Und zwar im Fall eines extrem kalten Winters in ganz Europa, dann könnten die LNG-Preise kurzfristig in die Höhe schnellen.

Nach Gulbis' Einschätzung würde in diesem Fall auch die Gasversorgung "deutlich angespannter". Noch ist allerdings unklar, ob es ein besonders kalter Winter wird. Falls die experimentellen Langfristtrends auf Basis des europäischen Wettermodells zutreffen, ist das laut ntv-Meteorologe Björn Alexander durchaus möglich. Der amerikanische Wetterdienst erwartet dagegen einen nicht ganz so kalten Februar, wie das europäische Modell vorhersagt. Der Blick auf die Wettervorhersage bleibt somit spannend.

Quelle: ntv.de

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