Wirtschaft

Ansturm auf BilligairlineWarum US-Finanzriesen jetzt um Easyjet buhlen

10.07.2026, 16:55 Uhr
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Symbolbild-Flugzeugfenster-mit-Aussicht-auf-die-franzoesische-Hauptstadt-03-06-2026-Blick-aus-einem-Passagierflugzeug-von-Easyjet-auf-das-Stadtgebiet-von-Paris-waehrend-eines-Fluges-ueber-Frankreich
Der Billigflieger ist begehrt wegen wertvoller Flughafen-Slots, der Stärke seiner Marke und seiner Wachstumsaussichten. (Foto: picture alliance / DZBA)

Amerikanische Investoren nehmen die europäische Luftfahrt ins Visier: Mit Castlelake und Apollo kämpfen gleich zwei US-Schwergewichte um Easyjet. Luftfahrtexperte Wissel erklärt im Interview das Millionen-Poker um Slots und Flotten sowie die Folgen für die Ticketpreise.

ntv.de: Die europäische Luftfahrt kämpft mit verzögerten Flugzeuglieferungen von Airbus und Boeing, steigenden CO2-Zertifikatskosten und geopolitischen Krisen. Warum stürzen sich in dieser volatilen Phase mit Castlelake und Apollo gleich zwei US-Finanzgiganten auf eine britische Billigairline?

Gerald Wissel: Grundsätzlich bleibt der europäische Markt attraktiv, auch wenn er langsamer wächst als zum Beispiel der asiatische. Aktuell sehen wir zwar bedingt durch eine schwächelnde Weltwirtschaft, zunehmenden Protektionismus, Exportbeschränkungen und Zölle einen Nachfragerückgang bei den Geschäftsreisenden. Hinzu kommt außerdem: Im Privatbereich führt die Inflation dazu, dass die Menschen weniger Budget zur Verfügung haben und entsprechend seltener reisen. Von genau dieser Situation profitieren jedoch die Billigflieger. Passagiere, die früher mit etablierten Linienfluggesellschaften geflogen sind, weichen aus Kostengründen nun auf Low-Cost-Carrier aus. Neben Ryanair ist Easyjet hier hervorragend positioniert. Die Airline bleibt deswegen für Investoren und Kunden gleichermaßen hochattraktiv.

Castlelake hat sich mühsam von Runde zu Runde in den Verhandlungen vorgearbeitet, bis der Vorstand nachgab und ein Angebot akzeptiert hat. Wie bewerten Sie das Auftauchen der Konkurrenz? Hat Apollo mit seinem Vorstoß strategisch gewartet, bis Easyjet weichgekocht war?

Das ist gut möglich. Investoren verfolgen oft unterschiedliche Absichten. Manchmal geht es schlicht darum, tiefere Einblicke in das Geschäft und die Bücher zu erhalten. Ob es am Ende tatsächlich zu einer Einigung kommt, steht auf einem anderen Blatt. Klar ist aber: Das Interesse beweist die Attraktivität von Easyjet.

Gerald-Wissel
Gerald Wissel von der Beratungsgesellschaft Airborne

Bevor Apollo auf den Plan trat, galt unter Analysten eine geordnete Zerschlagung der Airline durch Castlelake als sehr wahrscheinliches Szenario.

Bei Easyjet spekulieren manche darauf, dass die Einzelteile mehr wert sind als das gesamte Unternehmen. Das betrifft vor allem die Flugzeuge, das Pauschalreisegeschäft und die begehrten Slots in Gatwick oder Paris. An Letzteren haben Branchenriesen wie die Lufthansa, British Airways oder Air France ohnehin dauerhaft Interesse. Dem Management und den Eigentümern ist es offenbar gelungen, mit Apollo einen Partner anzuziehen, dem es nicht um Zerschlagung geht, sondern um die langfristige Fortführung des Geschäfts.

Mit dem Angebot von Apollo wendet sich jetzt das Blatt: Glauben Sie Apollos offizieller Beteuerung, die Airline als Ganzes weiterzuführen?

Ich denke, hinter dem Bekenntnis steckt eine absolute Ernsthaftigkeit. Apollo sieht das langfristige Potenzial und die Perspektive, die Easyjet bietet. Es besteht ein fundamentales Interesse daran, das Geschäft fortzuführen. Das deckt sich nicht nur mit den Plänen des Managements, sondern dürfte auch im Sinne des Easyjet-Gründers sein, der bei strategischen Fragen nach wie vor ein wichtiger Faktor ist.

Angenommen, EasyJet wird am Ende doch zerschlagen: Welche konkreten Auswirkungen hätte das Wegfallen des zweitgrößten europäischen Billigfliegers?

Kurzfristig ändert sich wenig, aber mittelfristig würde ein solches Szenario vor allem Ryanair stärken. Inwiefern die etablierten Netzwerk-Airlines wie British Airways, Air France-KLM oder die Lufthansa Group davon profitieren, müsste sich erst noch zeigen. Die großen Gewinner heißen hier ganz klar Ryanair und auch Wizz Air, die ihre Marktanteile in Europa so weiter ausbauen können. Auch der britische Ferienflieger Jet2 dürfte von einer zusätzlichen Angebotsverknappung im europäischen Kurz- und Mittelstreckenmarkt profitieren.

Welche Auswirkungen hätte eine Zerschlagung auf die Ticketpreise?

Wir erwarten in den nächsten Jahren getrieben durch steigende Kerosinkosten und höhere regulatorische Auflagen ohnehin steigende Ticketpreise. Ein dämpfender Effekt wird erst eintreffen, wenn die Kapazitäten wieder voll da sind. Sobald die enormen Mengen an bestellten Flugzeugen ausgeliefert werden, übt das wieder Druck auf die Preise aus. Genau in so einem Marktumfeld spielen Billigflieger ihre Stärken voll aus. Aktuell befinden wir uns aber in einer Phase steigender Tarife.

Castlelakes letztes Gebot lag bei 6,90 Pfund je Aktie. Glauben Sie, dass Castlelake noch einmal nachlegt? Oder markieren die 7,15 Pfund je Aktie von Apollo das absolute Limit für das, was man aus einer europäischen Billigfluggesellschaft herausholen kann?

Am Ende ist jeder Einstieg eine Wette auf die Zukunft und eine Frage der Wertsteigerung. Ob ein potenzieller Käufer sein Angebot noch einmal nachbessert, hängt von der jeweiligen Kalkulation ab. Eine Zerschlagung bietet meist weniger finanziellen Spielraum als eine Fortführung des Geschäfts. Wer das Unternehmen weiterführt, setzt auf langfristiges Wachstum, Marktanteile und die anstehenden Flottenauslieferungen.

Wenn Finanzriesen wie Apollo oder Castlelake beginnen, große europäische Airlines aufzukaufen und von der Börse zu nehmen, verändert sich dadurch langfristig die DNA der gesamten Luftfahrtbranche?

Finanzinvestoren sind naturgemäß primär an Wertsteigerung interessiert. Das erhöht den Kostendruck und führt oft zu harten Sparmaßnahmen, die weder im Sinne der Kunden noch der langfristigen Unternehmensentwicklung sind. Es sei denn, sie treiben die europäische Marktkonsolidierung voran und schlucken neben Easyjet weitere Wackelkandidaten im kleineren Segment. Das würde Sinn machen, da der europäische Markt chronisch überfrachtet ist.

Wie geht es jetzt weiter?

Bei einem reinen Finanzinvestment könnte eine Abspaltung des Pauschalreisegeschäfts von Easyjet drohen, um frisches Geld für die Flotte zu beschaffen. Das ist derzeit Spekulation, aber ein absolut realistisches Szenario. Die größte Hürde für die beiden US-Interessenten bleibt jedoch das EU-Recht: Eine europäische Airline darf nicht mehrheitlich Nicht-EU-Eignern gehören – das betrifft Easyjet trotz britischer Konzernmutter, weil die Airline über ihre österreichische Tochtergesellschaft eine EU-Betriebsgenehmigung hält, an der eine EU-Mehrheitskontrolle hängt. Das lässt sich nur über rechtliche Hilfskonstrukte und europäische Partner lösen: Castlelake hatte hierfür bereits ein Konsortium skizziert, das mehrheitlich von EU-Bürgern gehalten werden sollte. Ob die europäische Wettbewerbsbehörde bei so einem Manöver mitspielt, bleibt die spannendste Frage des gesamten Deals.

Mit Gerald Wissel sprach Juliane Kipper

Quelle: ntv.de

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