Wirtschaft

Mit Marx und Hegel in den Bergen Warum der Davos-Gipfel unverzichtbar ist

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(Foto: REUTERS)

Was ist von der Jubiläums-Ausgabe des Weltwirtschaftsgipfels in Davos - WEF - zu erwarten? Welche Forderungen sollten Bürger und die Wirtschaft an die Politiker und Leader der Elite stellen? Und welche Entwicklung steht uns in den neuen 20er Jahren bevor?

Für Wirtschaftsphilosoph und Management-Vordenker Anders Indset steht fest: Wir brauchen im 50. Jahr seines Bestehens das Weltwirtschaftsforum in Davos mehr denn je, denn es muss dort zu einer Renaissance der Denker und Handlungs-Helden kommen.

1. Wir müssen lokal verstehen und global handeln

Er wird die Eröffnungsrede halten, der Donald. Mit 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und "nur" 5 Prozent der Weltbevölkerung sind die USA zweifelsohne der einflussreichste Staat, zusammen mit China. Dabei sollte es beim WEF im 21. Jahrhundert nicht um Nationalstaaten gehen und eigene politische Interessen, sondern um die Weltgesellschaft. Kosmopolitismus und Lokalismus prägen die neue Weltstruktur.

2020 sind stabilisierende Maßnahmen gefragt, ein Miteinander und Vertrauen. Doch gleichzeitig schießen die Investitionen in Waffen und Grenzen in den Himmel - vorangetrieben von "Rollback-Versuchen" der Nationalstaaten-Ideologen. Steuerregulierung auf Wertschöpfung ist ein (komplexer) Weg, der im globalen Kontext behandelt werden muss, genauso wie Handel und Sicherheit. Robot-Steuer-Vorschläge, wie sie Bill Gates & Co. machen, greifen zu kurz. Und eine Bierdeckel-Antwort à la Friedrich Merz gibt es auf diese ganzen noch nicht gestellten Fragen sicherlich auch nicht. Die höchste Komplexität im 21. Jahrhundert ist die Einfachheit. Denn die Themen müssen im gesamtheitlichen Kontext diskutiert und betrachtet werden mit all ihren lokalen Facetten in einer interdependenten Weltgesellschaft.

2. Wir brauchen einen gemeinsamen öko-utopischen Ansatz

Anders Indset

Anders Indset zählt zu den führenden Wirtschaftsphilosophen und gilt als vertrauter Sparrings-Partner für internationale Konzernchefs und führende Politiker.

(Foto: Foto KURIER Jeff Mangione)

In den nächsten zehn Jahren wird die Menschheit mit zwei existenziellen Herausforderungen konfrontiert: dem Öko-Kollaps und dem Umgang mit exponentiellen Technologien. Die Öko-Hysteriker treffen auf alte weise und weiße Männer, es ist ein Battle-Of-The Generations. Dabei scheint der einzige Weg ein gemeinsamer öko-utopischer Ansatz der Lösungsorientierung zu sein. Es ist eine Synthese, die wir jetzt gemeinsam gestalten müssen, um sie in Hegelscher dialektischer Manier zu adressieren. Beim 50. WEF soll es um Ökologie, Ökonomie, Technologie, Gesellschaft und Geopolitik gehen - und natürlich im WEF-Interesse um die vierte Industrielle Revolution.

3. Wir müssen die Stabilität der Gesellschaft mit einem Grundeinkommen bewahren

Wir stehen vor Zeiten der Spaltung. Auf der einen Seite die Kluft zwischen Arm und Reich und womöglich der Wegfall der stabilen Mitte. Auf der anderen Seite eine starke Entwicklung, bei der sich Menschen des"Systems" entziehen, gemeinsam in Kommunen leben und sich auf Yoga, Spiritualität, Transzendenz und die Gestaltung partizipierender Kulturen fokussieren. Andererseits verlieren wir viele, insbesondere junge Männer, die sich im Stich gelassen fühlen vom System und der Politik. Das sind überwiegend sozial infantile Männer, die online keine Netzwerke aufgebaut haben. Viel Frustration wird die Folge sein von "alt-left" und "alt-right". In der Mitte wird es eine Menge an Menschen geben, die vom bevorstehenden digitalen Tsunami getroffen werden.

Wichtig zu verstehen ist, dass das wirklich Digitale noch gar nicht stattgefunden hat. Das beginnt erst. Eine Form des sozialen, bedingungslosen oder universellen Grundeinkommens scheint die einzige Möglichkeit zu sein, Stabilität zu bewahren. Wir sollten jetzt ein Test-Projekt initiieren.

4. Wir brauchen eine Antwort auf den Zerfall der Parteien-Demokratie

Während Bildungsinstitutionen zusammenbrechen und wir uns zunehmend auf das Betriebssystem der Wirtschaft verlassen müssen, erleben wir einen Zerfall der Parteien-Demokratie, vorangetrieben durch die Selbstzerstörung der Volksparteien hierzulande und einer allgemeinen ironischen und makabren Entwicklung auf internationaler Bühne. Nein Donald, dein Impeachment ist nicht vergleichbar mit den Angriffen auf Pearl Harbour. Im kleinen Stil fangen die ersten Lokalmatadore auch in Europa an, diesen offensichtlichen System-Fehler für sich zu nutzen.

5. Europa sollte eine Gesellschaft des Verstandes bauen

Während andere "Walls" bauen, kann und muss Europa Brückenbauer sein. Langfristige Perspektive und kurzfristige Maßnahmen - Handeln gepaart mit Verstand und Vernunft. Eine fatale und teils chaotische Informationsgesellschaft, die wir in den vergangenen 30 Jahren rasant gebaut haben, kann nicht mit einer algorithmischen Wissensgesellschaft und Algorithmokratie kompensiert werden. Ja, Automatisierung, KI und exponentielle Technologien bringen - zumindest kurzfristig - unglaubliche Möglichkeiten und viele Verbesserungen. Wissen ist aber nicht Verstand. Was wir brauchen, ist eine Gesellschaft des Verstandes, eine Bewusstseinsrevolution, und die Initialzündung muss jetzt kommen, und dies sollte aus Europa geschehen.

6. Wir dürfen unsere Wurzeln in Persien nicht dem Egoismus Trumps überlassen

US-Präsident Donald Trump hat die Tötung von Ghassem Soleimani initiiert und treibt seine eigenen Interessen voran. Und auch wenn dies für die Zukunft stabilisierende Maßnahmen sein sollten, die Konsequenz kurzfristig war ein abgeschossenes Flugzeug und 176 Menschenleben, dazu kommen 50 bis 100 Totgetrampelte im Rahmen der dreitägigen Beerdigung des iranischen Generals. Die Lage ist höchst komplex, und Dogmatismus verhindert zweifelsohne die Veränderung einer Region, die einst die Herkunft der ersten monotheistischen Religion und die Initialzündung der östlichen Philosophie war. In der Persischen Region verbergen sich die Geschichte der Entstehung der Seidenstraße, das organisierte menschliche Leben und der Ursprung des Handels. Wir sollten diese Wurzeln nicht dem Eigeninteresse des Individuums Trump überlassen.

7. Europa darf die zweite digitale Welle reiten

Die Meta-Themen und Trends der 20er Jahre sind dunkle Materie, Quantenphysik und Bewusstseinsforschung. Nach dem abgefahrenen Zug der ersten digitalen Welle kann die zweite Welle von Europa geritten werden. Es geht um ein Gesamtverständnis der Meta-Physik, die Erforschung des Menschseins im Ganzen, ja sogar die Aufarbeitung der Kantischen-Fragen:

1. Was kann ich wissen?

2. Was soll ich tun?

3. Was darf ich hoffen?

4. Was ist der Mensch?

In einer digitalen und vernetzten Welt kommt es auf eine zentrale Frage an: Welche Zukunft ist für uns erstrebenswert? Es gibt keine Grenzen. Bereits dieses Jahr fangen die ersten Tests an Menschen an, mit einem Chip im Gehirn. Wir haben die Büchse Pandoras geöffnet und stehen vor einer Intelligenz-Explosion. Es ist eine der letzten Narzisstischen Kränkungen der Menschheit zu glauben, wir können extern eine digitale Superintelligenz bauen. Also müssen wir, wie es uns Karnell, Elon Musk und Google vormachen, mit der Technologie verschmelzen, um ein Verständnis dafür zu gewinnen, was wir tun und lassen sollten.

8. Europa muss Kultur-Ingenieure ausbilden

Wenn wir über Allgemeine Künstliche Intelligenz, Singularität und Posthumanismus bereits in den Jahren 2030 bis 2040 sprechen, dann sollten wir uns der Konsequenzen bewusst werden. Dies ist eine existenzielle Bedrohung des Homo Sapiens. Wir haben unglaubliche Chancen, aber auch eine Ungewissheit, ob wir uns zunehmend überflüssig machen zu einem Homo Obsoletus. In der weiteren Entwicklung riskieren wir sogar unsere Lebensgrundlage zu zerstören: die wahrgenommene Realität unseres Bewusstseins, das Subjekt - Objekt, wie wir uns organisieren und den so geschätzten Humanismus.

Es geht heute um das Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine und die Zukunft des organisierten menschlichen Lebens. Dabei geht es natürlich um Ingenieurwesen und Technologie, aber es geht auch um ein tiefgreifendes Verständnis für den Homo Sapiens. Dies kann nur gelingen, wenn wir Kunst, Psychologie und Philosophie in den Mittelpunkt stellen. Bildet Europa heute Kultur-Ingenieure aus, so werden sie die Grundlage sein nicht nur für zahlreiche neue Jobs, sondern für die Gestaltung der Zukunft und die Grundlage einer eigenen Richtung als Brückenbauer zwischen Ost und West, wo Vertrauen zum Exportschlager und eine neue Währung werden kann.

9. Wir brauchen Englisch als Hauptsprache in Europa

Damit Europa und Deutschland vorangehen, wäre es zunächst wichtig, in allen Schulen Englisch als Hauptsprache einzuführen, damit die großartigen Vordenker, Gestalter und Kolleginnen und Kollegen in Brüssel miteinander kommunizieren können. Vor allem die uns bekannten guten "Weinregionen" Spanien, Frankreich und Italien. Die globale und interdisziplinäre Zusammenarbeit ist der einzige Weg, denn wir müssen miteinander reden. Und der Dialog soll schließlich auch in Davos im Mittelpunkt stehen.

10. Wir brauchen in Davos Gestalter des Wandels und keine Trump-Show

Der Gründer des Weltwirtschaftsforums Klaus Schwab hat 1971 seine Visionen kommuniziert: Das WEF engagiert sich für die Verbesserung des Zustands der Welt durch die Einbeziehung von Führungskräften aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und anderen Bereichen der Gesellschaft, um globale, regionale und industrielle Agenden zu gestalten. Dass Trump als Auflage für sein Erscheinen die Eröffnungsrede eingefordert hat, war erwartbar. Dass das WEF diese mediale Aufmerksamkeit zur Jubiläumsausgabe auch benötigt, ist verständlich. Doch ausgerechnet in der Woche des Beginns des Impeachment-Prozesses gegen den amerikanischen Präsidenten ist eines besonders wichtig: Dass mit der Teilnahme von Merkel, Greta und Tausenden von einflussreichen Unternehmern und Politikern Davos mehr sein muss als internationales Politik-Theater und eine Show-Bühne für die US-Wahl.

Ins Gepäck für Davos gehören Marx, Hegel, Freud und Nietzsche

Ich reise nach Davos, um darüber zu diskutieren und gleichzeitig Maßnahmen zu initiieren, und um herauszufinden, was die Maschinen vorhaben und was die Menschen wollen. Wir brauchen ein hohes Verständnis für die Technologie und wissenschaftliche Entwicklung von morgen, gepaart mit der Philosophie der Vergangenheit im Kontext des 21. Jahrhunderts. Und zwar JETZT! Kein BlaBla - Jetzt Do-Do. Also kommen bei mir für Davos in einem neuen Winter-Outfit für 2020 ins Gepäck: Karl Marx's-Klassenanalyse als Werkzeug der bevorstehenden Spaltung und Unsicherheit, die Hegelschen Dialektischen Methoden, die Autoritäts- und Machtanalyse von Friedrich Nietzsche sowie die menschliche Psychologie und Urtriebe der Sexualität und männlichen Rollenbilder von Freud mit in die Schweizer Alpen.

Und zu guter Letzt: Mit einem überdurchschnittlichen Interesse an anderen europäischen Vordenkern, die auf Basis der Arbeiten von Max Planck, Albert Einstein und Niels Bohr die moderne Physik der 20er Jahre prägten, freue ich mich auf die nächste Woche und alle Merkwürdigkeiten und quantastischen Ereignisse in Davos. 100 Jahre nach Werner Heisenberg, Max Born und Erwin Schrödinger suchen wir jetzt die Gestalter des Wandels für die neuen 20er Jahre. Noch nie war es wichtiger. Gerade jetzt brauchen wir Davos und eine Renaissance der Denker und Handlungs-Helden.

Quelle: ntv.de