Beitragsschock 2028Warum die Rentenbeiträge so schlagartig steigen werden

Nach 20 Jahren werden 2028 erstmals wieder die Beiträge für die gesetzliche Rente steigen - dann gleich um mehrere Hundert Euro im Jahr für Durchschnittsverdiener. Der Beitragsschock kommt schlagartig. Und er dürfte sogar höher ausfallen, als derzeit von der Rentenkasse selbst prophezeit.
2028 steht in der Gesetzlichen Rentenversicherung eine Trendwende nach langjährig sinkenden oder stabilen Beiträgen an. Aus der aktuellen Frühjahrsfinanzschätzung der Deutschen Rentenversicherung Bund geht hervor, dass die Experten der Rentenkasse mit einem Beitragssprung von dem derzeitigen Niveau von 18,6 Prozent auf 19,9 Prozent rechnen. Dies bedeute laut einer Berechnung des Wirtschaftsweisen Martin Werding im "Handelsblatt" für einen durchschnittlichen Arbeitnehmer eine Mehrbelastung von 510 Euro im Jahr.
Es wird die erste Beitragserhöhung der Rentenversicherung seit dann gut 20 Jahren sein. Das letzte Mal war der Beitrag 2007 angehoben worden, von zuvor 19,5 auf ebenfalls 19,9 Prozent. In den Folgejahren konnte er deutlich abgesenkt werden. Seit 2018 liegt der Beitragssatz unverändert bei 18,6 Prozent. Aktuelle Pläne der Bundesregierung könnten sogar dazu führen, dass es noch heftiger kommt, als aktuell von der Rentenversicherung selbst prophezeit. Aber warum steigt nach dieser langen Phase der Stabilität die Belastung der Beitragszahler durch die Rente 2028 derart sprunghaft an?
Die Finanzlage der Rentenkasse verschlechtert sich nicht schlagartig am 1. Januar 2028 und auch nicht erst im Laufe des Vorjahres, sondern schleichend. Vor allem der boomende Arbeitsmarkt hatte der Rentenversicherung über mehrere Jahre bis 2023 teilweise deutliche Überschüsse beschert. Die sogenannte Nachhaltigkeitsrücklage wuchs auf den Rekordwert von 45 Milliarden Euro an, was 1,7 Monatsausgaben der Rentenkasse entspricht. Diese günstigen Zeiten sind allerdings vorbei, schon seit 2024 muss die Rentenversicherung auf diese Rücklage zurückgreifen, um ihre Ausgaben zu decken. 2027 dürften nur noch knapp 12 Milliarden Euro, beziehungsweise 0,36 Monatsausgaben übrig sein.
Diese Reserven sorgen also vorerst für Stabilität bei den Beiträgen. 2028 muss das Schrumpfen der Nachhaltigkeitsreserve gestoppt werden. Dann tritt eine neue Regelung in Kraft, derzufolge die Schwelle von 0,3 Monatsausgaben nicht unterschritten werden darf. Dann muss der Beitrag erhöht werden - einerseits, um die Reserve wieder aufzufüllen, andererseits, um die Lücke zwischen laufenden Einnahmen und Ausgaben auszugleichen.
Diese Lücke wächst derzeit von Jahr zu Jahr gewaltig. In diesem Jahr rechnet die Rentenversicherung noch mit einem Defizit von knapp 4 Milliarden Euro. 2027 dürften es schon gut 20 Milliarden Euro sein. Gründe, warum die Ausgaben so viel schneller wachsen als die Einnahmen, gibt es viele. Einer ist die schlechte Wirtschaftsentwicklung. In der Frühjahrsfinanzschätzung mussten die Experten der Rentenversicherung die voraussichtliche Höhe des Beitragssprungs 2028 noch einmal um 0,1 Prozentpunkt anheben, weil sich die Aussichten für das Wirtschaftswachstum weiter verschlechtert haben.
Zudem macht sich die Demografie bemerkbar. Dank zunehmender Beschäftigung und wachsender Erwerbsbeteiligung war die von Jahr zu Jahr steigende Zahl der Renteneintritte bis vor Kurzem nicht so stark ins Gewicht gefallen. Das ist inzwischen vorbei.
Vor allem aber steigen die Ausgaben der Rentenversicherung auch aufgrund politischer Beschlüsse stark an. Im vergangenen Jahr hatte die schwarz-rote Bundesregierung etwa die Ausweitung der Mütterrente beschlossen. Gleichzeitig sorgt die sogenannte Haltelinie für das Rentenniveau dafür, dass die Renten in den kommenden Jahren weiter im Gleichschritt mit der Lohnentwicklung steigen und nicht durch den gesetzlich eigentlich vorgesehenen Nachhaltigkeitsfaktor begrenzt werden.
Der Bund trägt solche Kosten, die er der Rentenkasse aufdrückt, nur teilweise. Die Ausgaben für Leistungen, für die nie Rentenbeiträge bezahlt wurden, sind deutlich höher als die Zuschüsse, die die Rentenkasse aus Steuermitteln erhält. Für die derzeit laut Rentenversicherung etwa 40 Milliarden Euro große Lücke dazwischen müssen die Beitragszahler aufkommen.
Statt diese Lücke zu schließen und die Beitragszahler zu entlasten, plante Finanzminister Lars Klingbeil, den Bundeszuschuss sogar noch zu kürzen. Vier Milliarden Euro sollen demzufolge ab 2027 bei den Zuschüssen an die Rentenversicherung eingespart werden. Das erhöht den Beitragssatz um etwa 0,2 Prozentpunkte. In der aktuellen Schätzung der Rentenversicherung ist dieser Plan gar nicht eingerechnet. Mit dem Beitragssprung 2028 dürfte die Belastung der Beitragszahler durch die gesetzliche Rente dann insgesamt sogar auf über 20 Prozent des Bruttolohns steigen.