Wirtschaft

Bargeld über Nacht wertlos Was Indiens Reform bislang ausgelöst hat

07040a6efc02a337f0e8a64a0c5ee781.jpg

Die arme Landbevölkerung hatte keine Gelegenheit zum Geldumtausch.

(Foto: dpa)

Mehr als 50 Tage nach Indiens Blitz-Bargeldreform sind Geldscheine immer noch knapp. Was der radikale Schritt genau bedeutet, ist kaum absehbar. Fünf Dinge lassen sich aber heute schon erkennen.

Als der indische Premierminister Narendra Modi vor Wochen auf einen Schlag mehr als vier Fünftel des Bargelds im Land für ungültig erklärte, versprach er vor allem zwei Dinge. Erstens: Durch den Zwangsumtausch aller großen Scheine in neue Banknoten würde er Schwarzgeld und Korruption auslöschen. Zweitens: Die Übergangszeit werde hart, aber nach dem 30. Dezember werde das Leiden ein Ende haben.

Den zweiten Teil seines Versprechens konnte Modi nicht einhalten. Noch immer sind die meisten Geldautomaten leer, Auszahlungen in der Bank haben eine wöchentliche Obergrenze von weniger als umgerechnet 350 Euro. Zahlreiche kleine Händler und Bauern auf dem Land ohne Bankkonto leiden immer noch unter dem Bargeldmangel, wie lokale Medien fast täglich berichten. Wie viel er vom ersten Teil seines Versprechens einhalten konnte, ist bis heute unklar. Zu dünn ist bislang die Datenlage. Diese fünf Folgen der Bargeldreform sind jedoch heute schon sichtbar:

Durcheinander bei Regierung und Banken

Seit der Verkündung der indischen Bargeldreform am 8. November haben das Finanzministerium und die Notenbank RBI zusammen mehr als 50 verschiedene Anordnungen erlassen, wie ungültige Scheine im Wert von 500 und 1000 Rupien (rund 7 und 14 Euro) umgetauscht oder bei der Bank eingezahlt werden dürfen. In teilweise täglichem Wechsel wurden Limits eingeführt, geändert und wieder verworfen. Kurzzeitig sollte sogar jeder, der noch Bargeld einzahlt, von mindestens zwei Bankangestellten verhört werden - bis der Finanzminister zwei Tage später die Regelung mit den Worten zurücknahm, man habe sich wohl nicht klar genug ausgedrückt. In den sozialen Medien tauchte zuletzt eine neue Interpretation der Abkürzung RBI (Reserve Bank of India) auf: Reverse Bank of India - frei übersetzt "die Bank, die wieder zurückrudert".

Mehr Menschen zahlen ohne Bargeld

Die indische Regierung will nicht nur gegen Schwarzgeld vorgehen, sondern gegen Bargeld insgesamt. Dutzende Dörfer wurden seit der Reform von der Regierung für "bargeldfrei" erklärt. Die Nutzerzahl von Bezahl-Apps wie Paytm ist sprunghaft gestiegen. Gerade erst stellte Modi den nächsten Baustein für seine bargeldlose Gesellschaft vor: Eine App soll mobile Zahlungen mit dem indischen Identifikationsverfahren Aadhaar koppeln, durch das laut Regierung bereits mehr als eine Milliarde Menschen mit ihren Fingerabrücken identifizierbar sind. So brauche nur der Händler ein Smartphone, der Kunde könne einfach mit seinem Fingerabdruck zahlen. Kritiker wenden jedoch ein, dass in vielen Teilen Indiens die digitale Infrastruktur zu schwach für die Zahlungssysteme sei und es Sicherheitslücken gebe.

Kurzfristige Wachstumsdelle

Zumindest für die kommenden Monate dürfte die indische Wirtschaft wegen der Radikalreform langsamer wachsen. Fast alle Analysten und Ratingagenturen sind sich einig, dass der plötzliche Bargeldentzug insbesondere den in Indien sehr großen informellen Wirtschaftssektor ausbremsen dürfte. Die meisten Schätzungen gehen von mindestens einem Prozentpunkt geringerem Wirtschaftswachstum aus. Langfristig könnte die Reform allerdings auch positive Effekte haben und die Steuereinnahmen ankurbeln, schreibt zum Beispiel die Ratingagentur Moody's. Konkurrent Fitch erklärt: "Das hängt zu einem großen Teil davon ab, wie lange die Bargeldknappheit noch anhält."

Die Armen leiden

Größter Kritikpunkt an der Reform ist, dass die arme Landbevölkerung keine Gelegenheit zum Umtausch des alten Geldes habe. Die Mehrheit der ländlich lebenden Inder hat kein Bankkonto. Viele leben zudem weit weg von der nächsten Bankfiliale, mehr als ein Drittel kann nicht lesen und schreiben. Trotzdem gibt es zahlreiche Stimmen auch aus der ärmeren Bevölkerung, die die Reform öffentlich unterstützen. Wie die öffentliche Stimmung wirklich ist, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen. Dann stehen in mehreren Bundesstaaten Wahlen an.

Steuersünder bleiben einfallsreich

Schon jetzt ist klar, dass Steuersünder auch mit neuem Bargeld ihre Gewohnheiten kaum ändern werden. In den vergangenen Wochen häuften sich Medienberichte von beschlagnahmtem Geld, auch in neuen Banknoten. In einen besonders großen Skandal war eine lokale Bank verwickelt. Wie die Bankchefin öffentlich zugab, hatten mehrere Manager mittels falscher Konten Geld für reiche Kunden gewaschen und in neue Noten umgetauscht.

Quelle: n-tv.de, Stefan Mauer, dpa

Mehr zum Thema