Wirtschaft

Report zeigt Fortschritt Werden die Gasspeicher im Herbst voll sein?

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Der 9,4 TWh fassende Erdgasspeicher im bayerischen Bierwang ist aktuell zur Hälfte gefüllt.

(Foto: IMAGO/Sven Simon)

Deutschland will und kann nicht sofort auf russisches Gas verzichten. Um im Winter nicht noch erpressbarer zu sein, versucht es, die Speicher bis dahin zu füllen, solange Putin den Hahn nicht zudreht. Welchen Fortschritt das Land dabei macht, zeigt ab jetzt ein monatlicher Report.

Auch wenn es für viele Menschen angesichts des Angriffs auf die Ukraine unerträglich ist, fließt weiter Erdgas von Russland nach Deutschland, das so mehr als 50 Prozent seines Bedarfs deckt. Laut Bundesnetzagentur bewegen sich die Lieferungen "auf dem üblichen Niveau, die rückläufigen Flüsse aus Nord Stream 1 folgen Marktgeschehen und Händlerverhalten." Ob das so bleibt, bestimmt derzeit alleine Moskau und je näher der Winter rückt, desto schlimmer träfe ein Lieferstopp Deutschland.

Ein Ende März verabschiedetes Gesetz schreibt daher vor, dass die Speicher Anfang Oktober zu 80 Prozent gefüllt sein müssen. Anfang November müssen es 90 Prozent und im Februar noch mindestens 40 Prozent sein. Das Science Media Center gibt ab sofort monatlich einen Überblick darüber, welchen Fortschritt die Betreiber machen und ob die vorgegebenen Ziele der Bundesregierung erreicht werden können.

Größter deutscher Speicher war leer

Der Gasspeicher im niedersächsischen Rehden nimmt in dem Report eine Sonderrolle ein, da er mit einer Kapazität von 3,9 Milliarden Kubikmetern alleine ein Fünftel der in Deutschland beziehungsweise vier Prozent der in Europa gespeicherten Gasmenge aufnimmt. Ihn bis zum Spätherbst zu füllen, ist daher besonders wichtig.

Das dauert seine Zeit. Denn der russische Staatskonzern Gazprom, der bis zum Frühjahr Eigentümer des Speichers war, hat ihn praktisch komplett entleert. Seit April ist die Bundesnetzagentur treuhänderisch zuständig und ihr Präsident Klaus Müller kündigte an, Rehden "mit großer Energie und großem Schwung" zu füllen.

Der Speicher kann allerdings maximal 0,34476 Terawattstunden (TWh) pro Tag aufnehmen. Daher kam es nicht nur darauf an, dass genug Gas geliefert wird, sondern auch darauf, den Speicher früh genug mit der maximalen Rate zu füllen. Dem Report nach hätte dies spätestens Ende Juni so weit sein müssen, um das November-Ziel zu erreichen. Tatsächlich fließt das Gas bereits seit Anfang des Monats nahezu mit Höchsttempo und der Füllstand ist seitdem schon von knapp zwei auf neun Prozent gestiegen.

Rehden-Speicher füllt sich schneller als nötig

Sollte dies ungebremst so weitergehen, wäre der Speicher bereits Ende Oktober zu 100 Prozent gefüllt. Daran werden möglicherweise auch die ab dem 11. Juli anstehenden 14-tägigen Wartungsarbeiten an Nord Stream 1 wenig ändern, über die derzeit zwei Drittel des russischen Erdgases nach Europa fließen. Laut Report reichen nach aktuellem Stand etwa 0,25 TWh pro Tag aus, um das 90-Prozent-Ziel in Rehden bis November zu erreichen.

Dabei bleibt ein Puffer. Sollten alle anderen deutschen Speicher komplett gefüllt werden, müsste Rehden bis zum 1. November nur mindestens zu 46 Prozent voll sein, damit der Speicherstand dann in Deutschland insgesamt bei 90 Prozent liegt. Beim jetzigen Tempo wäre dies schon in der zweiten Augustwoche der Fall.

Viele Speicher schon voller

Insgesamt gibt es in Deutschland mehr als 40 Gasspeicher, mit einer gemeinsamen Kapazität von 237,3 TWh. Bei weitem nicht alle waren wie Rehden im April nahezu vollständig entleert. Jemgum in Ostfriesland mit einer maximalen Kapazität von 8,13 TWh beispielsweise hatte Ende März einen Tiefststand von knapp 13 Prozent und ist jetzt wieder zu rund 37 Prozent gefüllt.

Wie die ntv.de-Tabelle zeigt, sind viele Speicher schon wesentlich voller. Die 20,6 TWh des zweitgrößten deutschen Speichers, dem VGS Storage Hub (Bernburg, Bad Lauchstädt) in Sachsen-Anhalt, sind zu knapp 78 Prozent aufgefüllt, die Nummer 2 EWE Gasspeicher (18,3 TWh) kommt auf 71,4 Prozent. Etliche kleinere Standorte mit bis zu 3 TWh haben auch schon 90 Prozent oder mehr erreicht.

Ziele sind erreichbar

Aktuell sind die deutschen Vorräte insgesamt bereits zu rund 55 Prozent gefüllt, würde das Wachstum der vergangenen sieben Tage fortgesetzt, wären sie Mitte September voll. Das SMC hält dieses Szenario allerdings nicht für wahrscheinlich. Zum einen verlangsamten die kommenden Wartungsarbeiten an Nord Stream 1 die Befüllungen, zum anderen habe sich das Wachstum der Füllstände in der Vergangenheit in den Sommermonaten immer verlangsamt. Hier könnte man aber einwenden, dass es in den vergangenen Jahren kein Gasspeichergesetz gab, das Druck machte.

Geht man trotzdem vom mittleren Zuwachs der Jahre 2012 bis 2021 aus, würde zwar das Ziel erreicht, die Speicher bis Anfang Oktober mindestens zu 80 Prozent zu füllen. Anfang November wären sie allerdings nur zu 86 Prozent gefüllt.

Die Vergangenheit hat aber auch gezeigt, dass die Speicher in den Jahren schneller gefüllt wurden, in denen sie nach strengen Wintern im Frühjahr stark entleert waren. Obwohl die Gründe für leere Füllstände andere waren, könnte die Entwicklung in diesem Jahr ähnlich sein. In diesem Szenario wären die deutschen Speicher bereits Anfang Oktober zu mehr als 90 Prozent gefüllt, einen Monat später zu rund 97 Prozent.

EU-Speicher schon mehr als zur Hälfte gefüllt

Auch Europa kommt insgesamt gut voran, ohne die deutschen Vorräte sind die EU-Speicher aktuell zu rund 51 Prozent gefüllt. Selbst Polen und Bulgarien, die nicht mehr von Russland beliefert werden, scheinen keine Probleme zu haben.

Bulgarien verzeichnet mit 27 Prozent praktisch den gleichen Füllstand wie im Vorjahr. Polen hat mit Beginn der Invasion die Gasentnahme gestoppt und seine Speicher inzwischen sogar wieder zu knapp 97 Prozent gefüllt. Im vergangenen Jahr war das erst im Oktober der Fall.

Keine Entwarnung

Ein Fragezeichen steht hinter den ukrainischen Speichern, die rund 324 TWh fassen können und erst zu 18 Prozent gefüllt sind. Es sei allerdings unklar, inwiefern die ukrainischen Speicher dem eigenen Bedarf oder dem Export dienen, und wie hoch der Gasbedarf des Landes in Friedenszeiten war, schreibt das SMC.

"Trotzdem lohnt es sich, die Speicher und die Gasversorger der Ukraine im Auge zu behalten: Sollte der Krieg bis zum Winter und noch länger dauern, wie von einigen Experten vermutet, könnte es nötig sein, die Gasversorgung des Landes von der EU aus zu stützen. Dafür wären dann auch die Speicher in Deutschland gefragt."

Explosion in Texas schränkt europäische Versorgung ein

Das SMC betont, dass alle dargestellten Szenarien darauf beruhen, dass das Gas weiter wie bisher fließt. "Wir wissen nicht, ob und wann kein Gas aus Russland mehr kommt", sagte Torsten Frank der "Wirtschaftswoche". Er ist Geschäftsführer der Trading Hub Europe (THE), die als sogenannte Marktgebietsverantwortliche für die Befüllung der Speicher zuständig ist.

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Auch die Versorgung aus alternativen Quellen kann gestört werden. Ein gutes Beispiel dafür ist eine Explosion in der texanischen Flüssigerdgas-Anlage Freeport vergangenen Mittwoch. Die Ursache ist bisher ungeklärt. Freeport LNG ist für 18 Prozent des US-Gasexports zuständig und muss laut CNN wegen des Vorfalls für mindestens drei Wochen den Betrieb einstellen. Vermutlich werde die Produktion bis Ende Juli um 8 Prozent eingeschränkt, sagte ein Experte dem US-Sender.

Europa werde die am stärksten betroffene Region sein, schreibt CNN. Nach Angaben des Brancheninformationsdienstes ICIS gingen im März bis zu 80 Prozent der Freeport-Ladungen dorthin. 45 Prozent der europäischen Flüssigerdgas-Importe kamen im April und Mai aus den USA. Nach Bekanntwerden des Vorfalls stiegen die europäischen Erdgas-Futures um 9 Prozent.

Quelle: ntv.de

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