Wirtschaft

Die Uhr tickt Wie hart wird ein harter Brexit?

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Ohne Abkommen kann es ungemütlich werden.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Im britischen Parlament gibt es keine Mehrheit für den Brexit-Deal von Premierministerin May. Für eine Alternative allerdings auch nicht. Somit wird ein harter Brexit immer wahrscheinlicher - mit unerfreulichen Konsequenzen.

In rund 1000 Stunden ist es so weit: Großbritannien verlässt die Europäische Union. Und mittlerweile sieht es danach aus, als ob die Trennung auf die harte Tour vollzogen wird. Sollte Premierministerin Theresa May ihren mit der EU ausgehandelten Brexit-Deal nicht doch noch durchs Parlament bringen, erfolgt die Scheidung am 30. März um Mitternacht abrupt - ohne Abkommen und ohne Übergangslösung.

Harter Brexit heißt dieses Szenario. 45 Jahre Integration und Verflechtung sind dann von einem Moment auf den anderen beendet. Oder wie es Dmitry Grozoubinski, ehemals australischer Vertreter bei der Welthandelsorganisation (WTO), ausdrückt: "Ein No-Deal-Brexit wäre so, als wenn man bei maximaler Geschwindigkeit vom fünften in den ersten Gang runterschaltet."

Ein jähes Ende der britischen EU-Mitgliedschaft hätte Folgen für alle Lebensbereiche auf der Insel - doch welches Ausmaß, das lässt sich nicht vorhersagen. Während die einen vor Chaos an den Häfen, leeren Supermarktregalen, Medikamentenmangel und einer tiefen Rezession warnen, bügeln das andere als Panikmache ab.

Fest steht: Ohne Deal tritt Großbritannien schlagartig aus dem europäischen Binnenmarkt und der Zollunion mit der EU aus. Bisher werden Waren zwischen dem Vereinigten Königreich und den anderen EU-Mitgliedern so problemlos transportiert wie zwischen Bayern und Hamburg. Bei einem harten Brexit wäre das nicht mehr der Fall - denn zwischen der EU und Großbritannien müssen dann Grenzkontrollen eingeführt und Zölle verhängt werden.

Das liegt daran, dass die Handelsbeziehungen dann auf Grundlage der WTO-Regeln stattfinden. Das heißt: Würden Großbritannien und die EU ohne Handelsabkommen gegenseitig auf Zölle verzichten, wären sie durch die sogenannte Meistbegünstigungsklausel gezwungen, diesen Vorteil auch allen anderen der 164 WTO-Mitgliedern einzuräumen. Und daran haben beide Seiten kein Interesse.

Easyjet will nicht mehr britisch sein

Die Zölle zwischen Großbritannien und der EU auf WTO-Niveau wären je nach Produkt unterschiedlich hoch. Der Thinktank Centre for European Reform (CER) geht von im Schnitt vier Prozent aus. Handel wird aber nicht nur teurer, sondern auch bürokratisch und zeitaufwändig: In der Nähe von Dover wird für den Ernstfall ein Stück der Autobahn, die zu dem wichtigsten Hafen Großbritanniens führt, in einen riesigen Parkplatz umgewandelt. Dort können viele Lkw auf ihre Abfertigung für den Kontinent warten. Zur Einordnung: Fast die Hälfte der britischen Exporte gehen in die EU. In Dover werden rund 17 Prozent der Güter für das Vereinigte Königreich abgefertigt. Jeden Tag rollen rund 10.000 Laster durch den Hafen.

Auf die möglichen Grenzkontrollen reagieren die in Großbritannien tätigen Firmen mit Notfallplänen und stocken beispielsweise ihre Vorräte auf. Bei frischen Lebensmitteln droht wie bei Medikamenten mit sehr kurzer Haltbarkeit allerdings ein Engpass, da sie nicht lange in Lagern gehortet werden können.

Hinzu kommt: Ohne Brexit-Abkommen gibt es zahllose Regelungen und Anforderungen, die britische Unternehmen plötzlich erfüllen müssen. Ein Beispiel für die vielen Probleme ist Easyjet. Die britische Fluggesellschaft versucht derzeit, einen Teil seiner Aktionäre aus Großbritannien und Ländern außerhalb der EU loszuwerden. Der Grund: Nur wenn eine Airline mehrheitlich Eignern aus der EU gehört, darf sie auch Flüge innerhalb der Union anbieten, beispielsweise von Berlin nach Paris. Andernfalls muss sich entweder der An- oder Abflughafen außerhalb der EU befinden.

Ein weiteres Beispiel dafür, wie komplex die Auswirkungen sind, beschreibt Handelsexperte Grozoubinski: In der Europäischen dürfen Spediteure, Bus-Unternehmen oder Lkw-Fahrer nur mit einer bestimmten Erlaubnis agieren - die nur von einem EU-Mitglied ausgestellt werden darf. Das heißt: Verlässt das Vereinigte Königreich ohne entsprechendes Abkommen die EU, gelten die von den Briten ausgestellten Zertifikate plötzlich nicht mehr und die Betroffenen müssen sich die erforderlichen Genehmigungen erst besorgen.

Notenbank sagt schwere Rezession voraus

Vor diesem Hintergrund geht die britische Notenbank davon aus, dass Großbritannien bei einem harten Brexit in die heftigste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg rutschen könnte. Ein "No Deal" würde das Bruttoinlandsprodukt um acht Prozent schrumpfen lassen, so die Bank of England. Auch an den Finanzmärkten erwartet die Notenbank heftige Reaktionen. So dürfte das britische Pfund um 25 Prozent zum US-Dollar nachgeben. Die Preise für Häuser könnten um knapp ein Drittel fallen.

Der deutliche Rückgang des Pfundes dürfte die Inflationsrate auf 6,5 Prozent steigen lassen, so die Notenbank. Sie wäre dann zu deutlichen Leitzinsanhebungen gezwungen. In der Spitze könnte der Leitzins den Zentralbankern zufolge bis auf 5,5 Prozent steigen - was Kredite stark verteuern und die Wirtschaft bremsen würde.

Berechnungen anderer Ökonomen gehen von weniger heftigen Konsequenzen aus. Einig ist sich die Ökonomen-Zunft allerdings darüber, dass bei einem harten Brexit die britischen Exporte angesichts von Zöllen und Regulierungen - zumindest zeitweise - zurückgehen. Viele Brexit-Befürworter warnen derweil vor Schwarzmalerei und argumentieren: Der Austritt werde kurz wehtun, danach werde die britische Wirtschaft wieder zulegen.

Ryanair-Chef Michael O'Leary, der lautstark für den Verbleib in der EU geworben hatte, kann dem wenig abgewinnen: "Letztlich übersteht man alles. Europa hat zwei Weltkriege überstanden", hatte er kurz vor dem Brexit-Referendum n-tv.de gesagt. "Das heißt aber nicht, dass wir mit einem Weltkrieg besser dran wären."

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Quelle: n-tv.de

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