Wirtschaft

"Wir mussten erst alles räumen" Wie sich eine Landwirtin mit dem Krieg arrangiert

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Ein ukrainischer Soldat nähert sich einer russischen Rakete, die auf ein Feld gestürzt ist.

(Foto: picture alliance / AA)

Im März eröffnen die russischen Truppen das Feuer auf einen 4000 Hektar großen Agrarbetrieb im Süden der Ukraine. Drei Monate später haben sich die Besatzer zurückgezogen, doch an Normalität ist für Landwirtin Nadia Iwanowa nicht zu denken. Trotz Spottpreisen finden sich keine Abnehmer für ihr Getreide.

Eigentlich rückt die Erntezeit näher, bisher aber sind russische Geschosse das Einzige, was die ukrainische Landwirtin Nadia Iwanowa auf ihren Feldern im Süden der Ukraine finden konnte. "Wir haben spät ausgesät, weil wir erst alles räumen mussten", sagt die 42-Jährige über die Folgen des russischen Beschusses und die zurückgebliebenen Kampfmittel.

Als die russischen Truppen im März in Richtung Norden vorstießen, eröffneten sie das Feuer auf den 4000 Hektar großen Betrieb von Iwanowa unweit der Stadt Mykolajiw. Zwar waren die einzigen Todesopfer der Kämpfe zwei Pfauen, die auf dem Hof lebten. Doch der Krieg hinterließ langfristige Schäden: Die Infrastruktur ist zerstört, lokale Märkte sind zusammengebrochen.

In Friedenszeiten produzierte der Betrieb jährlich mehr als 12.000 Tonnen Agrarerzeugnisse für den heimischen Markt, aber auch für den Export nach Europa, Afrika und China. Nun bedeuten zerstörte Bahnstrecken, verminte Wasserwege und Raketenbeschuss auf den Hafen in Mykolajiw für Iwanowa und ihre 76 Angestellten, dass sie ihr Getreide nicht mehr verkaufen können. In den Silos auf ihrem Hof lagern 2000 Tonnen Getreide - Abnehmer gibt es keine, obwohl der Preis für eine Tonne Getreide auf rund 100 Euro gefallen ist. Vor dem Krieg kostete das wertvolle Nahrungsmittel noch mehr als dreimal so viel.

Kein Techniker in Sicht

Auf dem Bauernhof verschärfen sich auch ganz alltägliche Probleme: Die Maschine zur Reinigung des Getreides ist defekt, doch Unterstützung von Versicherungen oder Banken ist unwahrscheinlich. 20 Kilometer entfernt wütet der Krieg. Kaum ein Techniker wagt es angesichts des ständig drohenden Beschusses, in der Gegend zu arbeiten.

Doch damit nicht genug: Auch die Preise für Dünge- und Pflanzenschutzmittel sind explodiert, Motoröl kostet dreimal so viel wie vor dem Krieg - wenn es überhaupt erhältlich ist. Zu allem Überfluss droht in diesem Jahr eine Dürre.

"Ich habe eine Familie zu ernähren"

Aber Iwanowa will weitermachen, um jeden Preis. Wird die Ernte nicht eingefahren, drohen bei großer Trockenheit Flächenbrände - durch die Kämpfe ist die Gefahr besonders groß. Deshalb hat sich die Landwirtin der neuen Situation so weit wie möglich angepasst. "Wir haben die Senfpflanze, die eher früh geerntet wird, mit Sonnenblumen und Hirse ersetzt, die erst später kommen", sagt Iwanowa.

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Auch ihr Mitarbeiter Oleksandr Chomenko ist zur Arbeit erschienen. Er sitzt auf einem roten Traktor und bereitet ein Feld für die Aussaat vor. "Ob wir Angst haben oder nicht, wir müssen zur Arbeit kommen", sagt er. "Ich habe eine Familie zu ernähren". So wie er kommen die meisten Mitarbeiter weiterhin zur Arbeit und werden bezahlt.

"Ich weiß nicht, wie lange ich das noch durchhalten kann", sagt Iwanowa. "Aber wenigstens wird es hier bei mir immer etwas zu essen geben."

Quelle: ntv.de, Blaise Gauquelin, AFP

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