Wirtschaft

Getreide als Kriegswaffe Wie Russlands Angriff die Welt aushungert

282350149.jpg

Russische Bomben gefährden die weltweite Lebensmittelversorgung.

(Foto: picture alliance / AA)

Weizendiebstähle, blockierte Schiffe, verminte Felder: Durch den russischen Angriff auf die Ukraine wird die Welt mit weniger Getreide versorgt. Denn die war bisher einer der größten Weizenproduzenten. Es droht die größte Hungersnot seit dem Zweiten Weltkrieg.

Bis zum russischen Angriff war die Ukraine einer der größten Nahrungsmittelproduzenten der Welt. Ihr Weizen, Mais und anderes Getreide werden überall auf dem Globus verspeist. Allein 2020 hat sie knapp 25 Millionen Tonnen Weizen produziert und drei Viertel der Menge exportiert. Nur Russland, die USA, Kanada und Frankreich verkaufen noch mehr Weizen.

Doch mit Kriegsbeginn musste die Ukraine ihre Lieferungen nahezu einstellen. Die Südküste mit den wichtigsten Häfen ist von russischen Truppen blockiert. Die mit Getreide beladenen Schiffe sitzen fest. Der Transport mit Zügen ist kompliziert und gefährlich, weil Kämpfe Gleise und Bahnen behindern. 13 Millionen Tonnen Getreide können aufgrund der Gefechte nicht exportiert werden, sagt Stephan von Cramon-Taubadel, Professor für Agrarpolitik an der Universität Göttingen, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Verminte Felder machen Landwirtschaft gefährlich

Die ukrainische Regierung erwartet, dass dieses Jahr die Hälfte der gesamten Ernte wegen des Kriegs verloren gehen könnte. Die französische Datenanalysefirma Karryos, die Satellitenbilder der NASA auswertet, schätzt, dass dieses Jahr etwa ein Drittel - 35 Prozent - weniger Weizen geerntet werden kann.

Der Frühling ist eine wichtige Zeit für die Landwirtschaft. Rüben und Kartoffeln kommen in die Erde, Weizen und Mais werden ausgesät. Dafür fehlen aber Personal und Flächen. Auch bis zur Ernte im Sommer ist es nicht mehr lange hin. "Überall da, wo die kriegerische Auseinandersetzung näher rückt, wird es natürlich schwieriger. Rein aus Sicherheitsgründen. Nachdem die russischen Soldaten sich aus dem Kiewer Raum zurückgezogen haben, hört man Berichte von Feldern, die vermint sind, sodass die Arbeit gefährlich ist", berichtet Agrarexperte von Cramon-Taubadel. Zudem fehlen Benzin und Landmaschinen. "Die sind von den Russen mitgenommen worden."

Russland will "bewusst unter Druck setzen"

Noch hat die Ukraine Vorräte. In den Lagern liegen momentan laut Bundeslandwirtschaftsministerium etwa 20 Millionen Tonnen Weizen. Doch es wird täglich weniger. Rund 700.000 Tonnen Getreide sind im Krieg einfach verschwunden, sagt die UN-Agrarorganisation - sie vermutet, dass die russischen Truppen sie gestohlen und nach Russland gebracht haben. Dazu kommt, dass die russische Armee Lagerhäuser und Felder zerstört. Laut der ukrainischen Regierung hat sie schon Hunderttausende Tonnen an Weizen vernichtet.

286395541.jpg

Trotz Geschoss im Boden geht die Landwirtschaft weiter: Bauer Ivan in Lukaschiwka in der ukrainischen Region Tschernihiw.

(Foto: picture alliance / NurPhoto)

Getreide, das Menschen weltweit dringend brauchen, sagt Hermann Lotze-Campen im Podcast. "Sowohl Russland als auch die Ukraine sind wichtige Lieferanten auf den Weltmärkten", erklärt der Abteilungsleiter für Klimaresilienz am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und Professor für nachhaltige Landnutzung und Klimawandel an der Berliner Humboldt-Universität. Das könne Hungerkrisen "natürlich noch mal weiter antreiben".

Mit Attacken auf Getreidesilos wolle die russische Armee nicht nur der Ukraine schaden, meint Stephan von Cramon-Taubadel. Es sehe so aus, als wolle Russland "bewusst die Welt-Ernährungssituation und die Versorgungslage in einigen Importländern unter Druck setzen." Getreide als Waffe sei das Stichwort.

Getreide ist so teuer wie lange nicht - die Preise explodieren. Im März und April kostete es rund ein Drittel mehr als vor einem Jahr. Die Preise seien bereits durch die Corona-Pandemie gestiegen, sagt Hermann Lotze-Campen. "Immer, wenn die Rohstoffpreise auf den Weltmärkten hochgehen, haben arme Länder, die auf Importe angewiesen sind, sofort Probleme. Das trifft wie immer die Ärmsten der Armen, die ärmsten Bevölkerungsschichten in den armen Ländern." Eine Entspannung sieht Stephan von Cramon-Taubadel für die kommenden Jahre nicht.

Milliarden mehr für Weizenimporte

Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze sieht die größte Hungersnot seit dem Zweiten Weltkrieg kommen. Eine weltweite Hungersnot steht laut den Experten Lotze-Campen und von Cramon-Taubadel zwar noch nicht bevor. Aber es trifft die wichtigsten Abnehmer-Länder der Ukraine hart: im Nahen und Mittleren Osten, in Südostasien und in Afrika.

Wo finde ich "Wieder was gelernt"?

Alle Folgen von "Wieder was gelernt" können Sie in der ntv-App hören und überall, wo es Podcasts gibt: Audio Now, Amazon Music, Apple Podcasts, Google Podcasts und Spotify. Mit dem RSS-Feed auch in anderen Apps.

In den Ländern Nordafrikas sei ein Großteil der Bevölkerung auf verbilligtes Getreide über staatliche Subventionen angewiesen, berichtet Stephan von Cramon-Taubadel. Die Länder hätten große Angst vor Unruhen infolge steigender Agrarpreise, wie schon 2008 und 2010. "Es wird geschätzt, dass Ägypten für Weizenimporte dieses Jahr zwei bis drei Milliarden Dollar mehr ausgeben muss. Das ist fast ein Prozent des ägyptischen Bruttoinlandsprodukts, eine Menge Geld."

Noch reicht der Weizen aus, andere Länder wie Indien, die USA und Australien können einspringen, weiß das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien. "Es kann sein, dass sich einige Länder wie China und Indien, die auf großen Lagerbeständen sitzen, überlegen: Jetzt können wir vielleicht ein bisschen was davon dieses Jahr verkaufen", so von Cramon-Taubadel. Ob auch noch im nächsten Jahr genug da ist, können die Experten nicht vorhersagen. Dazu kommt: Russland, Weizenlieferant Nummer eins, exportiert momentan gar kein Getreide. Indien, der größte Weizenproduzent nach China, erlebt gerade eine extreme Hitzewelle mit Temperaturen von mehr als 40 Grad Celsius - auch das gefährdet die Ernte.

Großteil des Getreides wird verfüttert

Kurzfristig mehr Getreide zu produzieren, ist schwierig in der Landwirtschaft. Vor allem auch in Ländern, wo das Wasser sowieso schon knapp ist. Aber es gibt andere Ideen. Hermann Lotze-Campen schlägt vor, weniger Fleisch zu essen. "Über die Hälfte des Getreides, was in Europa angebaut wird, wird verfüttert an die Nutztiere. Aus Klimaschutz- und Gesundheitsgründen müsste längerfristig sowieso die Tierhaltung und der Verbrauch von tierischen Lebensmitteln reduziert werden." Das helfe zwar nicht im Moment, habe aber langfristig einen Effekt.

Mehr zum Thema

Die Landwirte trifft der Ukraine-Krieg hart. Dünger und Tierfutter sind viel teurer geworden. Deshalb dürfen die Bauern in Deutschland diesen Sommer ausnahmsweise auf bestimmten "ökologischen Vorrangflächen" Gras mähen oder dort Tiere weiden lassen. Das hält Hermann Lotze-Campen für wenig effektiv. Um die Bauern zu entlasten, wäre es sinnvoller, wenn sie andere Pflanzenarten anbauen. "Um zum Beispiel auf die hohen Düngerpreise, gerade für Stickstoffdünger, oder die geringere Verfügbarkeit zu reagieren, könnte man mehr Leguminosen, also Stickstoff sammelnde Pflanzen anbauen wie Erbsen, Bohnen, Lupinen, die sich ja selber mit Stickstoff versorgen. Das ist auf jeden Fall etwas, was man relativ kurzfristig machen könnte."

In der Ukraine geht trotz des Krieges die Landwirtschaft weiter. Die Bauern versuchen, irgendwie ihre Felder zu bestellen. Sie greifen in ihrer Not zum Beispiel auf alte Methoden zurück und machen die Arbeit wie früher, mit Pferden. Richtig planen können sie erst wieder, wenn der Krieg vorbei ist.

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum bezahlen manche Berufspiloten Geld für ihren Job? Warum ziehen Piraten von Ost- nach Westafrika? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Alle Folgen finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. "Wieder was gelernt" ist auch bei Amazon Music und Google Podcasts verfügbar. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen