Wirtschaft

Kursfeuerwerk bei Corona-Killern Wie viel Luft hat Curevac nach oben?

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Wird sich der Impfstoff flächendeckend durchsetzen? Wie viele Menschen wollen sich wirklich impfen lassen?

(Foto: imago images/Michael Weber)

Dem Impfstoffhersteller Curevac aus Tübingen ist der beeindruckendste Börsengang eines deutschen Unternehmens seit langem gelungen. Allein seit November legte der Aktienkurs 180 Prozent zu. Die Impfstoff-Rally ist im vollen Gange. Selbstläufer sind die Papiere allerdings nicht.

Satte 180 Prozent Plus hat die Curevac-Aktie seit Anfang November vorzuweisen. Nach Biontech und Moderna ist der Tübinger Impfstoffhersteller nun der dritte im Bunde, der die magische 100-Euro-Marke geknackt hat. Die Impfstoff-Rally ist in vollem Gang. Jede positive Nachricht wird am Markt frenetisch gefeiert. Die hohen Bewertungen werfen allerdings Fragen auf. Wie dünn ist die Luft? Sind es bereits zu viele Vorschusslorbeeren? Droht der große Knall?

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CureVac 79,20

Zum Teil werden die Kurse schlicht von der schieren Angst der Anleger getrieben, etwas zu verpassen. Das allein sollte zur Vorsicht mahnen. Trading-Apps wie Robinhood, die es Kleinanlegern leicht machen, schnell und unkompliziert in Aktien zu investieren, befördern diesen Hype. Diese neue Gruppe von Anlegern lebt ihre Euphorie vor allem bei den jungen Biotech-Firmen mit kleinem Produktportfolio aus. Etablierte Pharmaunternehmen, die breiter aufgestellt sind, führen dagegen ein Mauerblümchendasein. Schon jetzt erinnert die Rally an die der Techwerte in den USA, wo es in der Vergangenheit ebenfalls zu absurden Bewertungen gekommen ist.

Die Aktie des US-Biotchriesen Moderna hat seit Januar 800 Prozent zugelegt. Beim Mainzer Unternehmen Biontech, das gemeinsam mit Pfizer an einem Impfstoff arbeitet, schlug sich die Hoffnung der Anleger mit einem plus von 350 Prozent nieder. Wie sehr die neuen Wachsstumstitel der Pharmabranche mit Vorschusslorbeeren bedacht werden, sieht man am Impfstoff-Nachzügler Curevac.

Während Biontech und Moderna ihre Massentests immerhin schon abgeschlossen haben und Zulassungen für ihre Vakzine beantragt haben, muss Curevac die Testergebnisse seines Impfstoffkandidaten CVnCOV erst noch vorlegen. Wie es heißt, soll es Anfang 2021 so weit sein. Geimpft werden kann dann möglicherweise im März, wie Curevac-Gründer Ingmar Hoerr im ZDF-Interview in Aussicht stellt. "Wir werden nicht die ersten sein", räumt der Biologe ein. Der Curevac-Aktie merkt man das kaum an.

Hoerr ging auch auf die Kosten der Impfstoffentwicklung ein. Die jüngsten Zahlen von Curevac zeigen, wie sehr Medikamenten-Forschung ins Kontor schlägt. Zwar hat sich der Umsatz im vergangenen Quartal auf Jahresbasis verfünffacht. Doch diesen hat Curecac vor allem einer Zahlung seines Pharma-Partners GlaxoSmithKline zu verdanken. Unterm Strich stehen tiefrote Zahlen, der Nettoverlust hat sich verdoppelt.

Kompetenz und langfristige Investoren

Doch für die Anleger stehen andere Dinge im Fokus: Die Auftraglage stimmt. Die EU hat bereits 225 Millionen Dosen mit der Option auf weitere 180 Millionen geordert. Das Produktionsnetzwerk existiert, Auftragsfertiger wie Wacker Chemie stehen bereit.

Hoerr genießt zudem das höchste Ansehen in der Branche. Der Curevac-Günder ist nicht weniger als der Entdecker der neuartigen mRNA-Technologie, auf der die Corona-Impfstoffe der Pharma-Newcomer basieren. Dass Menschen mit Informationen, nicht mit Medikamenten geimpft werden, ist die bahnbrechende Entdeckung während seiner Doktorandenzeit. Außerdem hat Hoerr noch ein Ass im Ärmel: Mit Mehrheitseigentümer und SAP-Mitgründer Dietmar Hopp, der bis heute 1,5 Milliarden Euro in Biotech-Startups wie Curevac steckte, sowie Microsoft-Gründer Bill Gates und Tesla-Chef Elon Musk hat er hochkarätige Investoren und Kooperationspartner an der Seite, die langsfristige Interessen verfolgen.

Die tiefroten Zahlen seien deshalb kein Anlass zur Sorge, wie er sagt: "Es ist toll, dass wir Leute mit langem Atem haben. Ein Venture-Capitalist will immer schnell Gewinne zurückkriegen, das geht so nicht. Nach fünf Jahren werden sie keinen Return-of-Investment kriegen", sagt Ingmar Hoerr im ZDF-Interview. Bei so einer revolutionären Technologie brauche es einfach die Zeit.

Und es gibt noch ein Alleinstellungsmerkmal, das die Anleger-Fantasien schürt: Der Curevac-Impfstoff ist im Vergleich zu den Konkurrenzprodukten deutlich einfacher zu handhaben. Lagerung und Transport des Curevac-Impfstoffs müssen nicht bei 70 Grad Minus erfolgen, sie sind bei normalen Kühlschranktemperaturen möglich. Curevac-Chef Franz-Werner Haas verspricht zudem eine Immunreaktion "ähnlich wie nach einer natürlichen Infektion".

Wird alles so kommen, wie erhofft?

Trotzdem bleiben Unsicherheiten: Dutzende Impfstoffhersteller werden es nicht bis zur Marktreife schaffen. Einige werden es schwer haben, ihre Kosten wieder einzutreiben. Zumal es wohl nicht lange dauern dürfte, bis es kostengünstigere Nachahmer-Vakzine geben wird. Und wie es aussieht, gibt es noch einen Unsicherheitsfaktor, der derzeit nicht zu einzuschätzen ist. "Umfragen zeigen, dass inzwischen 40 Prozent der Menschen, die vorher gesagt haben, sie wollten sich impfen lassen, jetzt eher zurückhaltend sind und abwarten wollen", sagt ntv-Börsenexpertin Katja Dofel.

Normalerweise dauern Tests für eine Zulassung zehn Jahre. Bei den Corona-Impfstoffen liegt sie im Durchschnitt bei einem Jahr. Viele sorgen sich wegen möglicher Nebenwirkungen. Die Frage ist also: Wird sich der Impfstoff flächendeckend durchsetzen? Jeder Rückschlag, jede Enttäuschung könnte ebenfalls sehr schnell auf die Kurse durchschlagen.

Quelle: ntv.de