Wirtschaft

Wertlose Geldscheine Wie wird Indien Milliarden Banknoten los?

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In Ahmedabad hält ein Polizist Einwohner der Stadt davon ab, eine Bankfiliale zu betreten.

(Foto: REUTERS)

Es ist eine gewaltige Herausforderung: Indien zieht mehrere Milliarden Banknoten in kürzester Zeit aus dem Verkehr und ersetzt sie durch neue. Die indische Zentralbank hat noch viel zu tun. Denn die Aktion verläuft alles andere als reibungslos.

Indiens Notenbank hat ein Problem: Bis zum 30. Dezember haben Inder Zeit, 23 Milliarden wertlose Geldscheine umzutauschen – und die müssen danach entsorgt werden. Die Menge ist üppig; immerhin handelt es sich damit um etwa 85 Prozent des Bargeldumlaufs in Indien. Zum Vergleich: Im gesamten Euroraum befinden sich mit 19,4 Milliarden Banknoten weniger Geldscheine im Umlauf, als nun in Indien mit einem Schlag aus dem Verkehr gezogen werden.

Warum das alles? Die Regierung hatte am 9. November völlig überraschend die beiden größten Banknoten im Wert von 500 und 1000 Rupien (das entspricht 6,85 und 13,70 Euro) für wertlos erklärt. Premierminister Narendra Modi begründete die radikale Maßnahme mit dem Kampf gegen Schwarzgeld und Korruption. Offizielle Schätzungen gehen davon aus, dass nur knapp drei Prozent aller Inder überhaupt Einkommensteuer zahlen. Selbst Immobiliengeschäfte werden häufig bar abgewickelt, um Steuern zu vermeiden.

Die alten Scheine können noch bis Ende des Jahres auf ein indisches Bankkonto eingezahlt oder gegen neue 500- und 2000-Rupien-Scheine umgetauscht werden, die die indische Notenbank schrittweise ausgibt. Gerade einmal 4000 Rupien (54,83 Euro) dürfen direkt getauscht werden, der Rest muss auf einem Konto landen. Die indische Regierung erhofft sich durch den Zwang zum papierlosen Geld vor allem ein Ende der Schattenwirtschaft, die verschiedenen Schätzungen zufolge ein Fünftel bis ein Viertel der indischen Wirtschaftskraft ausmacht.

Es mangelt an Bargeld

Die alten Scheine werden geschreddert und auf Deponien entsorgt. Andere werden zu Briketts zusammengepresst und als Energielieferant industriell verfeuert – einige werden diesem Schicksal entgehen und als Briefbeschwerer oder ähnlicher Nippes verkauft. Einige der Geldscheine werden derweil auf Ebay oder anderen Plattformen angeboten. Beliebt sind dort vor allem Geldscheine, auf die die Unterschrift vom ehemaligen Notenbankchef Raghuram Rajan gedruckt ist. Der Star-Ökonom, von indischen Medien quasi als Rockstar gefeiert, hatte im Juni das Handtuch geworfen.

Das Entsorgen der Scheine ist eine logistische Herausforderung, die allerdings sehr viel geringer ist, als die benötigten neuen Geldscheine zu drucken und in Umlauf zu bringen. Und hier hakt es gewaltig: Die neuen Scheine werden zu langsam gedruckt.

Noch immer sind viele Bankfilialen hoffnungslos überlaufen und die meisten Geldautomaten leer. Hinzu kommt: Indien ist eine klassische Bargeld-Wirtschaft. Fast 70 Prozent der 1,2 Milliarden Einwohnern leben unter dem Existenzminimum von weniger als umgerechnet zwei US-Dollar am Tag. Viele Arme haben weder Konto noch Kreditkarte, und Straßenhändler und kleine Ladenbesitzer nehmen nur Bargeld. Fast die Hälfte aller finanziellen Transaktionen wird in Indien mit Bargeld getätigt. So ist auch für die über 263 Millionen Landwirte Indiens die Banknotenumstellung der Regierung ein Schock: Die Landwirtschaft funktioniert fast ausschließlich mit Bargeld.

Quelle: ntv.de, jga/dpa/rts/AFP