Wirtschaft
Janet Yellen.
Janet Yellen.(Foto: AP)
Mittwoch, 31. Januar 2018

"Kleine Dame mit großem IQ": Wieso muss Yellen eigentlich gehen?

Von Jan Gänger

Janet Yellen hat einen guten Job gemacht. Dennoch sorgte US-Präsident Donald Trump dafür, dass die Notenbank Fed in Kürze von einem anderen geführt wird – und zeigt damit eindrucksvoll, dass Qualifikation für ihn nur nebensächlich ist.

Janet Yellen blickt auf eine überaus erfolgreiche Amtszeit zurück. Als Chefin der US-Notenbank Fed wird sie weithin respektiert, die Inflation liegt im grünen Bereich, die Arbeitslosigkeit ist niedrig. 60 Prozent der vom "Wall Street Journal" befragten Ökonomen geben ihr die beste Note. Das ändert jedoch nichts daran, dass Yellen nach vier Jahren ihren Job verliert. Heute wird sie zum letzten Mal eine Sitzung des Fed-Rats leiten. Am kommenden Montag tritt ihr Nachfolger Jerome Powell sein Amt an.

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US-Präsident Donald Trump wollte Yellen nicht länger an der Spitze der Fed sehen. Warum das so ist, ist nicht so richtig ersichtlich. Das liegt vor allem daran, dass nicht erkennbar ist, was für eine Geldpolitik Trump wünscht. So hat er in der Vergangenheit immer wieder über niedrige Zinsen geschimpft und Yellen auf den Weg gegeben, sie solle sich deshalb schämen. Nur um ebenfalls gelegentlich zu erklären, dass niedrige Zinsen großartig seien und eine Zinserhöhung beängstigend.

Zudem nominierte Trump mit Powell einen Nachfolger, der als konsensorientiert gilt und von dem allgemein erwartet wird, dass er die geldpolitische Linie Yellens fortsetzen wird. Wieso sie dann dennoch gehen muss? Für Trump scheint es zwei wesentliche Unterschiede zu geben: Powell ist nicht von Barack Obama ernannt worden. Und er ist keine Frau.

Und so muss Yellen gehen, obwohl sie einen guten Job gemacht hat. Die beiden Aufgaben der Fed hat sie tadellos erfüllt: durch Geldpolitik für Vollbeschäftigung und Preisstabilität zu sorgen. In Zahlen ausgedrückt: Die Arbeitslosigkeit liegt bei 4,1 Prozent und damit sehr viel niedriger als bei Yellens Amtsantritt im Februar 2014. Das ist der beste Wert seit 1970. Unter Yellen sank die Arbeitslosigkeit um 2,6 Prozentpunkte - kein anderer Fed-Chef kommt in jüngerer Zeit auf eine bessere Bilanz. Die Inflation pendelt um die Zwei-Prozent-Marke und liegt damit im Zielbereich der Fed. Das Wirtschaftswachstum hat Fahrt aufgenommen.

Hinzu kommt, dass die Fed unter Yellens Führung maßgeblich dazu beigetragen hat, die USA aus der Finanzkrise zu führen. Mittlerweile kehrt die Zentralbank zur geldpolitischen Normalität zurück.

Normalerweise müsste die 71-jährige Yellen deshalb für eine weitere Amtszeit nominiert werden. Dennoch ist sie seit knapp 40 Jahren die erste Person an der Spitze der Fed, die keine zweite Amtszeit bekommt. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil Yellen über eine außerordentliche akademische Reputation verfügt.

Erste Frau an der Fed-Spitze

Die Ökonomin hat an der Elite-Universität Yale studiert und dort promoviert. Bereits im Alter von 25 Jahren lehrte sie in Harvard. Sie kennt sich bestens mit dem US-Notenbanksystem aus - von 1994 bis 1997 war sie Mitglied im Direktorium der Fed, von 2004 bis 2010 führte sie die regionale Federal Reserve Bank von San Francisco. 2010 wurde sie Vize-Chefin der Fed, 2014 trat sie die Nachfolge von Ben Bernanke an der Spitze der Fed an - die erste Frau auf diesem Posten in der mehr als hundertjährigen Geschichte der Notenbank. Zwischenzeitlich war sie Wirtschaftsberaterin von Präsident Bill Clinton. Verheiratet ist sie mit dem Ökonomen und Nobelpreisträger George Akerlof, den sie in der Kantine der Fed kennengelernt hatte. Der "New York Times"-Journalist Binyamin Appelbaum zitiert ehemalige Kollegen Yellens: "Eine kleine Dame mit einem großen IQ".

Trotz ihrer Reputation wurde Yellen vom US-Senat mit den wenigsten Ja-Stimmen bestätigt, die ein Fed-Chair jemals bekam. Obama brachte seine Kandidatin mit nur 56:26 Stimmen durch. Ihr Nachfolger kam auf ein Ergebnis von 84:13.

Die Ablehnung vieler Republikaner hatte nichts mit ihrer Kompetenz zu tun. Beispielhaft für deren Position war der republikanische Senator Pat Toomey, für den Yellen sich widersprechende Gefahren verkörperte. Er warnte vor "dramatisch steigenden Zinsen, Vermögensblasen und vor Arbeitsplätze vernichtender Inflation". Sein Kollege Marco Rubio meinte, dass Yellen als Fed-Chefin die kurz- und langfristigen Wachstumsaussichten bedrohe.

All das traf zwar nicht ein, doch die Kritik an Yellen ist bis heute nicht abgerissen. Von konservativer Seite wird ihr vorgeworfen, im Rahmen der "Quantitative Easing" (QE) genannten Krisenmaßnahmen die Fed-Bilanz durch den massenhaften Kauf von Anleihen viel zu weit aufgebläht zu haben - auf 4,5 Billionen Dollar.

Von linker Seite kommt der Vorwurf, Yellen habe zu wenig unternommen, um für höhere Löhne bei Geringverdienern und der Mittelklasse zu sorgen – und stattdessen aber für steigende Aktienmärkte.

"Ein netter Kerl"

Yellen hatte eine Notenbank übernommen, die mit den Nachwehen der Finanzkrise zu kämpfen hatte. Unter ihrem Vorgänger Bernanke hatte die Fed den Leitzins auf null gesenkt. Außerdem hatte er das QE gestartet - also ungewöhnliche geldpolitische Maßnahmen mit dem Zweck, Geld in den Wirtschaftskreislauf zu pumpen und damit die Konjunkturerholung voranzutreiben. Unter Yellen leitete die Fed zuletzt das schrittweise Zurückfahren der ultra-lockeren Geldpolitik ein – die Zentralbank erhöhte den Leitzins und begann mit dem Abbau der Bilanz.

Und Powell? Yellens Nachfolger genießt einen guten Ruf. Er ist bereits seit 2012 Mitglied im Board of Governors, dem Führungsgremium der Fed. Powell wurde von Trump nominiert und gilt als den regierenden Republikanern nahestehend. Der 64-Jährige ist im Gegensatz zu Yellen kein Ökonom, sondern Jurist. Bevor er zur Fed wechselte, hatte Powell als Investmentbanker gearbeitet.

Damit dürfte er ganz nach dem Geschmack von US-Präsident Trump sein. Und dass, obwohl Powell aller Voraussicht nach die moderate und vorsichtige Linie seiner Vorgängerin fortsetzen wird.

"Jerome Powell ist ein netter Kerl", meint Sam Bell, der über die US-Notenbank schreibt. Er sei gegenüber neuen Informationen bemerkenswert offen. "Aber er weiß über Geldpolitik nur ein Tausendstel von dem, was Yellen weiß. Er ist ein unbeschriebenes Blatt." Der wesentliche Punkt, der für Powell spreche sei, "dass er gesagt hat, dass er Yellens Politik fortsetzen werde".

Quelle: n-tv.de