Wirtschaft

Hersteller laufen sich warm "Wir brauchen ein Cannabis-Reinheitsgebot"

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Seit 2017, als Cannabis für medizinische Zwecke wie Schmerzlinderung bei Schwerkranken erlaubt wurde, erlebt der Stoff in Deutschland einen Boom.

(Foto: imago images/photothek)

Mit den Plänen der Ampel steht Deutschland nicht nur vor einem historischen Schritt in der Drogenpolitik. Die Liberalisierung öffnet auch einen legalen Massenmarkt. Die Branche hofft auf satte Gewinne. Im Interview mit ntv.de erzählt Lars Müller von SynBiotic, was jetzt auf die Cannabis-Wirtschaft zukommt.

ntv.de: Die Ampel hat in ihrem Koalitionsvertrag den Weg fürs legale Kiffen freigemacht. Haben Sie damit gerechnet, dass das so schnell geht?

Lars Müller: Für uns kam das total überraschend. Wir sind seit ein paar Jahren mit der SynBiotic SE im Cannabinoid-Markt aktiv. In unserer Zusammenarbeit mit Lobbyverbänden haben wir lange daran gearbeitet, das Thema nach vorne zu bringen. Dass die Legalisierung so schnell kommt, damit haben wir nicht gerechnet.

Was entgegnen Sie Kritikern, die die Legalisierung von Cannabis für gefährlich halten?

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Lars Müller

(Foto: SynBiotic SE)

Viele Kritiker argumentieren: Cannabis ist eine Einstiegsdroge. Darauf erwidere ich gerne, dann sollen wir uns bitte auch mal um Alkohol Gedanken machen. Dieses Argument halte ich für völlig verblendet. Einen Schwarzmarkt gibt es so oder so schon. Wer heute Cannabis haben will, der bekommt es auch. In Zukunft bekommt er es eben von einer Stelle, die dafür sorgt, dass die Qualität passt. Niemand muss sein Cannabis mehr bei skurrilen Dealern kaufen.

In Deutschland ist Cannabis für medizinische Zwecke bereits seit 2017 erlaubt. Was kommt auf die deutsche Cannabis-Wirtschaft jetzt zu?

Die deutsche Cannabis-Wirtschaft wird sich in Zukunft in zwei Bereiche teilen. Der eine ist der ganz klar medizinische Einsatz, der wie heute schon über Ärzte und Apotheken umgesetzt wird. Für diesen Zweck wird es spezielle Blüten und Produkte wie Extrakte und zum Beispiel Dronabinol geben, die eine medizinische Qualität aufweisen. Daneben wird jetzt ein Genuss- und Freizeitmarkt entstehen. Hier gilt noch zu klären: Welchen Qualitätsstandard müssen die THC-haltigen Produkte einhalten? Wir brauchen sozusagen ein "Cannabis-Reinheitsgebot". Ich sehe diese Bereiche parallel nebeneinander. Die Zielgruppen sind total unterschiedlich. Deswegen kann ich mir auch nicht vorstellen, dass Cannabis für den Genuss- und Freizeitmarkt in den Apotheken erhältlich sein wird.

Unternehmen, die sich auf nicht psychoaktive Stoffe wie CBD konzentrieren, sind schon vor dem Vorstoß der Ampel wie Pilze aus dem Boden geschossen. Werden sich CBD- und THC-Produkte in Zukunft einen Wettkampf liefern?

Was unterscheidet CBD von THC?

CBD steht für Cannabidiol. Das ist einer von mehr als 100 Wirkstoffen, die sich in der Cannabispflanze wiederfinden. Anders als THC, das bekannteste Cannabinoid, hat CBD keine berauschende Wirkung und fällt damit nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. Es wirkt trotzdem, nur anders. Die Forschung sagt, dass es zum Beispiel beim Konzentrieren hilft und man damit besser schlafen kann. Auch Entzündungen können vermieden werden, Muskeln scheinen sich nach dem Sport besser zu entspannen.

Wie Ibuprofen und Paracetamol sind auch CBD und THC zwei komplett unterschiedliche Wirkstoffe. Ich sehe den medizinischen Einsatz von THC kritisch. Die psychoaktive Komponente von THC, das High, was ich bekomme, ist für den medizinischen Einsatz häufig nicht sinnvoll. Schmerzpatienten können morgens kein THC konsumieren und anschließend mit dem Auto zur Arbeit fahren. Darum hat CBD als nicht psychoaktives Cannabinoid seine Vorteile. Zwischen CBD und THC wird es ein synergetisches Miteinander geben. Die Legalisierung wird THC aber sicherlich nochmal einen richtigen Boost geben. Schließlich gibt es schon heute einen milliardenschweren Schwarzmarkt. Im Vergleich ist der CBD-Markt kleiner. Ich vermute, dass THC in den nächsten Jahren einen ganz klaren Vorsprung bekommt.

Haben die wenigen Unternehmen, die schon jetzt in Deutschland Cannabis anbauen dürfen, einen Wettbewerbsvorteil?

Das sehe ich nicht so. In Deutschland bauen die wenigen Firmen ihre Blüten in Banktresor-ähnlichen Fabriken an. Auf der Skalierungsebene ist das absolut nicht möglich, dass das funktioniert. Ich sehe aber auch nicht, dass der Bauer um die Ecke bei mir im Allgäu frei verkäufliches Cannabis anbauen darf. Die Karten werden jetzt neu gemischt. Ich glaube, dass die Unternehmen auf gute Geschäfte hoffen können, die schon heute stark im Import sind und vor allem auch die Unternehmen, die schon die richtigen Sorten im Portfolio haben. Der Freizeitkiffer will kein medizinisches Cannabis rauchen, sondern besondere Sorten. Um diese den Konsumenten auch anbieten zu können, sind wir abhängig vom Import, weil wir die in Deutschland so schnell gar nicht anbauen können.

In den Niederlanden hat der liberale Umgang mit Cannabis gezeigt: Der illegale Anbau und Handel, Einfuhr und Vertrieb wurde gestärkt und kriminelle Banden führen gewaltsame Auseinandersetzungen um Marktanteile. Droht uns in Deutschland ein ähnliches Szenario?

In unserem Nachbarland wurde Cannabis nicht legalisiert - es ist nur entkriminalisiert und geduldet. Das ist nicht optimal. Verkauft werden darf nur in Coffeeshops und auch die Lieferketten sind recht undurchsichtig. Die Niederlande sind kein Vorbild. Wenn Deutschland Cannabis offiziell legalisiert, offizielle Abgabestellen benennt, ganz klar geregelt ist, wie angebaut und distribuiert werden darf, dann ist das ein großer Sprung in der Professionalisierung.

Was bedeutet die Legalisierung für Ihr Unternehmen?

Wir sind mit der SynBiotic SE die größte Unternehmensgruppe in Europa für das ganze Thema Cannabinoide. Wir haben acht Unternehmen in unserer Gruppe und man munkelt, dass künftig noch ein paar hinzukommen werden. Bei CBD und THC sind wir schon gut aufgestellt. Wir verfügen über einen funktionierenden Vertrieb und Lizenzen. Unser Geschäftsmodell ist nicht von der Legalisierung abhängig, aber dieser Schritt wird natürlich einen massiven positiven wirtschaftlichen Effekt auf unsere Zahlen haben.

Bislang waren Cannabis-Aktien nichts für konservative Anleger. Könnte sich das bald ändern?

Synbiotic
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Das kommt immer auf das jeweilige Unternehmen an. Es wird auch in Zukunft sehr aggressive und spekulative Firmen geben, die sagen: Wir machen in drei Jahren Milliardenumsätze und Millionengewinne. Die SynBiotic SE steht für eine gewisse Bodenständigkeit. Wir verfolgen eine Buy-and-Build-Strategie, das heißt, zu unserer Unternehmensgruppe kommen jedes Jahr neue Unternehmen hinzu. Wir sind heute schon in einigen Teilen unserer Gruppe profitabel. In der Gesamtgruppe noch nicht, weil wir auch Wachstumsprojekte verfolgen. Ich will mit der SynBiotic SE eine Unternehmensgruppe aufbauen, die zeitnah schwarze Zahlen schreibt und auch ohne ständigen Zufluss von externem Kapital am Markt bestehen kann. In Kanada und Nordamerika haben wir gelernt, wie man es nicht machen sollte. Diese Fehler wollen wir hier vermeiden.

Welche sind das?

In Nordamerika wurden einfach viel zu große Versprechungen gemacht, die nicht eingehalten wurden. Das strafen natürlich auch die Investoren ab. Das wissen wir und deshalb bleiben wir maximal transparent und verlässlich. Zudem sind in den USA und Kanada viel zu schnell, viel zu viele Cannabis-Anbau-Projekte aus dem Boden geschossen. Der Fokus darauf war viel zu stark. In Deutschland und Europa haben wir jetzt die Chance, das besser zu machen.

Mit Lars Müller sprach Juliane Kipper

Quelle: ntv.de

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