Experte beklagt Bahn-AusredenZüge zwischen Hamburg und Berlin sind nach der Sanierung sogar langsamer

ICE-Züge zwischen Berlin und Hamburg waren nach dem Start der Schnellstrecke gut 90 Minuten unterwegs. Über die Jahre brauchten sie allerdings immer länger. Laut Bahn wegen der maroden Infrastruktur. Daran soll die Generalsanierung etwas ändern. Tut sie aber nicht, im Gegenteil.
Fernzüge der Deutschen Bahn sind auf der Schnellfahrstrecke Hamburg-Berlin künftig langsamer unterwegs als vor der monatelangen Sperrung. Jahrelang betrug die schnellste Verbindung 103 Minuten. Unmittelbar vor der mindestens 2,2 Milliarden Euro teuren Korridorsanierung erhöhte die Bahn die Fahrzeit 2025 dann um zwei Minuten. Und nach Abschluss der Bauarbeiten sollen noch einmal zwei Minuten obendrauf kommen. Der schnellste ICE legt die Strecke künftig demnach in 107 Minuten zurück. Die Bahn hatte diese Zahlen ursprünglich dementiert, auf Nachfrage der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) dann aber eingeräumt.
Unter dem früheren Bahn-Chef Hartmut Mehdorn war die Strecke Anfang der 2000er für 650 Millionen Euro von 160 auf 230 Kilometer pro Stunde ausgebaut worden. Das große Versprechen: Hamburg-Berlin in 90 Minuten. Bald zeigte sich, dass die Reserven nicht ausreichten, und so erhöhte man die Fahrzeit erst auf 93, dann auf 95 Minuten. Im Jahr 2021 antwortete die damalige Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen: "Nach Auskunft der DB AG beträgt die minimal fahrbare Fahrzeit 1 Stunde und 35 Minuten." Verlängert habe sich diese in den letzten Jahren vor allem "wegen des Zustands der Strecke (Alter und Verschleiß) und den daraus resultierenden Bauzuschlägen".
Dieser Grund fällt nach der Generalsanierung der Strecke weg. Auf Nachfrage erklärt eine Bahn-Sprecherin, die längere Fahrzeit sei "nicht auf den Zustand der Infrastruktur nach der Korridorsanierung zurückzuführen, sondern auf ein komplexes System, mit dem der Fahrplan erstellt wird". Demnach seien die Knoten Hamburg und Berlin beide überlastet, das Netz aufgrund der vielen Nahverkehrszüge sehr voll und auch der Zustand umliegender Strecken wirke sich auf den Fahrplan aus.
Der Bahn-Experte und Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, Christian Böttger, hält das für vorgeschoben. "Die wechselnden Ausreden der DB sind beunruhigend", sagt er der SZ. "Jetzt ist die Ausrede nicht mehr, dass die Strecke marode ist, sondern dass sie überlastet ist." Für die Fahrgäste sei das enttäuschend. "Da wünsche ich mir von der DB in Zukunft mehr Ehrlichkeit."