Wirtschaft
Mit unangenehmen Fragen prüfen Personaler, wie sich Bewerber unter Stress verhalten.
Mit unangenehmen Fragen prüfen Personaler, wie sich Bewerber unter Stress verhalten.(Foto: imago/Westend61)
Mittwoch, 31. August 2016

Smart durchs Bewerbungsgespräch: So meistern Sie heikle Fragen

Von Isabell Noé

Gute Vorbereitung ist bei Vorstellungsgesprächen die halbe Miete. Nur wird es immer Fragen geben, die im Training nicht vorkommen. Wie reagiert man, wenn das Gegenüber plötzlich auf Konfrontationskurs geht oder mit abseitigen Themen um die Ecke kommt?

"Was ist Ihre größte Schwäche?" Der Bewerber könnte jetzt alles Mögliche antworten, "Jähzorn", "Prokrastinieren" oder einfach "Schokolade". Stattdessen sagt er: "Mein Perfektionismus". So wie 80 Prozent der anderen Kandidaten, die den Katalog der Standardfragen – und der dazugehörigen Standardantworten - durchgearbeitet haben. Für Personaler, die nach authentischen Persönlichkeiten suchen, ist das zum Verzweifeln. Drew Houston, der Gründer des Cloud-Speichers Dropbox, versucht sich Bewerbern anders anzunähern. Der "New York Times" erklärte der 33-Jährige kürzlich, mit welchen Fragen potenzielle Angestellte bei ihm rechnen müssen: Wer ist weltweit am besten in dem, was Sie tun? Wer hat Sie beeinflusst? Was haben Sie im letzten Jahr gelernt? Wenn Sie zehn Jahre zurückreisen könnten, welchen Rat würden Sie Ihrem jüngeren Ich geben? Was sind die wichtigsten Lektionen, die Sie gelernt haben?

Er suche Menschen, die ihr Handwerk lieben und darin immer besser werden wollen, sagte Houston der Zeitung. Und anhand dieser fünf Fragen könne er das herausfinden. Für den Fall, dass Sie bei Dropbox anheuern wollen, wissen Sie jetzt also, was Sie erwartet. Doch nicht nur bei Drew Houston müssen Sie auf außergewöhnliche Fragen gefasst sein. Auch hierzulande schneiden Personaler mitunter überraschende Themen an, um Kandidaten aus der Reserve zu locken.

Diese Arten von Fragen gibt es

Ihr Vorteil: Wenn Sie erkennen, in welcher Absicht eine Frage gestellt wird, wird Ihnen die Antwort leichter fallen. Lernen Sie deshalb zuerst, verschiedene Arten von Fragen zu unterscheiden:

Klassiker: "Erzählen Sie etwas über sich." "Was sind Ihre Stärken und was Ihre Schwächen?" "Warum wollen Sie zu uns?" Diese Fragen kommen ziemlich verlässlich in jedem Bewerbungsgespräch, entsprechend einfach ist es, sich darauf vorzubereiten. Wie das geht, haben wir hier schon einmal aufgeschrieben.

Grundsatzfragen: "Wie würden Sie Ihre Autobiografie nennen?" "Wenn Sie ein Tier wären, welches und warum?" Klar, hier geht es um Ihr Selbstverständnis. Richtig oder falsch gibt es bei den Antworten nicht, Sie sollten nur begründen können, wie Sie darauf kommen. Nutzen Sie die Möglichkeit, die man Ihnen gibt, Ihre Persönlichkeit und Interessen genauer zu beschreiben.

Loyalitätsfragen: "Wie steht es wirtschaftlich um Ihren bisherigen Arbeitgeber?" "Kommen Sie gut mit Ihren derzeitigen Vorgesetzten klar?" Jetzt bloß nichts Schlechtes sagen! Ihr Gegenüber möchte keine Lästerrunde mit Ihnen anfangen, sondern Ihre Loyalität testen. Begünden Sie Ihre Wechselabsichten also immer positiv und nicht mit Missständen bei Ihrer bisherigen Firma.

Technikfragen: "Wie viele Golfbälle passen in einen A380?" "Warum sind Gullydeckel rund?" Bei Stellen, die ausgeprägte analytische Fähigkeiten voraussetzen, müssen Sie mit Fragen rechnen, die logisches Denken erfordern. Dabei kommt es Ihrem Gegenüber nicht unbedingt auf die korrekte Antwort an, sondern vielmehr auf Ihren Lösungsansatz. Nehmen Sie sich also kurz Zeit, Ihre Gedanken zu ordnen und erklären Sie dann, wie Sie vorgehen würden. Tipp: Wenn Sie fürs Vorstellungsgespräch trainieren, sehen Sie sich ruhig die Lösungswege populärer Technikfragen an. Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass Personaler auf bekannte Denksportaufgaben zurückgreifen.

Kreative Fragen: "Welche zehn Verwendungsmöglichkeiten fallen Ihnen für einen Bleistift ein?" "Wie würden Sie einem Blinden die Farbe Gelb beschreiben?" Klar, hier geht es um Kreativität. Denken Sie bei Ihrer Antwort aus der Nutzerperspektive. Der Blinde beispielsweise kann mit dem Konzept von Farben vermutlich wenig anfangen. Was er aber kennt, ist das Gefühl von Wärme und Sonnenstrahlen auf der Haut und hier könnten Sie bei Ihrer Antwort ansetzen.

Kulturspezifische Fragen: "Welchen Song aus den 90er-Jahren würden Sie am liebsten live hören?" "Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?" Bei solchen Fragen nach Kulturthemen oder dem aktuellen Zeitgeschehen gibt es kaum richtige oder falsche Antworten. Es geht darum, etwas über Sie als Mensch zu erfahren. Welche Interessen haben Sie neben der Arbeit? Sind Sie eher introvertiert oder extrovertiert? Wie steht es um Ihren Sinn für Humor? Bleiben Sie authentisch. Wenn Ihnen keine Antwort einfällt, nutzen Sie die Vorlage, um zu anderen Interessen überzuleiten.

Die wichtigsten Fakten stehen im Lebenslauf. Im Gespräch geht es vor allem um die Persönlichkeit von Bewerbern.
Die wichtigsten Fakten stehen im Lebenslauf. Im Gespräch geht es vor allem um die Persönlichkeit von Bewerbern.(Foto: imago/wolterfoto)

Wertbasierte Fragen: "Würden Sie Ihre Arbeit lieber fristgerecht erledigen oder zu spät, aber dafür richtig gut?" "Würden Sie eine rote Ampel überfahren, wenn Sie ansonsten zu spät kommen würden?" Hier wird geprüft, welche Schwerpunkte Sie bei einer Kosten-Nutzen-Analyse setzen. Es geht also um Ihren EQ, den Emotionalen Quotienten. Dazu gehören beispielsweise Empathie und die Fähigkeit zur Selbstreflexion.

Überraschende Fragen: "Was bedeutet Geld für Sie?" Klar wollen Sie nicht gierig erscheinen. Allerdings heißt es auch "Nur Lumpen sind bescheiden". Gehen Sie also den Mittelweg: Geld ist nicht alles, aber ein wichtiger Motivator. Gute Arbeit soll auch gut honoriert werden. Eine weitere Frage, auf die Sie nicht unbedacht antworten sollten: "Wann haben Sie zuletzt eine Regel gebrochen?" Kommen Sie jetzt nicht mit Ihrem letzten Parkknöllchen, sondern geben Sie ein Beispiel, wo Sie sich bewusst und aus gutem Grund für einen Regelbruch entscheiden haben. Sie sind kein stumpfer Moralist und auch kein Querulant, sondern ein Entscheider, der sorgfältig abwägt.

Provokante Fragen: "Bewerben Sie sich nur aus Verlegenheit bei uns?" "Warum haben Sie so lange studiert?" "Warum waren Sie nie im Ausland?" Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen, wenn es unangenehm wird. Der größte Fehler, den Sie machen können, ist, solche Fragen persönlich zu nehmen und entsprechend zu reagieren. Also bleiben Sie souverän und lassen Sie sich nicht zu fadenscheinigen Ausreden hinreißen. Überlegen Sie schon vor dem Gespräch, welche möglichen Schwachstellen Ihr Lebenslauf aufweist und wie Sie damit umgehen.

Und so sollten Sie antworten

Auch wenn sich viele Fragen in Vorstellungsgesprächen ähneln, ist es natürlich unmöglich, sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten. Denken Sie daran: Entscheidend ist nicht nur, was Sie antworten, sondern auch, wie Sie es tun.

Regel Nummer eins: Bleiben Sie cool. Ihre Antwort muss nicht wie aus der Pistole geschossen kommen. Nehmen Sie sich im Zweifel lieber kurz Zeit, um Ihre Gedanken zu sortieren. Was genau will man von Ihnen wissen und warum? Wenn Sie mit einer Frage nichts anfangen können, scheuen Sie sich nicht vor Rückfragen.

Regel Nummer zwei: Labern Sie nicht. Behalten Sie den roten Faden des Gesprächs im Auge und antworten Sie lieber präzise und knapp, als zu schwadronieren. Personaler erkennen Schaumschläger.

Regel Nummer drei: Bleiben Sie authentisch! Sie wissen selbst am besten, wer Sie sind und was Sie können. Natürlich müssen Sie Ihre schlechteren Eigenschaften nicht auf dem Silbertablett servieren. Aber verstellen Sie sich nicht. Verkaufen Sie sich nicht als Abziehbild eines Musterkandidaten, sondern als die bestmögliche Ausgabe Ihrer selbst.

Quelle: n-tv.de