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Kaeser bestellt das Feld Bei Siemens Energy ist alles möglich

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Siemens Energy wird für einen Tag das 31. Mitglied im Dax.

(Foto: dpa)

Siemens-Chef Joe Kaeser bringt das traditionsreiche Energiegeschäft an die Börse und sichert sich damit eine Anschlussverwendung. Die Risiken für Investoren sind groß.

Volkswagen ohne Automobilbau? McDonalds ohne Buletten? Unvorstellbar. Bei Siemens ist das so. Der Münchner Konzern kappt einen großen Teil seiner historischen Wurzeln, das traditionsreiche Geschäft mit Kraftwerken und Stromübertragung wird vom Mutterhaus abgespalten und fortan als "Siemens Energy AG" an der Börse notiert.

Die Hoffnung dahinter: Die Summe der beiden Konzerne soll getrennt mehr wert sein als die bisherige Siemens. Mit lukrativen Abspaltungen kennt man sich aus am Münchner Stammsitz. Die Bereiche Halbleiter, Bauelemente, Beleuchtung, Medizintechnik und Windkraft wurden schon vorher losgeschlagen. Lange galt Siemens am Finanzmarkt als Gemischtwarenladen. Diese Zeiten gehen dem Ende zu.

Die aktuelle Ausgliederung funktioniert denkbar einfach. Der Siemens-Konzern muss seine Anteile an der Siemens Energy - immerhin ein Industrieriese mit rund 91.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 29 Milliarden Euro - nicht im Rahmen eines klassischen Börsengangs verkaufen. Die Aktien werden in die Depots der Siemens-Aktionäre gebucht. Wenn die Depoteigner an eine Wertsteigerung glauben, werden sie die Anteilsscheine erst einmal halten. Wer nicht überzeugt ist, der verkauft.

Alles ist möglich

Ein nachhaltiger Kursanstieg ist indes nicht ausgemacht. Zwar ist die neue Firma zu 67 Prozent am Windanlagen-Weltmarktführer Siemens Gamesa beteiligt. Allerdings steuert der Bereich nur ein Drittel zum Umsatz der Siemens Energy bei. Auf Platz 1 liegt der Börsenneuling auch bei der Stromübertragung. Das Segment wird wohl wachsen, wenn der Anteil erneuerbarer Energien am Strombedarf weiter steigt.

Aber es gibt auch weniger lukrative Bereiche. Den Bau von großen Kohle- und Gaskraftwerken zum Beispiel. Oder die Herstellung von Maschinen für die Öl- und Gasindustrie. Durch den Abschied von fossilen Brennstoffen werden neue Aufträge seltener. Und wie lange das Unternehmen durch die Wartung der bestehenden Kraftwerke noch Geld verdient, ist offen. Zudem werden sich Umweltaktivisten an der neuen Siemens Energy abarbeiten. Reputationsschäden drohen.

Wenn Aufträge wegbrechen, sind Stellenstreichungen und weitere Rotstift-Maßnahmen unausweichlich. Sicherlich können optimistische Investoren die neue Aktie als lohnenswerte Turnaround-Story begreifen. Doch schon Börsen-Guru André Kostolany wusste: An der Börse ist alles möglich, auch das Gegenteil.

Einer freilich hat ganz sicher Grund zum Feiern: Joe Kaeser. Die beinahe sieben Jahre währende Ära des 62 Jahre alten Siemens-Lenkers in München geht in ein paar Monaten zu Ende. Eine Anschlussverwendung hat er sich schon mal gesichert. Er steht der Siemens Energy als Aufsichtsratschef vor.

Quelle: ntv.de