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EuGH zwingt zu Bürokratie Stechuhren für alle - welch ein Schaden

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Schutz vor unbezahlter Mehrarbeit? Verbindliche Arbeitszeiterfassung hat tatsächlich mehr Nach- als Vorteile.

(Foto: imago/epd)

Der Europäische Gerichtshof verpflichtet Arbeitgeber zur vollständigen Arbeitszeiterfassung. So sollen Arbeitnehmer vor unbezahlter Mehrarbeit geschützt werden. Tatsächlich aber bringt das mehr Bürokratie - und schadet Europa insgesamt.

Populisten überall, internationaler Handelskrieg, US-Flugzeugträger mit Marschbefehl - nie war ein starkes Europa wichtiger als heute. Doch es kommt mal wieder ganz anders. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofes zur vollständigen Arbeitszeiterfassung bringt nichts - außer Schaden. Für Mitarbeiter, für Arbeitgeber, für das Ansehen Europas bei seinen Bürgern.

Mitarbeitern schadet es deshalb, weil sie einer selbständigen Arbeitsweise und daraus oft erwachsender Kreativität beraubt werden. Wird das Urteil der Luxemburger Richter umgesetzt, müssten sie eigentlich jede Minute protokollieren, die sie für ihren Brötchengeber Dienst tun. Viele werden sich gegängelt fühlen. Oder ein schlechtes Gewissen haben, wenn das Protokoll zeigt, dass die Arbeitszeit nicht ausreicht, ihren Job zu erledigen. Gut ist das nicht.

Noch schlimmer sind die Folgen des Urteils für die Unternehmen. Vor allem kleinen Firmen setzt der Richterspruch zu. Großunternehmen arbeiten längst mit Software, um Schichten oder routinemäßige Mitarbeitereinsätze zu planen. Kleinere Firmen und Startups verzichten bislang häufig auf solche Programme, weil sie zu teuer sind. Experten sehen das Ende der so genannten "Vertrauensarbeitszeit" gekommen. Heißt: Auch Firmen, die Außendienstmitarbeiter oder solche mit flexiblen Arbeitszeiten beschäftigen, müssen Dienstzeiten und Pausen aufzeichnen - was für ein Mehraufwand.

Flexibilität und Vertrauen gehen verloren

Stechuhren für alle? Und für Außendienstler eine App, mit der sie ihre Stempelkarte virtuell bedienen? Es droht, so zu kommen. Nützen wird das freilich wenig. Jedes System kann manipuliert werden. Personaler in Großkonzernen können ein Lied davon singen, wie kreativ manche Routinen geknackt werden. Verlierer sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Die Arbeitgeber werden zu Kontrolleuren. Beschäftigte werden ihres Vertrauens beraubt, dass sie auch wirklich arbeiten, wenn sie im Dienst sind. Mal schnell zum Sport und dann abends wieder an den Schreibtisch - die vor allem in kreativen Berufen gelebte Flexibilität wird ausgebremst.

Der Flurschaden, den das Urteil des Europäischen Gerichtshofes anrichtet, ist noch weitaus größer. Er schadet dem Ansehen Europas - vor allem bei seinen Bürgern. Knapp zwei Wochen vor der Europa-Wahl wird den Menschen mal wieder ein gehöriger Nachteil der Union vor Augen geführt: immer mehr Bürokratie. Über von der EU detailliert festgelegte Regeln über die Beschaffenheit von Bananen kann man ja vielleicht noch lachen. Wenn es um Arbeitszeiten, Gängelung von Arbeitnehmern und immer neuen Bürokratiewahnsinn für Unternehmen geht, ist der Spaß allerdings vorbei.

Quelle: n-tv.de

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