Weg aus der Krise

Büro im Hotel, gedruckte Masken Corona macht Unternehmen erfinderisch

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Idee in Corona-Zeiten: Aus leerstehenden Hotelzimmern werden Büros - Hotelbüros.

(Foto: picture alliance/dpa)

Aufgeben ist keine Option. Vielen Unternehmen ist in der Corona-Krise ihr bisheriges Geschäftsmodell weggebrochen. ntv zeigt Beispiele, mit welchen Ideen sie ums Überleben kämpfen.

Es zunächst nur eine dieser vielen spontanen Ideen, Notlösungen, mit denen viele Unternehmen gegen die Krise kämpften, als ihr Geschäftsmodell vom Lockdown im Frühjahr erschüttert wurde: "Mitte März waren 30 unserer 35 Häuser auf Notbetrieb heruntergefahren", berichtete Philipp von Bodman, der Chef der Hotelgruppe Achat, damals ntv.de. Übernachtungsgäste gab es in praktisch nicht mehr. "Aber ein Hotel schließt man nicht einfach ab, wenn keine Gäste da sind", sagt Bodman. Trotz Kurzarbeit müsse ein Teil des Personals vor Ort bleiben, die Fixkosten liefen weiter.

In dieser Situation sei dem Direktor eines der Achat-Hotels die Idee gekommen, die Zimmer tagsüber als Einzelbüros zu vermieten. Wenn Arbeitnehmer in ganz Deutschland aus ihren Büros nach Hause geschickt würden, dann müsse es doch Bedarf an ruhigen, mit Schreibtischen und WLAN ausgestatteten Zimmern in zentraler Lage geben. Innerhalb weniger Tage rollte Achat das Konzept Hoteloffice in der ganzen Gruppe aus.

Auch der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband preist die "optimalen Rahmenbedingungen" in den Hotelzimmern. Der Verband verweist in diesem Zusammenhang auf das Portal homeoffice-im-hotel.de. Innerhalb kurzer Zeit registrierten sich dort rund 300 Hotels.

Nicht nur Hunderte Hotels suchen und finden in diesem Frühjahr neue Ideen, mit denen sie dem erzwungenen Stillstand durch die Pandemie begegnen wollen. Und wie bei den Hotelbüro-Zimmern ist es manchmal gerade die Corona-Krise, die neue Chancen oder gar Geschäftsfelder eröffnet. Für Schnapsbrenner in der Schweiz etwa, die ihre Produkte noch hochprozentiger destillieren als gewöhnlich, damit sie als Desinfektionsmittel nutzbar sind. In Berlin beginnt ein insolventer Automobilzulieferer, Gesichtsschilde herzustellen, die vor allem von Mitarbeitern im Gesundheitswesen dringend gesucht werden. Doch helfen diese Ideen finanziell tatsächlich, die Krise zu überstehen? Oder sind sie eher hilfloser Aktionismus?

"Selbstgeschnürte Corona-Soforthilfe"

Ein knappes halbes Jahr später zieht Bodman eine positive Bilanz. "Dieses Angebot wurde vor allem in den Großstädten sehr gut nachgefragt - meist von Einzelpersonen und Selbstständigen, denen zu Hause die Decke auf den Kopf fiel", berichtet er. Die Umsatzeinbußen durch den Lockdown konnten die Hotels damit zwar nicht kompensieren. Aber man habe ein Zeichen gesetzt gegenüber Gästen und Mitarbeitern, "dass wir schnell und kreativ auf die veränderten Marktbedingungen reagieren und kreative und gute Lösungen in einer schwierigen Zeit haben".

Büro-Zimmer sind immer noch im Angebot bei Achat und laut homeoffice-im-hotel.de. bei 565 Hotels in Deutschland. Bodman geht davon aus, "dass dies auch langfristig eine interessante Erweiterung unseres Angebotes sein könnte". Er hat mit seinem Team im Kampf gegen die Krise sogar noch weitere Ideen draufgelegt, mit einer Flatrate für Familien für zwei Monate im Sommer in allen Hotels der Gruppe. "Die Sommer-Flatrate hat uns somit geholfen, den noch immer spürbaren Verlust im Firmenkunden- und Tagungsgeschäft entgegenzuwirken - sie war gewissermaßen unser selbstgeschnürtes Corona-Soforthilfe-Paket."

Visier aus dem 3D-Drucker

Sich selbst helfen musste auch der Autozulieferer Vielmetter in Berlin. Das mittelständische Unternehmen war bereits wegen der Schwäche der Autobranche in eine Krise geraten, als der Absatz der Ventile, Getriebe- und Hydraulikkomponenten durch Corona nochmals einbrach und die angestrebte Sanierung in einem Insolvenzverfahren in Gefahr brachte. In dieser Situation hört Geschäftsführer Olaf Jelken von dem Problem der Frau eines Kollegen. Antje Rätzer ist Allgemeinmedizinerin und arbeitet in einem kleinen medizinischen Versorgungszentrum in Lichterfelde, in dem auch Corona-Patienten behandelt werden. "Ich kann meine Patienten aus Gründen des Eigenschutzes und zum Schutze der Patienten selbst nicht persönlich behandeln, nur noch telefonisch versorgen, weil ich keine Schutzausrüstung mehr habe", erzählt sie völlig entgeistert. Wenige Tage später hat sie ein Visier aus dem 3D-Drucker von Vielmetter.

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Inzwischen tragen die Gesichtsschutze bei dem Autozulieferer einen kleinen, aber signifikanten Teil zum Umsatz und zu den positiven Aussichten für die Sanierung des Unternehmens bei. "Diese Umsätze sind auf jeden Fall Teil des Insolvenzplans", berichtet Insolvenzverwalter Stefan Ludwig. Dem Plan zufolge soll die Sanierung im kommenden Frühjahr abschlossen und Vielmetter entschuldet sein.

Dabei spielt die spontan aus der Corona-Krise entstandene Gesichtsschutz-Produktion eine erhebliche Rolle. Denn sie ermöglichte den Eintritt in eine ganz neue Branche. Im Zuge der Sanierung will der bisherige Autozulieferer Vielmetter sein Geschäft diversifizieren. Dabei sieht Insolvenzverwalter Ludwig unter anderem in der Medizintechnikbranche große Chancen. Ein Anfang ist dabei nun gemacht.

Quelle: ntv.de