Wirtschaft

Ruhe und WLAN zum Sonderpreis Hotels werben um Homeoffice-Arbeiter

131558612.jpg

Wenn es zu Hause zu eng und zu laut ist, bieten viele Hotels eine Alternative.

(Foto: picture alliance/dpa)

Mit der Corona-Krise ist das Geschäft mit Übernachtungsgästen fast völlig zum Erliegen gekommen. Tausende Hotels in Deutschland stehen leer. Immer mehr von ihnen bieten ihre Zimmer jetzt als Alternative zum Homeoffice an. Der Bedarf daran werde noch erheblich steigen, prophezeit ein Hotelchef.

Was tun mit 4000 Zimmern in 35 Hotels, in denen fast niemand mehr übernachten will oder darf? Wohl kaum ein Bereich ist so hart von der Corona-Krise betroffen wie all diejenigen Firmen, die mit Reisen und Gastronomie ihr Geld verdienen, darunter die Hotellerie. "Mitte März waren 30 unserer 35 Häuser auf Notbetrieb heruntergefahren", berichtet Philipp von Bodman. "Aber ein Hotel schließt man nicht einfach ab, wenn keine Gäste da sind", sagt der Chef der Hotelgruppe Achat. Trotz Kurzarbeit müsse ein Teil des Personals vor Ort bleiben, die Fixkosten liefen weiter.

In dieser Situation sei dem Direktor eines der Achat-Hotels die Idee gekommen, die Zimmer tagsüber als Einzelbüros zu vermieten. Wenn Arbeitnehmer in ganz Deutschland aus ihren Büros nach Hause geschickt würden, dann müsse es doch Bedarf an ruhigen, mit Schreibtischen und WLAN ausgestatteten Zimmern in zentraler Lage geben.

"Nicht jeder hat genug Ruhe, Platz und die Infrastruktur, um auf Dauer zu Hause genauso produktiv zu arbeiten wie im Büro", sagt von Bodman, der als Vater von drei Kindern auch aus eigener Erfahrung spricht. Innerhalb weniger Tage rollte Achat das Konzept Hoteloffice in der ganzen Gruppe aus. Angeboten werden auch Zusatzleistungen wie Frühstückskorb oder Mittagessen. Andere Hotels, von Kurhäusern bis zu Boutique-Hotels, ziehen nach.

Auch der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband preist die "optimalen Rahmenbedingungen" in den Hotelzimmern. Der Verband verweist in diesem Zusammenhang auf das Portal homeoffice-im-hotel.de. Dort haben sich inzwischen mehr als 300 Hotels registriert.

Beim Zimmervermittler HRS können Büros über die Plattform MeWork gebucht werden. "Viele Firmenkunden von HRS, insbesondere solche mit Sitz in Ballungsgebieten, haben bereits deutliches Interesse an MeWork bekundet", heißt es vom Portal. HRS suche dann für die Unternehmen nach geeigneten Hotels. In einer zweiten Phase soll es auch Angebote für Kleinunternehmer und Selbstständige geben.

Nachfrage wird steigen

Auch wenn selbst Hotels in Ferienregionen wie Rügen oder in der Eifel Homeoffice-Zimmer anbieten, konzentriert sich die Nachfrage auf die Städte und Bürostandorte. Die Anfragen kämen bislang vor allem von Einzelpersonen, Selbstständigen oder Angestellten, die häufig ein Zimmer bräuchten, "um etwa einfach mal in Ruhe an einer Video-Konferenz teilzunehmen", sagt von Bodman. Der Achat-Chef hofft aber auch auf Firmenkunden, die Zimmerkontingente oder ganze Etagen für ihre Mitarbeiter buchen könnten.

Um einen Tag im Hotel in einem Einzelzimmer zu arbeiten, müssen die Gäste zwischen 35 und 70 Euro zahlen. Bei längeren Buchungen gibt es oft Rabatt. Damit liegen die Homeoffice-Angebote meist deutlich unter den Übernachtungspreisen der jeweiligen Hotels. Wettmachen kann das neue Angebot den in den meisten Hotels nahezu kompletten Umsatzausfall durch die ausbleibenden Touristen oder Geschäftsreisenden auch deshalb nicht. Aber es bringt immerhin ein paar Einnahmen, die helfen, die laufenden Fixkosten zu decken.

"Jede kreative Idee, die in der derzeitigen Situation noch für Umsätze sorgt, ist natürlich gut", sagte Thorsten Hellwig, Sprecher des Branchenverbandes Dehoga NRW. "Aber mehr als ein Strohhalm kann das für die meisten nicht sein." Das Geschäftsmodell der Gastronomie und des Hotelgewerbes basiere auf Austausch, gemeinsamem Genuss und dem Zusammenkommen von Menschen. "Konzepte wie Hoteloffices oder auch Bring- und Lieferdienste der Gastronomie können die Branche nicht dauerhaft retten", so Hellwig.

Zu anderen Ideen, die Hotels in der Krise verfolgen, gehört die Einrichtung von Corona-Krankenstationen, die isolierte Unterbringung von Risikopatienten oder von medizinischem Personal. Doch das bedarf teils aufwendiger Vorbereitung. Zimmer als Büros anzubieten, ist dagegen sofort ohne Mehrkosten umsetzbar und der Betrieb kann, wenn die Übernachtungsgäste zurückkehren, flexibel wieder umgestellt werden.

"Übernachtungen sind unser Hauptgeschäft, und das wollen wir auch so schnell wie möglich wieder machen", sagt von Bodman. Darüber, dass die Hotellerie in Kürze zur Normalität zurückkehrt, macht er sich aber keine Illusionen. Auch nach einer Aufhebung der derzeitigen Reisebeschränkungen werde die Nachfrage nach Übernachtungen das Vorkrisenniveau für längere Zeit nicht erreichen. Der Bedarf an Arbeitszimmern dürfte aber weiter wachsen. "Ein paar Wochen können viele auch zu Hause unter Einschränkungen arbeiten", so von Bodman. "Aber dauerhaft ist das kein Zustand. In den kommenden Monaten werden das immer mehr Menschen merken."

Quelle: ntv.de, mit dpa