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Celonis-Gründer im Interview "Wir haben eine langfristige Ambition"

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Bastian Nominacher.

(Foto: Celonis)

Celonis sammelt eine Milliarde Dollar von Investoren ein. Damit übertrifft das Startup sogar die jüngsten aufsehenerregenden Investitionen etwa beim Online-Broker Trade Republic und dem Versicherungs-Startup Wefox. Im Interview mit ntv sagt Co-Chef Bastian Nominacher, was Celonis mit dem Geld machen will.

Das Startup ist Anbieter von Software zur Optimierung von Prozessen in Unternehmen, sogenanntem Execution Management. Celonis ist nach eigenen Angaben Weltmarktführer in diesem Bereich. Zu den Kunden gehören zahlreiche Großkonzerne wie die Deutsche Telekom, Siemens und die Deutsche Bank.

ntv: Die letzte Finanzierung ist noch gar nicht so lange her, sie hatte fast 300 Millionen Dollar an Umfang. Die neue hat ein Volumen von einer Milliarde Dollar. Celonis wird nun mit mehr als 11 Milliarden Dollar bewertet - ist also kein Einhorn mehr, sondern ein Decacorn. Ein großer Schritt?

Bastian Nominacher: Das ist natürlich eine tolle Entwicklung, die zeigt, dass unsere Technologie bei Unternehmen sehr stark nachgefragt wird. Wir haben im Oktober letzten Jahres unser Execution Management System auf den Markt gebracht und damit eine neue Kategorie von Software ins Leben gerufen, die Unternehmen dabei hilft, Prozesse datengesteuert und intelligent auszuführen. Das enorm positive Feedback unserer Kunden zeigt, dass wir eine einmalige Gelegenheit haben, die Art und Weise, wie Unternehmen arbeiten, zu verändern und zu verbessern, indem wir jeden Prozess auf der Welt effizienter und nachhaltiger machen.

Wofür brauchen Sie das Geld? Sie werden sich ja davon keine Computer oder Server kaufen.

Wir sehen eine enorme Nachfrage nach unserem Execution Management System, da die Unternehmen erkennen, dass sie ihre Geschäftsprozesse und die Art, wie sie ausgeführt werden, modernisieren müssen. Mit den neuen Finanzmitteln haben wir die Möglichkeit, die Produktentwicklung und -innovation weiter voranzutreiben, unser starkes Wachstum zu beschleunigen und die weltweite Technologie- und Marktführerschaft weiter auszubauen. Celonis wird die Erlöse aus der Series-D-Finanzierung nutzen, um Unternehmen beim Einsatz von datengesteuerten intelligenten Execution Management Systemen zu unterstützen.

Ist der Zukauf von Unternehmen ein Thema?

Wir haben im Oktober letzten Jahres Integromat, die führende cloudbasierte Automatisierungsplattform, die Anwendungen und Services mit leistungsstarken, codefreien Integrationen verbindet, um Online-Workflows zu automatisieren, akquiriert, um unsere Execution Management Plattform für unsere Kunden noch besser zu machen. Insofern wachsen wir nicht gezielt durch Akquisitionen, aber wenn es Möglichkeiten gibt, um unsere Plattform zu stärken, dann sehen wir uns diese natürlich an. Somit gibt uns das zusätzliche Kapital die Möglichkeit, Akquisitionen zu verfolgen, wenn wir sie für sinnvoll erachten, um die Execution Management Kategorie voranzutreiben.

Sie haben das sogenannte Process Mining mitentwickelt, also KI-gesteuerte Optimierung von Prozessen in Unternehmen. Trotzdem die Frage: Wie personalintensiv ist ihr Geschäft?

Unsere Mitarbeiter sind unser größtes Kapital und für den Erfolg von Celonis entscheidend. Wir bekommen immer wieder tolles Feedback von unseren Kunden, wie engagiert unsere Mitarbeiter sind, und dass sie immer Mittel und Wege finden, um die bestmögliche Lösung für unsere Kunden zu finden und zu implementieren.

Fachkräfte im IT-Bereich sind rar. Ist das Geld vor allem auch für Personalfindung und Rekrutierung gedacht?

Unser Fokus liegt auf dem Ausbau unserer Execution Management Software Kategorie. Dazu gehört auch, dass wir stark in unsere Mitarbeiter, die sogenannten Celonauten, investieren. Die Anzahl unserer Mitarbeiter hat sich allein im letzten Jahr fast verdoppelt, damit wir unsere Kunden bestmöglich unterstützen können. Nur mit den besten Softwareentwicklern, Data Scientists, Produkt Managern und vielen weiteren Rollen können wir unsere Technologie ständig weiterentwickeln.

Sie haben jüngst einen Ex-Google-Manager als Finanzvorstand eingestellt. Offenbar können deutsche Startups nun auch im Silicon Valley wildern. Haben die US-IT-Profis den deutschen Markt entdeckt?

Wir arbeiten eng mit verschiedensten Unternehmen und Managern auch aus dem Silicon Valley zusammen. Beispielsweise haben wir erst kürzlich unser CEO-Council gegründet. Zu den Gründungsmitgliedern gehören beispielsweise Michael Dell und Keith Block von Salesforce, aber auch Stefan Heidenreich, der ehemalige CEO von Beiersdorf. Das Mindset in Amerika ist ein anderes: In den USA ist es üblich, dass Manager von Konzernen auch zu Startups wechseln. Das ist in Deutschland noch eher selten. Aber es ist für uns als schnell wachsendes Unternehmen natürlich sehr hilfreich, wenn wir solch erfahrene Manager für uns gewinnen können.

Unser neuer CFO Carlos Kirjner ist ein echter Visionär und Industrie-Veteran und hat schon sehr früh das große Potenzial von Unternehmen wie zum Beispiel Google und Amazon erkannt. Bei Google leitete er die Finanzen der Kerngeschäftsbereiche Google Ads, Google Search sowie Google Maps, die jährlich etwa 150 Milliarden Dollar Umsatz generieren und Zehntausende an Mitarbeitern umfassen. Wir sind stolz, dass er das Potenzial von Celonis erkannt hat und zu unserem Unternehmen gestoßen ist, um uns zu helfen, unser enormes Wachstum noch weiter zu beschleunigen.

Vielleicht doch ein Preis? Was hat der neue CFO gekostet?

Dazu können wir natürlich nichts sagen.

Wie lange werden die Celonis-Gründer noch an vorderster Front mitmachen? Gibt es bald auch einen CEO als eingestellten Manager?

Wir haben das Ziel, langfristig ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen - das treibt uns alle drei an und macht uns nach wie vor großen Spaß, und deshalb haben wir eine langfristige Ambition. Um dies voranzutreiben haben wir auch ein starkes globales Management-Team aufgebaut. Zusätzlich zu unserem neuen CFO haben wir erst kürzlich einen neuen Chief Information Security Officer sowie einen Chief Legal Officer dazugewonnen. Und im letzten Jahr kamen mit Miguel Milano, Arsenio Otero, Malhar Kamdar und André Heinz auch andere Top-Manager zu Celonis.

Bei allen Finanzierungsrunden von deutschen Startups fällt auf, dass ab 100 Millionen und mehr keine deutschen Investoren dabei sind. Am Geld kann es nicht liegen. Warum ist bei Ihrer Finanzierungsrunde wieder kein deutscher Investor dabei?

Uns ist es bei jeder Finanzierungsrunde wichtig gewesen, mit den richtigen Partnern für die jeweilige Phase zusammenzuarbeiten und unser Netzwerk systematisch auszubauen. Wir verfolgen eine langfristige Strategie und unsere neuen Investoren aus der Serie D bringen eine enorme Expertise beim Aufbau von langfristig erfolgreichen Technologie-Unternehmen mit.

Die Wahl der Investoren unterstützt zudem unsere globale Strategie. Celonis ist ein globales Unternehmen, das mit Kunden und Partnern auf der ganzen Welt zusammenarbeitet und dabei von internationalen Investoren unterstützt wird.

Trotzdem bleibt es beim Standort München?

Absolut! Denn hier liegen unsere Wurzeln. Unser Entwickler-Team ist hier beheimatet, und der deutsche und auch der europäische Markt sind für uns enorm wichtig. München ist für uns ein sehr guter Standort, hier sitzen zahlreiche große Konzerne und viele unserer Kunden. Und auch in Bezug auf Personalfindung und Rekrutierung bietet München perfekte Bedingungen, da wir hier einige tolle Ausbildungsstätten im Technologiebereich wie zum Beispiel die TU München, die LMU und die Hochschule München haben.

Was kommt nach der jetzigen Runde? Der schwedischen Zahlungsdienstleister Klarna ist bei einer Bewertung von 31 Milliarden Dollar angelangt und denkt inzwischen über einen Börsengang nach. Ist das für Celonis im nächsten Schritt eine Option?

Der Fokus liegt darauf, unsere Technologie ständig weiterzuentwickeln und unseren Kunden echten Mehrwert zu liefern. Wir verspüren keinerlei Zeitdruck hinsichtlich eines Börsengangs, auch wenn wir es uns gut vorstellen können, dass wir irgendwann ein börsennotiertes Unternehmen sein werden.

Klarna hat ein Teil der letzten Finanzierungsrunde für Nachhaltigkeitsprojekte vorgesehen. Ihr Business hat viel mit Computertechnik zu tun. Haben Sie Ziele, was die Nachhaltigkeit betrifft, etwa CO2-Neutralität?

Nachhaltigkeit ist uns sehr wichtig. Wir haben letztes Jahr unsere Unternehmenswerte vorgestellt. Einer davon ist "Earth is our future". Wir leben Nachhaltigkeit auch im Arbeitsalltag, wobei uns bewusst ist, wie wichtig es ist, diese Überzeugung auch in langfristigen Fortschritt umzuwandeln. Das bedeutet nicht nur, die eigene Klimabilanz zu optimieren, sondern sich auch für eine gerechtere Gesellschaft einzusetzen. Wir versuchen diesem Anspruch nachzukommen, indem wir Produkte und Schulungen kostenlos anbieten sowie Partnerschaften mit Bildungseinrichtungen eingehen. Wir verschaffen jungen Menschen weltweit Zugang zu Bildung und ebnen so den Weg für die kommende Generation kluger Köpfe, die die Welt mit ihren Ideen verändern werden.

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Zudem liefert unsere Technologie einen wichtigen Beitrag dazu, unsere Kunden nachhaltiger zu machen - so zum Beispiel bei Lufthansa Cityline, denen es mit unserer Technologie gelingt, CO2 Emissionen einzusparen.

Mit Bastian Nominacher sprach Andreas Laukat

Quelle: ntv.de

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