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Sex statt Fernsehen Gibt es mehr Geburten nach Stromausfällen?

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Stromausfall ist eine gute Gelegenheit, sich wieder näher zu kommen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Stimmt es, dass nach einem Stromausfall mehr Kinder geboren werden? (fragt Marianne H. aus Rendsburg)

Egal, ob Handy, Kühlschrank oder U-Bahn: Strom unterstützt Menschen in modernen Gesellschaften in allen Bereichen ihres Lebens. Lange Stromausfälle über weite Gebiete hätten deshalb katastrophale Folgen. Doch immer wieder wird auch von einem freudigen Ereignis in Folge berichtet: dem Baby-Boom neun Monate nach dem Stromausfall.

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Diese New Yorker, die wegen des Stromausfalls festsaßen, dachten wohl nicht so sehr an Sex.

Als Erfinder des immer wieder heraufbeschworenen Baby-Boom-Mythos nach einem Stromausfall kann man den Reporter der "New York Times", Martin Tolchin, bezeichnen. Er berichtete neun Monate nach dem Blackout vom 9. November 1965 von einer ungewöhnlichen Häufung an Geburten in verschiedenen Krankenhäusern in New York. Im Mount Sinai Hospital zum Beispiel kamen an einem einzigen Montag 28 statt durchschnittlich 11 Kinder zur Welt, im Bellevue  Hospital 29 statt 20 und im St. Vincent's Hospital 10 statt 7.

Die frischgebackenen Eltern wurden in dem Blatt wie folgt zitiert: "Man konnte sich nicht sicher fühlen, wenn man allein ins Bett gegangen wäre" erklärte eine junge Mutter. "New Yorker sind romantisch. Es war der Kerzenschein", wird ein junger Mann zitiert, der gerade Vater geworden war. Soziologen waren laut Tolchin der Meinung, dass sich die Menschen durch den Kollaps endlich wieder mit sich selbst beschäftigen mussten.

Ob der Stromausfall in New York tatsächlich viele Menschen zum Kinderzeugen animiert hatte, wollte J. Richard Udry wissen. Der Professor von der University of North Carolina analysierte die kompletten Geburtsstatistiken von New York. Er konnte mit seinen Ergebnissen die Behauptung von einem Baby-Boom nach Stromausfall rasch widerlegen. Die Häufungen, die Tolchin beschrieben hatte, seien ganz normale statistische Ausreißer, die man in einer Stadt mit vielen Krankenhäusern täglich finden könne. Sie würden durch niedrige Geburtenraten in anderen Kliniken wieder ausgeglichen. Udry veröffentlichte seine Ergebnisse in der Fachzeitschrift "Demography" und schloss seine Abhandlung mit dem Satz: "Viele Menschen finden offenbar Gefallen an der Vorstellung, dass Menschen, die durch ein unvorhergesehenes Ereignis von ihren gewöhnlichen Aktivitäten abgehalten werden, sich der Kopulation zuwenden."

Legende hält sich hartnäckig

Dennoch gibt es immer wieder Hinweise, dass Stromausfälle zu einem Baby-Boom führen können. In Deutschland war es beispielsweise der August 2006, in dem Gynäkologen und Hebammen mehr als gewöhnlich zu tun hatten. Hier waren es die sogenannten "Schneechos-Kinder", die im Münsterland geboren wurden, nachdem im vorangegangenen November 250.000 Menschen in den Kreisen Steinfurt, Borken und Coesfeld mehrere Tage näher zusammenrückten. Die hohen Geburtenraten im niederländischen Landkreis Maadriel in der Provinz Gelderland scheinen ebenso für einen Baby-Boom zu sprechen. Die Menschen mussten, nachdem ein Armeehubschrauber einen Strommast beschädigt hatte, drei Tage und drei Nächte ohne Elektrizität auskommen. Im September 2008 stieg dann die Geburtenrate im Landkreis um 44 Prozent an.

Übrigens: In Deutschland fällt der Strom öfter aus als gedacht. 159.000 Unterbrechungen im Stromnetz gab die Bundesnetzagentur für das Jahr 2012 an. Allerdings dauerten die meisten davon nur einige Minuten.

Quelle: n-tv.de

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