Frage & Antwort

High durch Naturdrogen Können Tiere süchtig werden?

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Rentiere fressen gerne psychedelische Pilze, werden davon high und verhalten sich auffällig.

(Foto: imago images / Nature Picture Library)

Das Internet ist voll mit Filmen von taumelnden Tieren. Allen voran der Filmklassiker "Die lustige Welt der Tiere", der das Verhalten von Löwen, Straußenvögeln und Affen in den Mittelpunkt stellt, nachdem sie offenbar von den gärenden Beeren des Merula-Baums in Afrika genascht haben. Die Liste der besoffenen und highen Tiere lässt sich noch weiter führen: So sollen auch schon mehrfach Delfine beobachtet worden sein, die Kugelfische im Maul tragen und wie einen Joint in der Runde weitereichen. Die Kugelfische enthalten eine hohe Konzentration des Nervengifts Tetrodotoxin und sondern dieses unter Stress ab. Tetrodotoxin kann in einer hohen Dosis tödlich sein. Es wird spekuliert, dass die Delphine versuchen, den Kugelfisch dazu zu bringen, etwas von dem Gift auszustoßen, denn das versetzt die Delfine in einen tranceähnlichen Zustand.

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In Wien wunderte man sich 2006, als scharenweise Seidenschwänze vom Himmel fielen. Die Vögel wurden untersucht und es kam heraus: Sie waren total betrunken, völlig fluguntauglich und an einem Genickbruch gestorben. Die Hintergrundgeschichte: Die Tiere waren von der bitterkalten Taiga nach Mitteleuropa gezogen, wo sie sich mit überreifen Weintrauben und Ebereschenbeeren vollgefressen hatten. In den - eigentlich auf Insektenkost gewöhnten - Mägen der Tiere gor das Obst nach, Alkohol entstand und führte zur Fluguntauglichkeit der Vögel.

Aus dem australischen Bundesstaat Tasmanien gibt es immer wieder Berichte über berauschte Kleinkängurus, die Mohnfelder verwüsteten. Offenbar bedienen sie sich an den Samen des Schlafmohns, werden davon high und hüpfen im Kreis, bis sie umfallen. Im Norden Europas wiederum fressen Elche und Rentiere gerne psychedelische Pilze. Diese haben eine Wirkung, die mit LSD zu vergleichen ist. Kurz nach dem Konsum zeigen die Tiere Rauschverhalten wie zielloses Herumirren und eine Art Headbanging. Zudem geben sie komische Geräusche von sich.

Und in Großbritannien hat der Igel ein Alkoholproblem. Schuld sind sogenannte Bierfallen, die dort von Hobby-Gärtnern aufgestellt werden, um Schnecken von Gemüse und Blumen fernzuhalten. Schnecken sind das Leibgericht der Igel, die sich deswegen gerne über die im Gersten-Saft verendeten Tiere hermachen. Die Konsequenz: Die Igel sind nicht nur satt, sondern auch völlig besoffen und schlafen ihren Rausch gerne ungeschützt irgendwo im Garten aus.

Vielfach belegt, aber wenig erforscht

Kurzum: Berauschte Tiere sind vielfach belegt. Doch Wolfgang Sommer vom Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit bezeichnet im Gespräch mit n-tv.de die vorangegangenen Geschichten lediglich als "anekdotische Berichte". Zwar gebe es viele Belege von torkelnden Elchen oder Delfinen im Trancezustand. Systematische Beobachtungen dazu liegen jedoch nicht vor, sagt der Psychiater, der die neurobiologischen, genetischen und verhaltenspsychologischen Grundlagen von Sucht erforscht.

Nur weil Tiere mitunter Drogen konsumieren, könne nicht automatisch von einem Suchtverhalten gesprochen werden, sagt Sommer. Denn um eine Abhängigkeit zu entwickeln, müsse eine Gewohnheit vorliegen. In der Natur kommen natürliche, psychoaktive Substanzen jedoch verhältnismäßig selten vor, zudem seien sie auch nicht ständig verfügbar. Die "Chance für die Herausbildung fester Drogenkonsumgewohnheiten" sei somit gering.

Hinzu komme, dass sich Tiere ein Suchtverhalten auch nicht leisten können. Denn wenn sie sich dauerhaft taumelnd und orientierungslos fortbewegen würden, würden sie schnell Fressfeinden zum Opfer fallen, erklärt der Psychiater. Doch warum fressen sie dann giftige Stoffe? "Die meisten Tiere sind neugierig, wie sonst sollten sie Nahrung finden, wenn es mal knapp wird. Dabei können sie auch auf psychoaktive Substanzen stoßen", so Sommer. Ein Suchtverhalten, das mit dem des Menschen gleichzusetzen ist, komme im Tierreich allerdings nicht vor.

Quelle: n-tv.de

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