Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 570 Wie ratsam ist der Besuch im Wutraum?

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Mit Vorschlaghammer oder Baseballschläger: Im Wutraum darf man alle Dinge zerschlagen, die dort aufgestellt sind.

picture alliance / dpa

Ob in Berlin, Paris oder Peking: In Wuträumen kann jeder, der dafür zahlt, ungezügelt alles kurz und klein schlagen. Das Angebot, auf diese Art und Weise angestaute Wut abzubauen, ist für viele verlockend. Doch was bringt es?

Der Frage, ob der Besuch im Wutraum ratsam ist, liegt die Frage zugrunde, ob man Emotionen nachträglich ausleben kann oder nicht. Um die sogenannte Katharsis wird in der Psychologie gestritten. Experten sind sich nicht einig, ob das symbolische Ausleben innerer Konflikte und verdrängter Emotionen, wie beispielsweise das Schlagen auf ein Kissen, zu deren Reduzierung führt. Eine einfache Antwort auf einen Besuch im Wutraum gibt es dementsprechend nicht. "Es gibt dazu kein grundsätzliches Ja oder Nein von mir", sagt Coach Annette Auch-Schwelk auf Anfrage zu n-tv.de. "Wenn allerdings irgendjemand sagt, ich brauche das gerade so sehr, um Dampf abzulassen, dann soll er getrost in einen Wutraum gehen", so die Autorin von "Wut und Ärger: Gut umgehen mit starken Gefühlen". Besser wäre allerdings, vorher zu schauen, woher die Wut kommt.

Vor allem über einen längeren Zeitraum aufgestaute Wut kann nicht nur zu Aggressionen, sondern auch zu gesundheitlichen Einschränkungen oder sogar Erkrankungen beispielsweise des Magen-Darm-Traktes führen. Entlädt sich aufgestaute Wut unkontrolliert, dann kann sie schließlich zu einem zerstörerischen Wutanfall werden, über den sich die meisten, wenn er vorbei ist, ärgern. "Merkt man, dass es in einem vor Wut bereits wie in einem Vulkan brodelt, dann kann man durchaus ausprobieren, wie sich der Besuch in einem Wutraum auswirkt", sagt Auch-Schwelk.

Bei dem Gefühl der Wut handelt es sich um eine oftmals als negativ bewertete Emotion. Wütend zu sein, fühlt sich für die meisten nicht gut an. Dabei ist Wut immer auch ein Hinweis dafür, dass etwas nicht so läuft, wie es soll. Wut entsteht beispielsweise, wenn das eigene Wertesystem von anderen nicht beachtet wurde. Unkontrollierte Wutausbrüche mit Schreien, Beleidigungen oder sogar Handgreiflichkeiten sind nicht nur zerstörerisch, sondern auch gesellschaftlich nicht anerkannt. Sie sind zudem nicht planbar und kommen für die Betroffenen völlig unerwartet. Ein kurzfristiger Besuch in einem Wutraum ist in dieser Situation meistens nicht realisierbar. Dennoch sollte man seine Wut nicht hinunterschlucken, sondern herausbekommen, welcher Auslöser dahintersteckt. Nicht nur im Außen, sondern vor allem auch im Inneren.

Wie geht das mit der Wut?

Das Problem mit der Wut liegt darin, dass kaum einer gelernt hat, damit umzugehen. Die meisten Eltern können weder mit ihrer eigenen Wut noch mit den Wutausbrüchen ihrer Kinder etwas anfangen. Aus diesem Grund wird Töchtern und Söhnen im besten Fall mit Worten erklärt, dass Strampel- und Schreianfälle an Supermarktkassen auf gar keinen Fall zum erhofften Ergebnis führen und unerwünscht sind. Das starke Gefühl der Wut wird zu oft heruntergespielt, ignoriert oder belacht. Kinder fühlen sich dann nicht wahrgenommen, in ihrer inneren Not nicht verstanden oder sogar gedemütigt. Eltern sind ratlos.

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Kinder können schreiend und strampelnd ihrer Wut freien Lauf lassen.

(Foto: imago/Westend61)

In manchen Menschen ist die Sehnsucht danach, der Wut einfach mal freien Lauf lassen zu können, groß. Sie sind deshalb gern bereit, für eine halbe Stunde Wutablassen per mutwilliger Zerstörung einer Zimmereinrichtung viel Geld zu bezahlen. Das, was in Wuträumen angeboten wird, ist allerdings vielmehr ein Event als eine Form von funktionierendem Wut- oder Stressmanagement. Wird Wut zu aggressivem Verhalten, das sich gegen Dinge oder sogar Personen richtet, dann steht dahinter immer ein Gefühl der Ohnmacht. Dieses fehlt im Wutraum, denn hier wird erst nach Aufforderung, mit Schutzkleidung und in einem bestimmten Rahmen gewütet.

Ein weit verbreitetes Mittel, um mit der aufkommenden Wut spontan umzugehen, ist das Zählen von eins bis zehn. Langfristig hilfreich dagegen sind Programme oder Trainings. Sie können helfen, einerseits die eigene Wut zu akzeptieren und andererseits konstruktiv damit umzugehen, "denn es geht nicht darum, seine Wut zu unterdrücken", betont Auch-Schwelk, die ein solches Notfall-Programm entwickelt hat. Dieses beginnt mit der körperlichen und mentalen Stabilisierung. Immer, wenn man merkt, dass Wut aufsteigt, kann man sich beispielsweise auf den Boden unter den Füßen konzentrieren. Sätze wie "Es geht vorbei, es geht vorbei, es geht" vorbei zu denken, helfen, sich selbst auch mental zu stabilisieren. Danach kommt die Konzentration auf die Atmung. Schon kleine Übungen reichen aus, um sich zu beruhigen. Sie sollten jedoch so oft praktiziert werden, dass sie automatisch als Programm ablaufen, wenn man merkt, dass Wut aufkeimt.

Ist man wieder ruhiger, dann folgt das Analysieren, für das man sich unbedingt Zeit nehmen sollte. Was ist passiert? Was oder wer hat mich wütend gemacht? Nur durch bewusste Reflexion mit der Beantwortung solcher Fragen ist es möglich, langfristig besser mit der eigenen Wut umzugehen. Die nächsten beiden Punkte überschreibt die Autorin mit "Unterstützung holen" und "Weitermachen". Die Autorin bietet in ihrem Buch bei allen Punkten mehrere Möglichkeiten für die Umsetzung an. Alle diejenigen, die es schaffen, mit ihrer Wut integrativ umzugehen, lernen nicht nur, die eigene Wut zu schätzen, sondern auch deren kraftvolle Energie kennen.

Übrigens: Ob Wuträume bei Menschen auch die Lust an der Zerstörung wecken können, wurde bisher wissenschaftlich nicht untersucht. Klar ist allerdings, dass der Spaß, der bei der Zerstörung von Sperrmüll und aussortiertem Hausrat bei manchen Personen entsteht, langfristig kein gesunder Umgang mit Aggressionen und Wut sein kann.

Quelle: n-tv.de

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