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"Das Leben kann man nicht verlängern": Roger Willemsen.
"Das Leben kann man nicht verlängern": Roger Willemsen.(Foto: picture alliance / dpa)

Zum Tod von Roger Willemsen: "Das Leben verdichten"

Von Sabine Oelmann

Langsam schwant einem, dass es noch ein Leben geben muss, irgendwo da draußen: Die Guten werden abgezogen von der Erde, damit sie ihr Wissen, ihr Talent, ihren Esprit auf einem anderen, besseren Planeten anwenden können.

Was ist los mit 2016? Es sieht so aus, als ob dieses Jahr es darauf anlegt, gleich am Anfang seine Besten auszurotten: David Bowie, Alan Rickman, Earth Wind & Fire-Musiker Maurice White, TV-Produzent Wolfgang Rademann, Lord Weidenfeld, Regisseur Ettore Scola, "Eagles"-Urgestein Glenn Frey, Maja Maranow.

Roger Willemsen (1955 - 2016).
Roger Willemsen (1955 - 2016).(Foto: imago/Rainer Unkel)

Und jetzt Roger Willemsen. Ich sagte ja bereits in David Bowies Fall "I don't like Mondays", dabei passiert die ganze Scheiße immer sonntags. Sonntags, wenn die Läden zu sind, wenn man mit seiner Familie Kuchen isst und ein Buch liest oder ins Kino geht. Da sterben die Menschen. Nun auch Roger Willemsen. Mit 60. Für Neunjährige oder 17-Jährige oder 26-Jährige ist das alt und irre weit weg, aber für Menschen um die 50, die sich gerade überlegt haben, dass sie, wenn sie einigermaßen durchhalten, noch 20 bis 30 Mal Frühling, Sommer, Herbst und Winter, im besten Fall die Hochzeit ihrer Kinder oder die Geburt ihrer Enkel erleben, die sich überlegen, ob sie noch Skifahren sollten (wegen der Knie und der Schmerzen danach), die jetzt lieber ein gutes Glas Rotwein trinken statt einer Flasche Fusel, die endlich wissen, was Liebe ist, die es schätzen, dass ihre Eltern noch leben (wie lange noch? 10, 15 Jahre? Und sind die gut?) - für die ist 60 verdammt jung. Für mich zum Beispiel. Noch zehn Jahre.

Wenn ich mit 60 sterben würde, dann wären meine Kinder 20 und 27. Wenn ich ein Enkelkind hätte, wäre es höchstwahrscheinlich ein Baby und würde sich später nicht mehr an mich erinnern können. Ich zumindest fände das verdammt schade. Ich steh' auf diese ganze Familiennummer, so kompliziert sie auch sein mag. Ich habe noch viel vor. Es wurde "uns" auch mehr oder weniger versprochen, dass wir alle steinalt werden. Wir ernähren uns vernünftig, wir rennen zum Arzt, wenn's ziept, und wenn wir gesündigt haben, dann detoxen wir. Wir bleiben kindlich bis ins hohe Alter.

Ja, wir wollen alt werden (aber nicht sein), wir akzeptieren Schwächen - an uns und an anderen - nur ungern, wir sind darauf gepolt, dass es IMMER so weitergeht! Geht's aber nicht. So wie bei Roger Willemsen. Für die einen war er sicher ein Klugscheißer, ein Besserwisser, so ein feiner Herr, den man aber doch ernst nahm. Und respektierte. Für die anderen war er einer der großen Intellektuellen unseres Landes, einer, der als Autor und Moderator etwas bewegen konnte, mit seiner leisen Art, seinem feinen Lächeln und seinem großen Wissen. Eine Diskussion, in der man sich anschreit oder sich ständig gegenseitig ins Wort fällt, wäre mit ihm gar nicht vorstellbar gewesen. Er diskutierte auf hohem Niveau – gerne mit denen, die das ähnlich erwidern konnten. Wie werden wir diese Menschen vermissen, die uns so gut und so vielfältig unterhalten konnten!

Wann lernen wir endlich?

Es ist nicht so, dass Roger Willemsen das Telefonbuch hätte vorlesen können und man wäre vor Ehrfurcht, Sexyness oder schierer Anhimmelung verstorben. Es ist aber so, dass Roger Willemsen es geschafft hat, sich ein Jahr lang in den Deutschen Bundestag zu setzen, dort zuzuhören, und aus dem Gehörten (gar Gelernten?), einen Bestseller zu verfassen. Auch Reisebücher bekamen durch ihn eine Note abseits der Touristentrampelpfade. Wie gesagt, er - der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte studiert und über Robert Musil promoviert hatte, der Grimme-Preisträger, freie Autor und Übersetzer - hatte das gewisse Etwas.

Es ist nicht auszuhalten, dass so viele Menschen in letzter Zeit durch die perfide Krankheit Krebs dahingerafft werden. Wann stecken wir all unser Geld in die Erforschung und Heilung dieser verdammten Geißel der Menschheit, statt sie in Waffen, Luxusschlitten oder die Weiterentwicklung von Faltencremes zu verpulvern? Wann verstehen wir, dass es nicht ewig so weitergeht? Wie viele sollen denn jetzt noch sterben, damit wir endlich kapieren, dass es ganz schlau wäre, seine Nächsten zu lieben (oder wenigstens zu respektieren), seine Zeit nicht damit zu verplempern, sich ständig aufzuregen, zu hassen und zu meckern.

Starr vor Schock

In einem Interview mit dem Magazin "Galore" sagte Roger Willemsen, noch vor seinem 60. Geburtstag und bevor er seine Diagnose bekam, dass er sich recht wenig Gedanken über das machen würde, was nach seinem Tod geschehen würde. Die Nachwelt hieße sowieso Dieter Bohlen, sagte er, und man würde sehr schnell in Vergessenheit geraten. Da hat er sich aber gewaltig geschnitten. Ich wünsche niemandem etwas Böses, aber der Tod trifft in letzter Zeit vermehrt die Falschen – und sie werden alle vermisst.

Es sieht nur so aus, als würde die Welt sich weiterdrehen, aber in Wirklichkeit sind wir starr vor Schock. Wenn die Begnadeten, die Talentierten, die Beobachter, die Klugen, die Erzähler, Leute wie Roger Willemsen, wenn die sich alle verkrümeln, was bleibt dann? Eine seiner Sendungen hieß "Willemsens Woche" - jetzt schauen wir auf Willemsens Leben zurück. Und erkennen, dass er – logisch – nicht alles, aber vieles richtig gemacht hat. Gerne hätte man mehr von ihm gehört und gelesen. Zu spät. Höchste Zeit, ein paar Dinge zu überdenken. "Das Leben kann man nicht verlängern, aber wir können es verdichten", sagte er. In diesem Sinne.

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Quelle: n-tv.de

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