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Im Goldkonfetti-Regen: Hella von Sinnen (im weißen Anzug), Ralf König (im Goldkleid) und andere Preisträger auf der Max-und-Moritz-Gala in Erlangen.
Im Goldkonfetti-Regen: Hella von Sinnen (im weißen Anzug), Ralf König (im Goldkleid) und andere Preisträger auf der Max-und-Moritz-Gala in Erlangen.(Foto: Markus Lippold)

Die Krönung des Comic-Königs: Hella von Sinnen ist in ihrem Element

Von Markus Lippold, Erlangen

"Ich liebe Comics", sagt Hella von Sinnen. Nicht nur Donald Duck und Asterix, sondern auch Graphic Novels. Dass nun der wohl populärste deutsche Zeichner den Preis für sein Lebenswerk erhält, freut sie nicht nur. Sie sieht darin auch eine politische Geste.

Seit mehr als 35 Jahren zeichnet Ralf König Comics.
Seit mehr als 35 Jahren zeichnet Ralf König Comics.(Foto: Ralf König)

"Wir haben geweint vor Glück", erinnert sich Hella von Sinnen. Köln, Anfang der 80er-Jahre: Die Entertainerin lebt mit Dirk Bach in einer WG. "Wir beide liebten Comics, vor allem Funnys", erzählt sie im Gespräch mit n-tv.de. "Und dann gibt es plötzlich diese lustigen, pointierten Geschichten, die auch noch die schwule Szene behandeln." Die Komiker konnten ihr Glück wohl kaum fassen.

Zu verdanken haben sie dieses Glück Ralf König. Just zu jener Zeit, als von Sinnen und Bach zusammen mit Dada Stievermann die Kabarettgruppe "Stinkmäuse" gründeten, startete auch der Zeichner seine Karriere - während seines Coming-outs. Seine Comics über Schwule waren ein Novum in einer Zeit, in der Homosexualität noch lange nicht gesellschaftlich anerkannt war. "Da war einer, der sich seines Schwulseins nicht mal schämte, sondern Witze darüber riss. Das war der richtige Ton zur richtigen Zeit", sagt König.

Stöckelschuhe, Turmfrisur, Riesenarsch

Ralf König und Hella von Sinnen beim Comic Talk in Erlangen.
Ralf König und Hella von Sinnen beim Comic Talk in Erlangen.(Foto: Internationaler Comic-Salon Erlangen / Erich Malter 2014)

Mehr als 30 Jahre später stehen von Sinnen und König auf der Bühne des Erlanger Markgrafentheaters, sie im weißen Anzug mit "Peabody & Sherman"-Zeichnungen, er im goldenen Kleid. Ralf König hat sich etwas Besonderes einfallen lassen: Er stakst in Stöckelschuhen auf die Bühne, mit Turmfrisur, grell geschminkten Lippen und Riesenarsch - als sei er gerade aus einem seiner Comics herausgeklettert.

Er hat allen Grund zur Freude: Dem Kölner wird der Max-und-Moritz-Preis für sein Lebenswerk verliehen. Die Preise sind die wichtigsten Auszeichnungen für graphische Literatur im deutschsprachigen Raum, die alle zwei Jahre auf dem Internationalen Comic-Salon vergeben werden. Und König ist nicht nur der jüngste, er ist auch der erste deutschsprachige Zeichner, der den Ehrenpreis erhält.

Max-und-Moritz-Preisträger

- Beste/-r deutschsprachige/-r Comic-Künstler/-in: Ulli Lust
- Bester deutscher Comic: "Kinderland" von Mawil
- Bester internationaler Comic: "Billy Bat" von Naoki Urasawa und Takashi Nagasaki
- Bester deutschsprachiger Comic-Strip: "Totes Meer" von 18 Metzger
- Bester Comic für Kinder: "Hilda und der Mitternachtsriese" von Luke Pearson
- Beste studentische Comic-Publikation: "Triebwerk" der Kunsthochschule Kassel
- Spezialpreis der Jury: Tina Hohl und Heinrich Anders für ihre Übertragung von Chris Wares "Jimmy Corrigan – Der klügste Junge der Welt"
- Publikumspreis: "Schisslaweng" von Marvin Clifford
- Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk: Ralf König

"Ich freue mich riesig darüber", kommentiert von Sinnen die Entscheidung. Und das nicht nur, weil sie mit König befreundet ist oder weil sie dessen Lebenswerk und Leistung anerkennt. "Das ist doch unbestritten", sagt sie. Von Sinnen ist dem Comic-Salon auch dankbar, weil sie in der Ehrung eine Geste sieht in Zeiten neu aufkeimender Homophobie und eines Backlashs, einer Gegenbewegung, die die Rechte von Homosexuellen wieder beschneiden will.

"Der bewegte Mann"

Tatsächlich ist die Preisverleihung ein starkes Signal. Denn bei König treffen zeichnerisches und erzählerisches Können auf gesellschaftlich relevante Themen und viel Humor. Fast 50 Bücher hat er seit Anfang der 80er Jahre vorgelegt - zuletzt erschien passenderweise eine Sammlung seiner frühen Werke. Mit "Der bewegte Mann" und "Kondom des Grauens" - beide erfolgreich verfilmt - wurde er ab Mitte der 80er auch bundesweit und international bekannt. Der Humor, der seine Bücher prägt, blitzt dann auch bei der Dankesrede auf: "Ich danke meinen Lesern, die mir seit 35 Jahren die Stange halten", sagt er. Und er hofft, irgendwann auch einen "Preis für mein altersgeiles Spätwerk" zu erhalten.

Bester internationaler Comic: "Billy Bat" von Naoki Urasawa und Takashi Nagasaki, erschienen bei Carlsen Manga.
Bester internationaler Comic: "Billy Bat" von Naoki Urasawa und Takashi Nagasaki, erschienen bei Carlsen Manga.(Foto: Naoki Urasawa / Takashi Nagasaki – Carlsen Manga)

Von Sinnen freut sich mit König. Sie fühlt sich aber auch sonst sehr wohl in ihrer Rolle als Moderatorin der Gala, inmitten der Comicbrut, wie sie die Künstler, Verleger und Fans der neunten Kunst liebevoll nennt. Hier zu sein sei für sie eine Ehre, ein Ritterschlag, sagt sie nach der Gala im Gespräch mit n-tv.de. Zum dritten Mal hat von Sinnen die Preisverleihung moderiert - und ordentlich aufgepeppt. Zusammen mit dem Schweizer Journalisten und Dozenten Christian Gasser - der zwischendurch immer mal den deprimierenden Spielstand seiner Mannschaft gegen Frankreich durchgibt - bildet sie eine perfekte Kombination aus Fachwissen und Unterhaltung.

Von Sinnen gibt gern zu, dass sie keine Fachfrau in Sachen Comic ist. Aber seit sie vor sechs Jahren erstmals zum Comic-Salon kam, hat sich ihr eine neue Welt erschlossen. Zwar las sie davor bereits Sachen wie Asterix, Batman oder Donald Duck. Hinzugekommen seien nun aber auch andere Formen, etwa Graphic Novels: "Ich habe mir 'Maus' von Art Spiegelman gekauft und zuletzt zum Beispiel 'Kiesgrubennacht' von Volker Reiche." Die Autobiographie des Comiczeichners habe sie sofort an ihre eigene Kindheit erinnert, erzählt sie, "da war ich plötzlich wieder in Gummersbach". Auch die Space-Opera-Serie "Saga" begeistert sie. "Das ist so knallbunt, so frech und wirklich cool." Und sie verehrt Guy Delisle und seine Werke wie "Aufzeichnungen aus Jerusalem". "Seine Bücher bringen mir unterm Strich mehr als eine Dokumentation auf Arte", erzählt sie.

"Ich bewundere Comiczeichner"

"Kinderland" von Mawil (erschienen bei Reprodukt) wurde als bester deutschsprachiger Comic ausgezeichnet.
"Kinderland" von Mawil (erschienen bei Reprodukt) wurde als bester deutschsprachiger Comic ausgezeichnet.(Foto: Markus Mawil Witzel / Reprodukt 2014)

Und dann kommt von Sinnen aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus: "Comics üben eine spezielle Magie auf mich aus, wenn die Geschichte stimmt, wenn es schön gezeichnet ist." Dann erfülle sie beim Lesen eine nahezu kindliche Freude. "Comics können so viel, das ist wirklich toll. Ich liebe dieses Medium." Deshalb moderiert sie nicht nur die Max-und-Moritz-Gala, sondern hat auch schon zum zweiten Mal zum Comic-Talk geladen, einer Veranstaltung, bei der Neuerscheinungen besprochen werden.

Immer zeigt sich von Sinnen meinungsstark, wenn es um Comics geht. Was sie liebt, lobt sie in den Himmel, manches aber sagt ihr einfach nicht zu. Jene Mangas für Teenager etwa, deren Protagonisten sie an Bill Kaulitz von Tokio Hotel erinnern. Oder "Jimmy Corrigan" von Chris Ware. Der Protagonist, ein trauriger, einsamer Glatzkopf, habe sie einfach nur deprimiert. Trotzdem liest sie alle Bücher, die sie zur Vorbereitung der Preisverleihung zugeschickt bekommt. Denn eines ist ihr wichtig: "Ich habe immer großen Respekt vor jedem Buch, weil ich Comiczeichner für ihre Kunst bewundere."

So ist sie auch mit den diesjährigen Preisträgern sehr zufrieden. "Kinderland" von Mawil, ausgezeichnet als bester deutschsprachiger Comic, findet sie "sehr spannend und aufschlussreich". Dass das Buch über eine Kindheit in der DDR ausgezeichnet wurde, wertet sie als wichtiges Zeichen der Jury. Sie ist auch ein großer Fan von "Hilda und der Mitternachtsriese" des Briten Luke Pearson, der für den besten Kinder-Comic ausgezeichnet wurde. "Ich bin ein Fan von Trollen, von skandinavischen Geschichten wie den Mumins. Das habe ich schon immer geliebt." Und Hilda sei gerade für Kinder genau das Richtige. "Billy Bat" schließlich, den besten internationalen Comic, findet sie schön und spannend.

In der Jury, die die Preise vergibt, möchte sie trotzdem nicht sitzen, eine entsprechende Anfrage lehnte sie mit der Begründung ab: "Kinners, da muss ich ja noch mehr Bücher lesen". Hella von Sinnen lacht. Die Max-und-Moritz-Gala würde sie aber wieder moderieren, unter drei Bedingungen: "Wenn der Comic-Salon mich wieder will, wenn ich noch stehe und wenn ich nicht in Hollywood zu tun habe."

Der Internationale Comic-Salon Erlangen findet noch bis Sonntag statt. Infos zu Künstlern, Ausstellungen und Veranstaltungen gibt es hier.

Quelle: n-tv.de

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