Unterhaltung
Der "Starman" ist jetzt bei den Sternen.
Der "Starman" ist jetzt bei den Sternen.(Foto: picture alliance / dpa)

The stars look very different today: Where are you now, David Bowie?

Von Sabine Oelmann

Das war der noch offene Traum - ein Gespräch mit David Bowie! Ausgeträumt, vorbei, verpasst. Scheiß Krebs. Ich hasse Montage. Obwohl er ja Sonntag gestorben ist. Ein verheulter Text über einen coolen Künstler und DEN Starman im Sonnensystem.

Scheiße, fuck, verdammt, Mist, verfluchter. Das waren meine Worte heute Morgen, als ich die Nachricht bekam, David Bowie sei tot. Kurzes Durchatmen, Schlucken, Wut. Danach musste ich mich kurz auf dem Klo einschließen, um zu heulen und "Space Oddity" zu hören. Darauf war ich nicht vorbereitet. Ich hasse es, zu heulen. Ich musste an mich denken, als John Lennon erschossen wurde. An sich selbst zu denken in diesen Situationen ist ja genau das, was einen noch mehr zum Heulen bringt. Ich war ein Kind damals, kannte den Tod gar nicht. Inzwischen bin ich ihm ein paar Mal begegnet, zum Glück nie persönlich, aber ich komme mir immer noch vor wie ein Kind, das nun seinen Helden verloren hat.

69 ist zu jung. Aber ich bin inzwischen alt genug, um zu begreifen, was der Verlust eines David Bowie für seine Familie, seine Fans, die Welt bedeuten kann. Unendlich viel, das steht fest. Keiner war wie er, ist wie er, wird wie er. Keiner ist wie niemand, schon klar, aber die Guten, die so richtig Tollen, diese unendlich Kreativen, diese Mit-der-Zeit-Geher, diese Ewig-Lerner, diese Einzigartigen, die sterben langsam aus. Wer soll, wer kann, wer wollte ihn ersetzen? Wir sind, kaum hat das Jahr begonnen, schon wieder ein ganzes Stück älter geworden. Scheiße, fuck, verdammt, Mist, verfluchter.

Schluss, aus, vorbei, geht nicht mehr

Bilderserie

Wieder erinnere ich mich an die Situation Ende der Siebziger, als meine Schulfreundin und ich vor einem Edel-Hotel am Berliner Kurfürstendamm rumgelungert haben, weil ER dort angeblich abgestiegen sein sollte. Er, das androgyne Wesen mit den verschiedenfarbigen Augen, den bunten Haaren, den herrlichen Kostümen. Der "Hero" ließ sich aber nicht blicken, ich ging nach Hause. Ich dachte, ich würde ihn schon irgendwann mal sehen. Das dachte ich bis vor Kurzem übrigens. Und ja, Achtung, hier der Angeber-Part, ich hab' ja tatsächlich schon ein paar tolle Menschen interviewt.

Morbiderweise sind meine absoluten Lieblingsinterviewpartner Frank Sinatra, Sammy Davis jr., Elvis und Romy Schneider nun schon lange nicht mehr ansprechbar, und wenn mich einer fragt, wer denn bisher mein Liebling war, dann sage ich für gewöhnlich: "Mein Liebling war noch nicht dabei." Denn hätte ich nur noch EINEN Interview-Wunschpartner gehabt, es wäre David Bowie gewesen. Hätte hätte, Fahrradkette. Schluss, aus, vorbei, geht nicht mehr. Shit!!!

Wie lebt es sich als Kunstwerk?

Video

Ich, als West-Berliner Schnalle, hätte mich so gerne in Schöneberg mit ihm getroffen und gefragt, was denn nun echt so toll gewesen sein soll an der Hauptstraße in den Siebzigerjhren, dem Dreck in der Luft und unserer ach so abgefahrenen "Insel-Situation". Ich hätte ihn fragen wollen, wie es ist, einer zu sein, den irgendwie alle toll finden, ohne dass er sich je anbiedern musste. Der zu den erfolgreichsten Künstlern der Welt gehörte, ohne je kommerziell zu wirken (also meistens). Woher er seine Ideen nahm, auch wenn er oft nur die Ideen anderer aufgegriffen hat (auch das ist eine Kunst).

Wie lebt es sich als Kunstwerk? Denn das war er, mal mehr, mal weniger. Mal mit viel Schminke im Gesicht, mal im Dandy-Look. Seine wunderschöne Stimme hat immer verraten, egal, ob er sang oder sprach, ob er Schauspieler war oder Sänger, dass er ein echter Mann ist, ein Gentleman. Ein Drogensüchtiger eine Zeit lang, aber ein Gentleman. Wie er seine wunderschöne Frau Iman später dann kennengelernt hat und eine skandalfreie Ehe mit ihr führte, hätte ich gern gewusst, obwohl die alten Groupies doch noch immer an jeder Ecke lauerten.

We can be heroes - wenigstens für einen Tag!

Der Vergleich ist ein wenig abgeschmackt, aber was soll's: David Bowie wurde mit den Jahren immer besser. Oder liegt es daran, dass ich das Gefühl habe, ihn mit den Jahren immer besser zu finden, immer besser zu verstehen, immer besser einordnen zu können, was er als Gesamtkünstler geleistet hat? Als junger Mensch sieht man das ja nicht sofort, man fühlt das, dass da einer was Besonderes ist, aber man kann es nicht einordnen. Oft ist im Nachhinein erst zu erkennen, wie wertvoll einer war, was er sich getraut hat und welchen Mut er hatte, Dinge zu sagen, zu zeigen, zu singen, zu machen, die sich kein anderer getraut hat.

Was machen wir jetzt, wenn die, die wir für unsterblich gehalten haben, sterben? Was behalten wir für uns? Nase putzen und ran ans Vermächtnis: "We can be heroes, just for one day" sollten wir uns auf die Flagge schreiben, das wär' ein Anfang in diesen kalten, rauen Tagen ohne allzu viel Mitmenschlichkeit. Wir sollen "Young Americans" hören, zu "Lets' Dance" tanzen, die Wut von "Putting Out Fire" spüren und uns gewarnt fühlen. Und wir sollten uns fragen:"Where Are We Now?" In den "Dschungel" können wir nicht mehr, leider, aber "as long as there's me, as long as there's you" tröstet uns an diesem beschissenen "I don't like Mondays"-Montag.

Der "Starman" ist jetzt bei den Sternen, den "black stars" und vielleicht kann er uns irgendwie mitteilen, ob da irgendwo "Life on Mars" ist: denn wenn einer das schafft, dann David Bowie.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen