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"Parabel" mit dem Silver Surfer: Moebius' Stil macht den Comic zu einem Augenschmaus.
"Parabel" mit dem Silver Surfer: Moebius' Stil macht den Comic zu einem Augenschmaus.(Foto: Panini Comics 2014)

Comics, Apachen und Silver Surfer: Früher gab es noch Zombies

Von Markus Lippold

Es gab eine Zeit, da waren Superhelden heldenhafter, Musiker musikalischer und im Wilden Westen gab es noch Zombies. Aus und vorbei, oder? Vielleicht schadet es nicht, noch einmal zurückzublicken. Mit einem Augenzwinkern.

Auf dem Surfbrett durchs All

Der Silver Surfer mag zwar nicht zur ersten Garde des Marvel-Universums zählen, aber einen festen Platz in der Comic-Welt des Verlages hat er dennoch sicher. Seit seinem ersten Auftritt 1966 hat er eine lange und faszinierende Entwicklung durchgemacht, zu der auch ein längerer, unfreiwilliger Aufenthalt auf der Erde gehörte. In dieser Zeit spielt die zweiteilige Geschichte "Parabel", die Panini nun gesammelt in einem Hardcover herausbringt.

"Silver Surfer: Parabel", Panini, 84 Seiten im Hardcover, 16,99 Euro.
"Silver Surfer: Parabel", Panini, 84 Seiten im Hardcover, 16,99 Euro.

Die Besonderheit des Abenteuers ist aber weniger, dass es bereits 1988 erschien. Vielmehr stellt sie eine Kollaboration zweier Comiclegenden dar: Den Text steuerte Marvel-Guru Stan Lee bei, die Zeichnungen stammen vom französischen Comicmeister Moebius, der etwa durch seine Westernserie "Blueberry" bekannt wurde. So außergewöhnlich dieses Comic-Gipfeltreffen ist, so ungewöhnlich gibt sich auch die Story: Der Silver Surfer lebt als Obdachloser auf der Erde, wohin ihn sein einstiger Herr, der Weltenzerstörer Galactus, verbannt hat. Nun kehrt Galactus zurück. Er will jedoch nicht die Erde vernichten, sondern bringt die Menschen dazu, ihn als Gottheit anzubeten. Der Silver Surfer nimmt den Kampf gegen den falschen Propheten auf.

Ungewöhnlich religiös, geradezu philosophisch kommt die Geschichte daher, mit viel Kritik an blindem Gehorsam. Allzu tiefgründig ist das allerdings nicht, vielmehr verfällt Stan Lee wiedermal allzu leicht in den Pathos-Modus. Herausgerissen wird der Band dann allerdings durch die Zeichnungen von Moebius, die seinen typischen Alben-Stil mit dem Superheldenuniversum verbinden. Wie auch bei anderen Werken legt er viel Wert auf die Räumlichkeit seiner Zeichnungen, gestaltet Sichtachsen, Hintergründe und Gebäude - was angesichts einer durch die Luft schwebenden Hauptfigur einen besonderen Reiz erhält. Auch wenn "Parabel" textlich nicht der Weisheit letzter Schluss ist - es ist ein außergewöhnliches, anschauenswertes Werk, das mehr Finesse hat als andere Superhelden-Geschichten.

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Die Könige des Blues

Charley Patton führte - wie andere Blues-Musiker auch - ein wildes Leben. Schließlich galt diese Musik als Teufelswerk.
Charley Patton führte - wie andere Blues-Musiker auch - ein wildes Leben. Schließlich galt diese Musik als Teufelswerk.(Foto: Robert Crumb / Reprodukt 2014)

Gleich noch ein Klassiker: Robert Crumb. Der 71-jährige US-Amerikaner, der seit etlichen Jahren in Frankreich lebt, ist für seine anarchischen Comics bekannt, für "Fritz the Cat" und Frauen mit dicken Hintern. Wer ihm im vergangenen Jahr beim Comicfestival München begegnete, erlebte ihn aber auch von einer ganz anderen Seite: als Musiker. Da saß er auf der Bühne und spielte Banjo. Ohnehin ist Crumb bekannt als Sammler alter Schellack-Platten und Fan von urtümlicher Folkmusik und Country-Blues. "Musik zählt neben Sex zu meinen größten Freuden", schreibt er auch im Nachwort von "Mister Nostalgia". Der dritte Band der von Reprodukt herausgegebenen bibliophilen Werkreihe versammelt mehrere Geschichten, in denen sich Crumb mit Musik auseinandersetzt.

"Mister Nostalgia", Reprodukt, 92 Seiten im Hardcover mit Leinenrücken, schwarzweiß, 29 Euro.
"Mister Nostalgia", Reprodukt, 92 Seiten im Hardcover mit Leinenrücken, schwarzweiß, 29 Euro.

Mal zeichnet er das Leben längst vergessener Musiklegenden nach wie Charley Patton, dem "Vater des Delta-Blues". Mal setzt er sich mit seiner Abscheu für moderne Musik auseinander oder karikiert die Sammelleidenschaft, der er selbst verfallen ist. Im ersten Fall beweist er eine ungeheure Liebe zum Thema, beschreibt aber auch die sozialen Umstände der 20er- und 30er-Jahre. Und angesichts der wilden Lebensumstände vieler alter Bluesheroen kann Crumb auch seinen Hang zu wüsten Schlägereien und Sex ausleben. Im zweiten Fall allerdings lässt er seinem Sinn für Ironie und Sarkasmus freien Lauf, den man bereits aus anderen Werken kennt. Da verteufelt er jene laute Musik, der man heute überall begegnet. Der Band ist ein historisches und sehr unterhaltsames Lesevergnügen von einem der Meister seines Fachs - man beachte etwa die Unterschiede zwischen den Geschichten, die mit Stift entstanden und den gröberen, dunkleren Pinselzeichnungen. Außerdem ist man auch mal dankbar, einen Crumb zu lesen, bei dem man nicht auf jeder Seite einer vollbusigen Frau mit drallem Hintern begegnet.

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Reime und Colts

Apachen-Zombies können eine Plage sein - da spürt Rocco am eigenen Leib.
Apachen-Zombies können eine Plage sein - da spürt Rocco am eigenen Leib.(Foto: Bela Sobottke / Gringo Comics)

Was uns Karl May verschwiegen hat: Apachen-Zombies. Zum Glück holt der Berliner Zeichner Bela Sobottke dieses Versäumnis nach. "Keiner killt so schön wie Rocco" ist schönster Western-Trash mit einem reimenden Titelhelden, der sich mit einem berlinernden Indianer, besagten Zombies und anderen kuriosen Gestalten mit oder ohne Tentakeln auseinandersetzen muss. Sobottke, der ansonsten für den Zombie-Comic "König Kobra" und das Serienkiller-Drama "Knochen-Jochen" bekannt ist, zieht diesmal den Italowestern durch den Kakao. Und das ordentlich, in der Manier eines B-Films. Nicht umsonst bezeichnete er einst seine Werke als "inhaltlich dreckige, aber handwerklich saubere Genre-Geschichten".

"Keiner killt so schön wie Rocco", Gringo Comics, 56 Seiten im A5-Hardcover, 12,90 Euro.
"Keiner killt so schön wie Rocco", Gringo Comics, 56 Seiten im A5-Hardcover, 12,90 Euro.

Vier bereits veröffentlichte sowie sechs neue Geschichten versammelt der nun vorliegende Band, der Rocco nach "Krepier oder stirb!" in ein zweites Abenteuer schickt. Sobottke spart dabei nicht an schwarzem Humor und ironischen Anspielungen auf Westernfilme. Außerdem hat er technisch aufgerüstet, mit "Reim-O-Rama"-Sound und Spezialeffekten in "Sobocolor" - wie er im Stil alter B-Filme so schön protzt. Darüber hinaus lässt er auch noch eine Figur aus "König Kobra" auftreten, die er aus dem apokalyptischen Berlin in den Wilden Westen beamt. Der Leser sollte eben, genau wie der Titelheld, auf alles gefasst sein. Wer aber mit Ironie und Trash klarkommt, wer vor Blut und schmutzigen Witzen nicht zurückschreckt (Kinder: Finger weg), wer billige Spaghettiwestern aus den 70ern und "Machete" verehrt, der liegt hier genau richtig.

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Geld, Sex und Intrigen

Mathilde hat Glück. Das heißt, eigentlich hat Hippolyt Glück. Er gewinnt im Lotto 60 Millionen Euro. Aber weil ihm Zufallsbekanntschaft Mathilde drei der Zahlen nannte, bekommt sie die Hälfte ab. Ohne Hintergedanken, ohne Haken, schließlich kommt Hippolyt aus gutem Hause. Die junge Frau ist baff, sie schmeißt das Studium und beginnt ihr Leben umzukrempeln. Ihre Freunde - ein scheuer Verehrer, ein Macho, mit dem sie im Bett war, ihre beste Freundin und ihr homosexueller Bruder - sollen davon allerdings nichts mitbekommen, was sich als äußerst schwierig herausstellt.

"Sechs aus 49 - 01 Mathilde", Schreiber und Leser, 216 Seiten im Softcover, 18,80 Euro.
"Sechs aus 49 - 01 Mathilde", Schreiber und Leser, 216 Seiten im Softcover, 18,80 Euro.

Soweit die Grundkonstellation des französischen Mehrteilers "Sechs aus 49", den hierzulande Schreiber und Leser nach und nach herausbringt. Der Clou: Der Comic hat zwar nur einen Autoren - Thomas Cadène -, dafür aber Dutzende Zeichner und Zeichnerinnen, die jeweils einen oder mehrere kurze Kapitel übernehmen. So ist jeder Band, in dem die Geschichte um Geld, Sex, Liebeleien und Intrigen weitergesponnen wird, eine Mischung verschiedener Stile. Schlimm ist das nicht, sogar sehr abwechslungsreich, schließlich gibt es stets neue Perspektiven und Nuancen zu entdecken. Die Geschichte ist dafür leicht verdaulich und locker erzählt, denn es ist eine Seifenoper in Comicform. Hier und da streut Cadène allerdings Seitenhiebe auf die französische Gesellschaft ein, auf Großbürgertum und Politik - so ist etwa Mathildes schwuler Bruder gleichzeitig Mitglied der konservativen Partei. Wer Seifenopern im Fernsehen verschlingt, ist hier sehr gut aufgehoben, schon weil es immer wieder nette Cliffhanger und Wendungen gibt. Comicfans wiederum staunen über Frankreichs Reichtum an talentierten Künstlern.

Neben der Buchveröffentlichung erscheinen alle Folgen der Serie auch auf der Webseite der "Frankfurter Algemeinen Zeitung". Band 1 von "Sechs aus 49" bei Amazon bestellen. Bisher erschienen sind zudem die Bände 2, 3 und 4. Leseproben hier.

Kanada, Land der Comics - oder nicht?

Kao-Kuk ist eine der witzigsten Figuren, die Seth erfindet.
Kao-Kuk ist eine der witzigsten Figuren, die Seth erfindet.(Foto: Seth / Edition 52)

Kao-Kuk, der königlich-kanadische Astromann, ist eine der bekanntesten Comicfiguren aus dem hohen Norden des amerikanischen Kontinents. Einsam, aber furchtlos durchstreift der Inuit die Weiten des Alls. Auch Vater Robert und Madame Trembley, Jean Trepanier und Tea-Totaler Tad sind legendäre Figuren der kanadischen Cartoonkunst. Oder etwa nicht? Fast könnte man darauf hereinfallen, so liebevoll beschreibt der kanadische Zeichner Seth jene Helden - die es in Wirklichkeit niemals gab. In "Vom Glanz der alten Tage", in edler Aufmachung in der Edition 52 erschienen, erfindet Seth Comics und deren Schöpfer und baut daraus eine ganze Comictradition. Er beschreibt berühmte, hochdekorierte Zeichner, millionenfach gelesene Zeitungsstrips und künstlerisch wertvolle Werke.

"Vom Glanz der alten Tage", Edition 52, 136 Seiten im Hardcover, 25 Euro.
"Vom Glanz der alten Tage", Edition 52, 136 Seiten im Hardcover, 25 Euro.

Die reale kanadische Comicgeschichte sieht freilich ganz anders aus, weshalb der Band einen lakonischen Ton und subtilen Humor entwickelt. Unterstrichen wird dies durch Seth' reduzierten, skizzenhaften Stil, der sich in seiner lockeren Art den Cartoons angleicht, die er zum Leben erweckt. Doch so fantasievoll die erfundenen Figuren auch sind, dass diese alle ähnlich aussehen, nimmt der fabelhaften Idee etwas von ihrer Magie. Zudem übernimmt Seth auch reale Strips wie "Nipper", dichtet ihnen aber eine fiktive Geschichte an - es braucht schon einen Experten, um die Vielzahl an Anspielungen zu verstehen. Deshalb richtet sich das Werk vor allem an Comicfans, die in der Nostalgie des Buches schwelgen können. Aber wer weiß: Vielleicht hätte es jener königlich-kanadische Astromann in der Realität auch zu Weltruhm geschafft.

"Vom Glanz der alten Tage" bei Amazon bestellen.

Teenager, Pubertät und Aliens

"Waisen" spielt auf zwei Zeitebenen: Einerseits geht es um die Ausbildung der Jugendlichen (l.), andererseits um deren Kampf gegen Aliens.
"Waisen" spielt auf zwei Zeitebenen: Einerseits geht es um die Ausbildung der Jugendlichen (l.), andererseits um deren Kampf gegen Aliens.(Foto: Cross Cult)

Genug der Nostalgie, nun geht's um Action: Außerirdische haben die Erde angegriffen und ein Sechstel der Menschheit getötet. Zurückgeblieben sind ins Chaos gestürzte Staaten, verwüstete Städte und viele elternlose Kinder. Nun rüsten sich die Armeen der Welt zum Gegenschlag - und jene Waisen sollen die Elitesoldaten im Kampf gegen die Aliens werden. "Waisen" - so lautet auch der Titel der italienischen Comicreihe, die dieses Szenario entwirft und die nun bei Cross Cult auf Deutsch erscheint. Auf zwei sich abwechselnden Zeitebenen erzählt die Serie die Geschichte von mehreren Jugendlichen, die ihre Eltern verloren haben und nun ein hartes Militärtraining absolvieren, ohne zu wissen, worauf sie sich einlassen. Eine erste Zeitebene widmet sich jener harten Ausbildung, die den Jugendlichen alles abverlangt. Auf einer zweiten Ebene, die einige Jahre später spielt, treten die nun erwachsenen Soldaten den Kampf an gegen Außerirdische, über die man so gut wie nichts weiß.

"Waisen 1: Das Ende ist erst der Anfang", Cross Cult, 208 Seiten im Hardcover, 16,80 Euro.
"Waisen 1: Das Ende ist erst der Anfang", Cross Cult, 208 Seiten im Hardcover, 16,80 Euro.

"Herr der Fliegen" trifft hier auf "Starship Troopers". Einerseits werden Kinder und Jugendliche gezeigt, die sich angesichts der stetigen Gefahr zusammenraufen müssen und gleichzeitig mit Pubertät und Erwachsenwerden zu kämpfen haben. Andererseits zeigt "Waisen" den Kampf gegen die Aliens und setzt dabei auf Action und jede Menge Krawall. Man merkt der Reihe an, dass sie in Italien monatlich erscheint: Die Geschichten sind äußerst schnell und actionreich erzählt, dafür allerdings auch nicht allzu innovativ. Wer es tiefgründiger mag, ist mit "Gung Ho" besser aufgehoben, der ebenfalls eine Gruppe Jugendlicher in einer apokalyptischen Welt beschreibt. Wer mehr Wert auf Science-Fiction legt, sollte zur hervorragenden Serie "Saga" greifen, deren dritter Band eben bei Cross Cut erschienen ist. "Waisen" dagegen ist der Snack für zwischendurch: unterhaltsam geschrieben, actionreich umgesetzt und routiniert gezeichnet.

Band 1 von "Waisen" bei Amazon bestellen. Ebenfalls erschienen ist bereits Band 2, Band 3 folgt in Kürze. Leseproben hier.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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