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Sehr persönliche Texte, sechs Grammys und eine unvollendete Karriere - das und vieles mehr war Amy Winehouse.
Sehr persönliche Texte, sechs Grammys und eine unvollendete Karriere - das und vieles mehr war Amy Winehouse.(Foto: Youtube/Altitude Film)
Mittwoch, 15. Juli 2015

Die wunderbare Winehouse : Oh Amy!

Von Sabine Oelmann

Was hätte sie nicht noch alles machen können? Sie war eine Quelle der Musikalität. Der Preis, den sie gezahlt hat, war ihr Leben - auch schon, bevor sie starb. Ein großartiger Dokumentarfilm über Amy Winehouse wird die Sängerin nun noch unsterblicher machen.

Wir begleiten eine Frau durch ihr kurzes Leben. Als junges Ding nicht ganz unbelastet, aber sprühend vor Ideen, Witz, Charme. Intelligent. Schlagfertig. Alles Eigenschaften, die man mit der späteren Amy Winehouse nicht mehr in Verbindung zu bringen vermag. Da kam sie uns hilflos vor, zerstört, selbstzerstörerisch, unsicher, humorlos. Was ist in der Zwischenzeit, in diesen sagen wir mal 20 Jahren, passiert?

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Der Filmemacher Asif Kapadia (der die Doku über Ayrton Senna drehte) gewährt uns einen Einblick in Amys Leben, seit sie ungefähr neun Jahre ist. Da war sie bereits ein freches Früchtchen, hatte eine Mutter, die schwach war und einen Vater, der die Familie verließ. Dennoch waren die Anzeichen, wie ihr Leben einmal enden sollte, auf keinen Fall ersichtlich, denn so geht es vielen Kindern. Und nicht alle können so gut singen wie Amy. Die junge Amy sagt: "Ich weiß, dass ich Depressionen habe und ich mache dann Musik. Danach geht es mir besser. Wie halten die Leute es aber aus, wenn sie keine Musik machen können?"

Die Musik als Ventil ist nicht ungewöhnlich. Viel ungewöhnlicher ist, dass sie letzten Endes dann doch mit dazu beiträgt, sie zu zerstören. Denn Amy kann mit dem Erfolg, der ab einem gewissen Punkt über sie hereinbricht, nicht mehr umgehen. Die Jagdszenen auf Amy Winehouse erinnern an die auf Prinzessin Diana. Als hätten sie nichts gelernt aus den Fehlern, jagen die Medien die junge Frau, vor allem, als sie von Drogen und Alkohol und unglücklicher Liebe zerfressen ist.

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R-E-S-P-E-C-T!

Aus Wohlwollen ihr gegenüber formt sich am Ende ihres Lebens dann eine Form von Zynismus, von der man hofft, dass sie ihn gar nicht mehr mitbekommen hat in ihrem Nebel aus Drogen und Drinks: Talkmaster, die sie einst eingeladen hatten, um das musikalische Wunderkind zu präsentieren, machten sich über ihre Abstürze lustig, Komiker sahen in ihr keine begnadete Musikerin mehr, sondern eine billige Vorlage, um miese Witze zu kloppen. Sie hatte Respekt verdient und erntete nichts als Hohn. Als sie dann tot war, guckten auch die Spötter wieder blöd und betroffen aus der Wäsche. Sollten sie noch immer nichts gelernt haben, dann sehen sie sich hoffentlich den Film "Amy" an. Er lässt den Zuschauer daran teilhaben, wie es so weit kommen konnte, wie es kam. Manchmal sind wir fast zu nahe dran, zu voyeuristisch, aber Regisseur Kapadia bekommt immer wieder die Kurve in Amys zunehmend traurigem Leben.

Tony Bennett und Amys Eltern bei der Grammy-Übergabe für "Body and Soul" im Februar 2012.
Tony Bennett und Amys Eltern bei der Grammy-Übergabe für "Body and Soul" im Februar 2012.(Foto: REUTERS)

Schön ist, dass wir so viele Facetten von Winehouse sehen, so viele Stimmen hören, die etwas über sie zu sagen haben. Die Stimmen ihrer Freundinnen (die wir immer nur hören, nie sehen) brechen manchmal, wenn sie darüber reden, wie sie versucht habe, sie von den Drogen abzubringen; wie sie immer wieder glaubten, jetzt sei alles gut; wie entsetzt und hilfslos sie waren, als sie merkten, nichts und niemand kann die Sängerin anscheinend davor retten, sich selbst zu zerstören. Die Vorwürfe, die sie sich machen, sind spürbar und nachvollziehbar. Aber es wird einem auch klar, dass Amy Winehouse durchaus von Menschen - Freunden, Managern, Bodyguards, Plattenfirmen - umgeben war, die es ehrlich und gut mit ihr meinten. Die trotzdem in der ersten Reihe saßen und dabei zusahen, zusehen mussten, wie Amy Winhouse sich in den Abgrund manövrierte.

"Kanntet ihr euer Kind eigentlich kein bisschen?"

Asif Kapadia muss endlos gesessen haben, um alle Filmschnipsel und Dokumente, Videos, Handyaufnahmen, Gespräche, Konzertmitschnitte und Nachrichten zu sortieren und in Form zu bringen. Der Film ist lang, aber nicht zu lang, er ist voller Musik, die den Betrachter glücklich macht und dann aber zeigt, dass irgendwann Amys letztes Lied, das aus irgendeiner vermotteten Tonspur gezogen werde könnte, wirklich das letzte sein wird.

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Selbst die Eltern, die zwar schlecht wegkommen, aber ihr Einverständnis zum Film gegeben hatten, dann jedoch den Schnitt für sich selbst ungünstig empfanden, kommen nicht so übel weg, wie man befürchten musste. Ja, Mitch, ihr Vater, hat viele schlechte Seiten, das ist klar. Sicher war er auch überfordert. Er hat den Ernst der Lage nicht erkannt. Es wird einem schlecht, wenn man dabei zusehen muss, wie die kranke Tochter vom mediengeilen Vater auch in Zeiten, in denen sie sich komplett zurückgezogen hatte, auf den Präsentierteller gesetzt wird. Wie er ihr keinen Moment der Ruhe gönnt. Er hat die Situation um seine Tochter und sie selbst falsch eingeschätzt.

Ein ganz mieses Arschloch

Dass er sie geliebt hat, kommt trotzdem durch. Auch ihre Mutter schimmert immer mal wieder etwas heller - trotzdem möchte man vor allem diese beiden packen und fragen: "Kanntet ihr euer Kind eigentlich kein bisschen?" Von Blake Fielder-Civil, ihrem Mann und Dealer, mal ganz abgesehen. Es ist zu erkennen, dass auch er nur ein verlorener Sohn ist, der nicht genug Stärke für zwei hatte, aber es ist auch zu sehen, dass er ein ganz mieses Arschloch war, das in Amy Winehouse' Fahrwasser mitschwimmen wollte, so lange es ging. Der seine Drinks nie selbst zahlte, wie wir mitansehen müssen. Barkeeper: "Wer zahlt das?", Fielder-Civil: "Also ich nicht, ich bin blank, aber Amy hat Geld." Amy hatte übrigens immer Geld, klar, sie war eine Maschine, die von ihrer Umgebung bis auf den letzten Rest augeschlachtet wurde.

Am schönsten, aber auch am traurigsten ist, dass wir dem Mädchen Amy so nahe kommen. Wir sind hingerissen von ihr als sehr junger Frau, die eine Zeitlang ganz genau wusste, was sie wollte: Wir sind fasziniert, während ihre Karriere an Fahrt gewinnt, und entsetzt, als der Absturz nicht mehr aufzuhalten ist. Die Amy hinter den Kulissen war großartig und verletzlich - das schafft der Filmemacher bravourös, sie uns so nahezubringen.

"Amy" ist ein Muss für die Fans. Und absolut sehenswert für alle, die hinter die Fassade blicken wollen. Der Film ist absolut beschämend für die, die sich über sie lustig gemacht haben. 

"Amy" startet am 15. Juli in den deutschen Kinos

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Quelle: n-tv.de

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