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"Bangerz" gibt es mit verschiedenen Covern - exklusiv im Netz auch als Oben-ohne-Variante.
"Bangerz" gibt es mit verschiedenen Covern - exklusiv im Netz auch als Oben-ohne-Variante.(Foto: Sony Music / Miley Cyrus Official Store)
Mittwoch, 09. Oktober 2013

Huch, sie singt!: Mileys Album "Bangerz"

Von Volker Probst

Siehe da: Manchmal benutzt Miley Cyrus ihre Zunge auch zu etwas anderem, als sie aus dem Mund hängen zu lassen. Etwa dann, wenn sie zum Gesangsmikro greift. Deshalb gibt es nun ihr neues Album "Bangerz". Und auf dem Cover hat sie sogar etwas an. Eigentlich jedenfalls.

"Baby, Baby - are you listening?" Das sind die ersten Worte, die einem Miley Cyrus ins Ohr haucht, nachdem man "Bangerz" in den CD-Schacht geschoben hat. In jüngster Zeit gab die 20-Jährige allerdings ein klitzekleines bisschen mehr Anlass, ihr zuzuschauen als zuzuhören. Erst ihr freizügiges Video zu "We Can't Stop", das man in England sogar nicht mehr ungeschnitten zeigen wollte. Dann ihr frivoler Auftritt bei den MTV-Awards mit Robin Thicke. Daraufhin der nächste versaute Clip zu "Wrecking Ball" inklusive nacktem Ritt auf der Abrissbirne und Lecken am Vorschlaghammer. Und zuletzt ein paar Fotos in Strumpfhosen und String-Body, die unterhalb der Gürtellinie wirklich kaum noch Fragen offen ließen. Ob gewollt oder nicht - selbst beim Albumtitel kommen einem da nun schon eher Porno-Fantasien in den Kopf als Gedanken an einen musikalischen Paukenschlag.

Und? Alles fit im Schritt?
Und? Alles fit im Schritt?(Foto: Sony Music)

Die Aufmerksamkeit ist Cyrus mit ihren mehr oder weniger erotischen Eskapaden seit Wochen gewiss. Ob sie sich mit Blick auf die Verkäufe von "Bangerz" damit jedoch wirklich auch einen Gefallen tut, ist fraglich. Viele der Heranwachsenden, die für Cyrus in ihrer einst braven Rolle als "Hannah Montana" schwärmten, stößt das neue Luder-Image ihres Idols vor den Kopf. Ältere Semester indes wenden sich kopfschüttelnd ab. Dass auch ein noch so großer Teenie-Star irgendwann flügge wird und mit demnächst 21 Jahren mit der Vergangenheit auch mal brechen will, ist nicht das Problem. Es ist die Art und Weise, wie Cyrus die Brechstange ansetzt.

Auch Madonna hat sich einmal nackig gemacht - der Klassiker sozusagen. Die (Fast-)Altersgenossinnen von Cyrus, Vanessa Hudgens und Selena Gomez, wackelten jüngst in knappen Bikinis durch die Räuberpistole "Spring Breakers", um sich von ihrem Kinderstar-Image abzunabeln. Von Britney Spears gab es eine Zeit lang nahezu wöchentlich Schnappschüsse, die zeigten, wie sie zugedröhnt, breitbeinig und unten ohne in irgendeinem Auto saß. Und auch Rihanna oder Lady Gaga lassen schon mal fast oder ganz komplett die Hüllen fallen. Trotzdem reagierte darauf kaum jemand ähnlich empört oder gar angewidert wie im Falle von Cyrus. Denn entweder hatte das dann doch einen gewissen Stil (Madonna, Hudgens, Gomez) oder man konnte beziehungsweise kann dafür zumindest noch andere Erklärungsgründe finden als die der puren Effekthascherei: tatsächliche psychische Probleme (Spears) etwa oder gar Kunst (Lady Gaga). Oder vielleicht sogar beides wie im Falle der Überfliegerin und Verprügel-Prinzessin Rihanna.

"Sie ist sehr schlau"

Wie Cyrus ihre Haut zu Markte trägt, wirkt indes schlicht zu billig, inszeniert und fremdbestimmt. Dass ausgerechnet ihr alter Herr Billy Ray Cyrus, selbst ein erfahrener Show-Hase, ihr beim abrupten Image-Sturz den Rücken stärkt, anstatt seine Tochter mal väterlich beiseite zu nehmen, befremdet. "Sie ist sehr schlau und hat alles von vornherein bedacht", erklärte er vor Kurzem in einem Interview. "Sie hätte für immer Hannah Montana sein und ein bequemes Leben haben können. Miley wusste, dass sie etwas Drastisches tun musste, um aus diesem Schatten zu treten." Man möchte ihm und ihr am liebsten zurufen: "Aber doch nicht so."

Leck mich fett, die Miley!
Leck mich fett, die Miley!(Foto: Elvina Beck / Sony Music)

Nun also "Bangerz". Denn auch wenn alle Welt derzeit nur noch auf Mileys nächste Porno-Peinlichkeit wartet, war und ist die 20-Jährige schließlich eigentlich Sängerin. Eine, die zig Millionen Platten verkauft hat, egal, ob unter ihrem eigenen Namen oder dem ihres Alter Egos Hannah Montana. Lieferte Cyrus auf ihren bisherigen drei Alben zuvorderst weichgespülten Mainstream-Pop ab, will sie mit ihrem neuen Werk ebenso musikalisch eine Zäsur mit der Abrissbirne einläuten. Das schafft sie auch. Ein Stück zumindest.

"Dirty South Hip Hop", greift Cyrus bei der eigenen Umschreibung der Songs auf "Bangerz" so hoch, dass sie sich quasi gleich selbst die Schaffung eines neuen Genres zuschreibt. Keine Frage, der für sie neuartige Hip-Hop-Einschlag ist deutlich zu hören. Gleichwohl ist das Album so glatt produziert, dass viele der Lieder eins zu eins ebenso von Britney Spears - die Cyrus bei einem Song auch unterstützt - oder Rihanna intoniert werden könnten.

Ein Hauch Adele

Allzu harsche Kritiker von Plastikware werden genau deshalb das Album in Bausch und Bogen verdammen. Nur ist es im Falle von Cyrus eben auch nicht anders als bei den beiden anderen weiblichen Popgrößen: kaum ein Song, an dem nicht bis zu einem halben Dutzend Autoren und zwei bis drei Produzenten mitgewirkt hätten, darunter solche Schwergewichte wie Durchstarter Pharrell Williams, Black-Eyed-Peas-Mann will.i.am und Mike Will Made It, dessen Kundenliste von 50 Cent und Lil Wayne bis eben Spears und Rihanna reicht. Massenkompatibel ist das allemal. Und besser als das Kleinmädchen-La-La-La der "Hannah Montana" auf jeden Fall auch.

Neben Spears greifen in weiteren Songs auch die Hip-Hopper Nelly, Future, Big Sean und French Montana - mit Hannah Montana weder verwandt noch verschwägert - Cyrus unter die Arme. Gerade diese Koproduktionen ragen mit einigen Überraschungsmomenten deutlich aus "Bangerz" heraus und können sich durchaus hören lassen. "4x4" mit Nelly etwa versprüht Folk-Atmosphäre, "SMS (Bangerz)" mit Spears enthält so etwas wie Grime-Anleihen und "FU" mit French Montana erinnert gar - man höre und staune - ein wenig an Adele.

Würde Cyrus drumherum nicht ihre peinlich-prollige Schmuddel-Show abziehen, würden ihr angesichts dieses Albums vermutlich viele einen legitimen Reifungsprozess durchaus zugestehen. Dass sie dabei wie beim Song "#Getitright" auch in ihren Texten nun die Intimzonen spätpubertär angreift ("I got things I want to do to you … Make my tongue just go do-do-do") - Schwamm drüber. Ja, sogar dass man die Deluxe-Ausgabe von "Bangerz" im offiziellen Web-Shop der Sängerin auch mit einer Oben-ohne-Variante des Trash-Covers erwerben kann, würde vermutlich niemanden allzu sehr beirren. So aber ist es die nächste Spitze, die die neue Geili Miley mit der Schlabberzunge abfeuert.

"I turned into someone else" sind die letzten Worte, die auf "Bangerz" fallen. Und mit der Aussage, sie betrachte das Album als ihr eigentliches Debüt, schlägt Cyrus noch einmal derart mit dem Vorschlaghammer auf ihre eigene Vergangenheit ein, dass auch der letzte Teenie auf dem Globus eigentlich nur noch weinend über seinen "Hannah Montana"-Postern zusammenbrechen kann. Erinnern Sie sich an Mileys Auftritt bei "Wetten, dass..?" vor knapp drei Jahren? Die Fans seien ihr "das Allerwichtigste", wurde die damals 17-Jährige nicht müde zu beteuern. Jetzt aber haut sie ihren jahrelangen Anhängern das Messer geradezu rücklings ins Kreuz, während sie sich vor Menschen jenseits des "Hannah Montana"-Alters lächerlich macht. Auch wenn ihre Musik nun besser ist als früher, kann das nicht funktionieren. Cyrus setzt ihre Karriere für den Kick für den Augenblick aufs Spiel. Sie dürfte das noch bereuen.

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Quelle: n-tv.de

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