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Oh, oh - droht ein unvollendetes Ende der Ära Guardiola?
Oh, oh - droht ein unvollendetes Ende der Ära Guardiola?(Foto: imago/Hübner)

Stimmungstief vor dem Spitzenspiel: Dem FC Bayern droht der "Guardiola-Gau"

Von Tobias Nordmann

Beim FC Bayern werden sie nervös, die Pleite gegen Mainz schürt die Angst vor dem Versagen. In den nächsten zwei Wochen geht es für den FCB um alles - vor allem um das Erbe einer Ära, von der sie sich so viel versprochen haben.

Der FC Bayern München hat ein Spiel verloren. So etwas kommt vor, wenn auch nicht so häufig. Schon gar nicht in der Fußball-Bundesliga. Darüber kann man nun schmunzeln (wenn man die Bayern nicht mag) oder sich ärgern (wenn man die Bayern mag). Doch die 1:2-Heimpleite gegen den FSV Mainz 05 unmittelbar vor dem Ligagipfel gegen den BVB am Samstag ist mehr, sie macht die Verantwortlichen des deutschen Rekordmeisters nervös. Da sagt zum Beispiel Vorstands-Chef Karl-Heinz Rummenigge den durchaus bemerkenswerten Satz: "In Dortmund sollten wir besser nicht verlieren." Solche Töne hört man nur ganz selten aus München - vor allem wenn es um die Bundesliga geht. Diese neue Unruhe ist indes hausgemacht. Mit der frühen Bekanntgabe des Abgangs von Josep Guardiola im Sommer ist der Klub ein großes Risiko eingegangen: Eine schleichende Entmachtung - bewusst oder nicht - der fast unfehlbar erscheinenden Trainerpersönlichkeit Guardiola.

Karl-Heinz Rummenigge mahnt: "In Dortmund sollten wir besser nicht verlieren."
Karl-Heinz Rummenigge mahnt: "In Dortmund sollten wir besser nicht verlieren."(Foto: dpa)

Vielleicht hätte man schon am 20. Dezember 2015 erahnen können, dass der Status der Unangreifbarkeit des katalanischen Startrainers in München bröckelt. Denn via Pressemitteilung - ungewöhnlich bei solch einer wichtigen Personalentscheidung - erklärte der FC Bayern, dass der Trainer den Verein im Sommer verlassen werde. Guardiola selbst war zu diesem Zeitpunkt schon in den Weihnachtsurlaub zu seinen Eltern nach Barcelona aufgebrochen. Fragen zu der Entscheidung, zu Hintergründen? Nicht möglich. Warum auch, war doch alles gesagt. Der Nachfolger wurde ebenfalls schon präsentiert. Die Bayern müssen halt zweigleisig fahren, ebenso wie der Spanier. Schließlich gab es eine Zukunft zu planen, unabhängig voneinander. Ein gefährlicher Weg - wie sich nun immer deutlicher zeigt.

Mainz-Pleite nicht überbewerten, aber...

Nein, die Niederlage der Bayern gegen die in dieser Saison beeindruckend guten Mainzer wollen wir nicht zu hoch hängen. Sie kann durchaus passieren. Die Niederlage ist vielmehr das sichtbarste Resultat einer aus Bayern-Sicht unguten Entwicklung. Seit dem verkündeten Abgang wirkt das Starensemble auf dem Rasen in vielen Spielen merkwürdig gehemmt, zu wenig zielstrebig. Da wird der rauschhafte Ballzauber immer häufiger von einem nüchternen Ergebnisfußball ersetzt, die "Mia-san-Mia"-Mentalität längst nicht mehr von allen Spielern ausgestrahlt. Da taugt als Ausrede auch nur bedingt, dass mit Jerome Boateng, Javi Martinez und Holger Badstuber drei Innenverteidiger längere Zeit verletzungsbedingt ausfallen. Der Kader ist tief genug und der Trainer taktisch zu intelligent, um hier die entscheidenden Gründe für den Leistungsabfall zu identifizieren.

Hinzu kommt, dass die längst vergessen geglaubte "FC Hollywood"-Attitüde sich mit Wucht zurückmeldet. Da taucht Ende Januar auf einmal ein "Maulwurf" auf, plaudert freimütig über eine kriselnde Stimmung zwischen Trainer und Spielern. Von übergewichtigen Fußballern und Alkoholeskapaden ist plötzlich die Rede. Mit der Ruhe im Klub ist's vorbei. Das untrüglichste aller Zeichen dafür: Der lange zurückhaltende Chef-Mahner Matthias Sammer ist in den Medien plötzlich omnipräsent.

Immer wieder diese Rückrunde

Bastian Schweinsteiger wurde Opfer der Guardiola-Allmacht.
Bastian Schweinsteiger wurde Opfer der Guardiola-Allmacht.(Foto: dpa)

Die Angst davor, die Ära Guardiola ohne den wichtigsten aller Titel - den Gewinn der Champions League - zu beenden, frisst den Klub in der Rückrunde regelmäßig auf. In dieser Saison mehr denn je. Denn griff diese fast allergisch anmutende Angst-Reaktion in den vergangenen beiden Spielzeiten fast lediglich in den entscheidenden Duellen auf europäischer Ebene, so schleicht sich die Panik des Versagens nun offenbar auch in den Liga-Alltag. Was vor allem am wiedererstarkten BVB liegt, der den Rückstand im Kampf um die deutsche Meisterschaft am Samstag auf zwei Punkte verkürzen könnte.

Und ja, es muss sich aus Sicht der Bayern wie Versagen anfühlen, wenn am Ende der Ära nicht mindestens der Titel in der Königsklasse, besser noch das Triple steht. Denn was hatten sie sich im Sommer 2013 an der Isar gefreut und dafür gefeiert, dass der "Übertrainer" sich für den FCB entschieden und eine Triple gekrönte Mannschaft von Pensionär Jupp Heynckes auf ihrem Höhepunkt übernommen hatte - die Hoffnung auf eine Phase der europäischen Dominanz war groß.

"Alles für den Pep, alles für den Klub"

Das Team wurde nach den Wünschen des Katalanen umgebaut - Geld? So what? Mit Feingeist Thiago bekam er seinen absoluten Wunschspieler aus Barcelona. Es folgten der spielintelligente Xabi Alonso und Tormaschine Robert Lewandowski - parallel dazu wurden Klub-Urgestein Bastian Schweinsteiger und der "ewige Doc" Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt abgesägt, beziehungsweise entmachtet.

Und weil sich trotz aller Veränderungen im Klub auch nach zwei Jahren katalanischen Regiments der Königsklassen-Triumph nicht einstellen wollte, investierten sie in München im Sommer noch einmal kräftig. In die schnellen, technisch brillanten Flügelspieler Douglas Costa und Kingsley Coman sowie in den neuen "Aggressiv-Leader" Arturo Vidal. Getreu dem legendären Hausmeister-Krause-Motto: "Alles für den Pep, alles für den Klub". Und diese Fokussierung einzig und allein auf den Startrainer droht nun, zu einem frustrierenden Bumerang zu werden.

Der Druck liegt bei den Bayern

Der Druck, das ausgerufene Triple zu holen, ist immens. Für den Verein größer als für den Trainer. Denn der bekommt im Sommer in Manchester ein Reich der Möglichkeiten eingerichtet, gegen das die bayerische Einkaufspolitik wie ein Gang in den Transfer-Discounter wirkt. Und wenn die englischen Medienberichte stimmen - was allerdings zu Teilen durchaus angezweifelt werden darf - arbeitet Guardiola schon jetzt mit mehr als halber Kraft an einem Kader, mit dem alles möglich ist, aber vor allem eine neue Dominanz in Europa.

Noch aber ist er Angestellter des FC Bayern. Und noch ist auch in München alles möglich. Die historische vierte Meisterschaft in Serie, der 18. Triumph im DFB-Pokal und der so herbeigesehnte Titel in der Champions League. Bereits in den nächsten 13 Tagen könnte allerdings das Urteil über drei Jahre Guardiola in München gefällt werden - nach dem Spiel in Dortmund folgt am 16. März das Rückspiel im Champions-League-Achtelfinale daheim gegen Juventus Turin (Hinspiel 2:2). Scheiden die Bayern aus, bliebe das Kapitel Guardiola lediglich eine unvollendete Ära. Nicht mehr. Meisterschaft hin, DFB-Pokal her.

Quelle: n-tv.de

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