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Gewebe eines muzinösen Rektumkarzinoms, mikroskopischer Schnitt, 100-fache Vergrößerung.
Gewebe eines muzinösen Rektumkarzinoms, mikroskopischer Schnitt, 100-fache Vergrößerung.(Foto: imago/blickwinkel)
Mittwoch, 12. Juli 2017

Wichtig für Therapie: Darmkrebs kann auch über Blutbahn streuen

"Wissenschaftlich ein großer Durchbruch": Forscher stellen einen genetischen Stammbaum von Metastasen von Darmkrebs auf. Demnach kann der Tumor sich auch an Lymphknoten vorbei ausbreiten. Ihre Ergebnisse können wichtig für die Therapie werden.

Darmkrebs kann auch an Lymphknoten vorbei in Organe hineinstreuen. Einen Beleg dafür haben US-Forscher mit einem genetischen Stammbaum der Metastasen erbracht. So könne dieser Krebs über die Blutbahn vor allem in die Leber gelangen, schreiben Kamila Naxerova von der Harvard Medical School in Boston und Kollegen im Fachjournal "Science".

"Das ist wissenschaftlich ein großer Durchbruch", sagte Hellmut Augustin vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Die Forscher nutzen ein bereits früher entwickeltes Verfahren: Im Erbgut gibt es besonders leicht mutierende Aneinanderreihungen des Bausteins Guanin, die kein Bauplan für ein Protein sind und sich selbst innerhalb eines Tumors unterscheiden.

Das Team untersuchte von 17 Patienten mit Krebs im Dickdarm oder Mastdarm 213 Gewebeproben aus drei Regionen: aus dem Primärtumor, aus Metastasen in Lymphknoten und aus weiter entfernten Metastasen. Bei 11 Patienten (65 Prozent) fanden die Forscher genetische Unterschiede zwischen den Metastasen im Lymphknoten und den weiter entfernten Metastasen. Das sei ein starker Beleg für eine unabhängige Entstehungsgeschichte der beiden Typen: Sie könnten aus verschiedenen Regionen des Tumors stammen. Zudem könnten die weiter entfernten Metastasen an den Lymphknoten vorbei in andere Körperteile gelangt sein, etwa über die Blutbahn.

Bei 6 Patienten (35 Prozent) gab es kaum einen Unterschied zwischen den Metastasen im Lymphknoten und den weiter entfernten. Mit dem genutzten Verfahren lasse sich zwar nicht unterscheiden, ob sich diese Metastasen beide aus derselben Tumorregion heraus entwickelt haben oder ob die fernen Metastasen von denen im Lymphknoten abstammen, schreiben die Autoren. Es gebe bei diesen Patienten jedoch viele Hinweise für eine Abspaltung der fernen Metastasen aus solchen im Lymphknoten.

Streuung sowohl über Lymph- als auch Blutgefäße

Bereits früher haben Forscher laut Augustin gezeigt, dass Tumore sowohl über Lymphgefäße als auch Blutgefäße streuen können. "Es ist bei Weitem nicht so, dass Metastasen-Bildung immer über Lymphknoten verläuft. Man konnte dies bislang aber nicht so gut zeigen. Zum definitiven Nachweis hat es an Techniken gefehlt."

Für die medizinische Praxis ändere sich erstmal nichts, meint der Krebsforscher. Lymphknoten-Metastasen geben auch nach Meinung der Studienautoren nach wie vor wichtige Hinweise auf einen streuenden Tumor. So ist etwa der Wächterlymphknoten Augustin zufolge weiter von hohem Wert. "Wenn man dort Metastasen nachgewiesen hat, dann weiß man, dass der Tumor angefangen hat, zu metastasieren." Damit habe er eine extrem wichtige diagnostische Bedeutung.

"Es ist trotz der Studie jedoch noch nicht klar, ob der Wächterknoten nur diagnostische Bedeutung hat, oder aus ihm auch Metastasen folgen können", sagt Augustin. "Die Studie zeigt, dass beide Wege möglich sind, jedoch die meisten Metastasen über die Blutbahn verteilt werden."

Fraglich, ob 17 Patienten repräsentativ sind

Es sei jedoch fraglich, ob die 17 Patienten wirklich repräsentativ seien, meint Augustin. Die Forscher mussten über 1300 Patientenakten durchgehen, bis sie 17 fanden, von denen sie genetische Daten für den Primärtumor und alle Metastasenarten erhalten konnten.

Dennoch habe die Studie großen Wert: "Es ist hier eine Methode aufgezeigt worden, die die Diagnostik deutlich verbessert." So kann man mit dem Verfahren auch unterscheiden, ob ein Tumor von einem anderen Organ abstammt oder sich völlig neu gebildet hat. Mit einer besseren Kartierung der Tumore könnten Ärzte künftig auch einmal besser maßgeschneiderte Medikamente einsetzen, hofft Augustin.

Praktisch werde sich bei der Therapie von Darmkrebs erstmal nichts ändern. "Es ist bei dieser Krebsart üblich, die betroffenen Lymphknoten ebenfalls zu entfernen." Das habe auch keine so großen Nebenwirkungen wie bei Brustkrebs oder bei Melanomen. Insgesamt könne man von dieser Studie nicht unbedingt auf andere Krebsarten schließen. Der Darm sei über die Pfortader sehr eng mit der Leber verbunden, erläuterte Augustin. Und in der Studie fanden sich vor allem Lebermetastasen. Über die Pfortader gelangen unter anderem Nährstoffe vom Darm in die Leber.

"Die Studie wird sehr viel weitere Forschung stimulieren", sagte Augustin. Künftig wird es nach Meinung der Studienautoren etwa interessant sein, ob Metastasen mit der unterschiedlichen Herkunft sich auch verschieden verhalten.

Darmkrebs kann - früh erkannt - gut behandelt werden. Später ist die Prognose sehr schlecht. Ab 50 Jahren kann jeder Versicherte in Deutschland jährlich einmal seinen Stuhl kostenfrei auf Blut untersuchen lassen. Ab 55 gibt es laut Krebsinformationsdienst in gewissen Abständen kostenfreie Dickdarmspiegelungen oder Tests auf Blut im Stuhl.

Quelle: n-tv.de

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