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Ein Blick in eine Recyclinganlage in Berlin-Mahlsdorf.
Ein Blick in eine Recyclinganlage in Berlin-Mahlsdorf.(Foto: picture alliance / dpa)

"Cradle to Cradle": Deutschland verschläft Revolution

Von Peter Poprawa

Die Menschheit konsumiert, als gäbe es kein Morgen. Energie gibt es scheinbar im Überfluss. Die Endlichkeit der Ressourcen wird verdrängt, die Lösungswege sind meist holperig und oft nicht zielführend. Das Konzept "Cradle to Cradle" könnte die nächste industrielle Revolution auslösen, doch Deutschland tut sich schwer damit. Warum nur?

"Abfall ist nichts anderes als Nahrung", sagt Michael Braungart, Professor für Verfahrenstechnik. Das Magazin "Time" krönte ihn schon vor fünf Jahren zum "Helden der Umwelt", Steven Spielberg interessiert sich für seine Geschichte als Stoff für die Leinwand. In seiner Heimat dagegen wird Braungart kaum wahrgenommen.

Michael Braungart, Gründer und Leiter von EPEA Internationale Umweltforschung GmbH, hat das Cradle-to-Cradle-Konzept maßgeblich entwickelt.
Michael Braungart, Gründer und Leiter von EPEA Internationale Umweltforschung GmbH, hat das Cradle-to-Cradle-Konzept maßgeblich entwickelt.(Foto: EPEA)

Im Gespräch mit n-tv.de erklärt der Chemiker seine Visionen für eine bessere Welt, für ein nachhaltiges Wirtschaften. Sein Konzept nennt Braungart "Cradle to Cradle" (von der Wiege zur Wiege). Es soll den Menschen "von einem Schädling zu einem Nützling für die Erde" machen. Das heißt, Produkte sollen schon im Entstehungsprozess so konzipiert werden, dass sie niemals zu Müll werden. Alles soll wiederverwertet werden können. So würden keine Giftstoffe in die Umwelt gelangen, Rohstoffe würden nicht ausgebeutet, fossile Brennstoffe nicht verheizt.

Weil die Deutschen in dieser Frage eher konservativ denken, findet Braungarts Revolution bei ihren Nachbarn statt, in den Niederlanden und in Belgien. "Den Holländern braucht man nichts vorzumachen", erklärt der Visionär. Sie seien nicht so verklärt wie die Deutschen, hätten nicht so einen romantischen Blick auf die schöne heile Welt. Und mit einem verschmitzten Lächeln setzt er hinzu: "Erzählen Sie den Holländern mal was von der Liebe von Mutter Erde zu ihren Kindern. Wenn die nicht jeden Tag auf der Hut sind, lässt sie Mutter Erde einfach absaufen. Sie sind also gewarnt und haben ein wachsames Auge auf die Natur."

Heißt das Konzept also, man nehme ein unsentimentales Völkchen und stelle gemeinsam mit ihm die geschundene Welt vom Kopf auf die Füße? Fast, mein Braungart, denn zunächst habe er sein Konzept über die USA nach Europa reimportieren müssen. Wäre es direkt aus Deutschland gekommen, hätten auch die Nachbarn abwehrend die Hände gehoben. Zu viele Vorurteile. Zudem passe "Cradle to Cradle", kurz C2C, auch gar nicht zum deutschen Temperament. Hier in Deutschland werde immer alles zu Ende gedacht, werde der Weg von der "Geburt bis zum Tod des Produkts" genauestens ersonnen und auch so vollzogen. Daher passe zu Deutschland eher das Konzept "Cradle to Grave" (von der Wiege ins Grab).

Rohstoffe erhalten statt vernichten

Das Umschlaglager der Müllverbrennungsanlage Stellingermoor in Hamburg. Rund 700.000 Tonnen Hausmüll fallen in Hamburg jährlich an, die in vier Müllverbrennungsanlagen vernichtet werden.
Das Umschlaglager der Müllverbrennungsanlage Stellingermoor in Hamburg. Rund 700.000 Tonnen Hausmüll fallen in Hamburg jährlich an, die in vier Müllverbrennungsanlagen vernichtet werden.(Foto: picture alliance / dpa)

Braungart beklagt, dass die Deutschen das Prinzip des Umweltschutzes völlig falsch verstanden hätten und seit Jahren ihre Technologie der Müllvernichtung auf der ganzen Welt verbreiten würden. "Es ist irrsinnig zu glauben, Umweltschutz besteht aus einer möglichst effektiven Zerstörung der Rohstoffe. Überall auf der Welt befinden sich bereits deutsche Verbrennungsanlagen für Müll, der gar nicht brennt. Die stehen in Schanghai, Taipeh, in Neu Delhi, in Mumbai. Durch das Müllverbrennen gehen alle Materialien unwiederbringlich verloren, die eigentlich in den Kreislauf gehen müssten." Statt immer mehr Müll zu produzieren, müssten alle Produkte entweder vollständig biologisch abbaubar oder komplett wiederverwertbar sein.

Auch wegen dieser Müllverbrennung sei man in Deutschland wenig empfänglich für die "Cradle to Cradle"-Prinzipien. "Die Deutschen setzen auf Müllvermeidung - was ja prinzipiell nicht schlecht ist. Sie rufen auf zum weniger Autofahren - auch gut. Sie rufen auf zur Sparsamkeit und sind besessen von Produkten mit einem Grünen Punkt." Das seien alles Fragen der Moral, Umweltverhalten würde somit zu einer Gewissensfrage.

Eine Welt ohne Müll

Cradle to Cradle kennt -wie die Natur - keinen Abfall, keinen Verzicht und keine Einschränkungen. Über biologischeund technische Nährstoffkreisläufe werden die richtigen Materialien zum richtigenZeitpunkt am richtigen Ort eingesetzt. Am Ende steht immer eine bessere Qualität.

Die Produktionsweise "Vonder Wiege zur Wiege" (Cradle to Cradle) steht hierbei im direkten Gegensatzzu dem Modell "Von der Wiege zur Bahre" (Cradle to Grave), in dem Materialströmehäufig ohne Rücksicht auf Ressourcenerhaltung errichtet werden. Anstatt die linearenStoffströme heutiger Produkte und Produktionsweisen zu verringern, sieht das Cradleto Cradle-Design Konzept deren Umgestaltung in zyklische Nährstoffkreisläufe vor,so dass einmal geschöpfte Werte für Mensch und Umwelt erhalten bleiben. Das Cradleto Cradle-Design Konzept basiert auf den drei Grundprinzipien

  • Abfall istNahrung
  • Nutzung erneuerbarer Energien
  • Unterstützung von Diversität.

Der Grüne Punkt soll den Menschen hierzulande das Mülltrennen und -vermeiden erleichtern. Für den Chemiker Braungart ist das alles "Humbug". In Wirklichkeit lasse sich der Müll nicht sortenrein trennen. "Die gelblichen Kartoffel- oder Zwiebelsäckchen enthalten das hochgiftige Bleichromat und landen ebenso im gelben Sack wie der Joghurtbecher mit Aluminiumdeckel und der Tetrapack mit Alu-Innen- und Plastik-Außenbeschichtung." Schon diese drei Verpackungen würden sich nicht sortenrein trennen lassen. "Das wird alles verbrannt, genauso wie der restliche Hausmüll. Über den Grünen Punkt zahlt der Konsument für die Entsorgung. Hersteller wie Müllwerker sind fein raus. Am Ende kassieren die Kommunen oder andere Unternehmen vom Verkauf der in den Verbrennungsanlagen entstandenen Energie."

Schuld daran sei die Überkapazität der Verbrennungsanlagen. "Deutschland ist das einzige Land weltweit, das 20 Millionen Tonnen Abfall jährlich importiert. Das ist ein riesiges Geschäft - aufgebaut mit Steuer-Milliarden", klagt Braungart. Die Verbrennung, eigentlich "energetische Verwertung", darf "Verwertung" heißen, weil Energie entsteht. "Diese Verwertung täuscht Recycling vor, ist aber keins. Fast zwei Drittel der Verwertung in Deutschland wird auf diese Weise erzielt."

Moral ist fehl am Platz

Auf der Messe Light + Building in Frankfurt/Main.
Auf der Messe Light + Building in Frankfurt/Main.(Foto: picture alliance / dpa)

Kreislaufwirtschaft sieht also anders aus. Was schlägt Braungart vor, was könnte die Lösung für die Misere sein? Die einfachste und klarste Antwort würde heißen: den Müll abschaffen. "Ein Produkt, das am Ende seiner Lebenszeit zu Abfall wird, hat ein Qualitätsproblem. Auch ein Produkt, das mit Kinderarbeit verbunden ist, hat ein Qualitätsproblem. Und ein Produkt, das absichtlich auf Verschleiß konstruiert wird, ist, wenn das dem Kunden nicht mitgeteilt wird, einfach Betrug. Das lehrt: Wann immer es wichtig wird, wollen die Menschen von Moral nichts mehr wissen. Deshalb mein Rat: Vergessen Sie Moral und setzen Sie einzig und allein auf Qualität, Schönheit und Innovation."

Tatsächlich ist das Modell der echten Kreislaufwirtschaft bereits in vielen Ländern der Erde erkannt worden und wird dort sehr erfolgreich praktiziert. "Die neuen Produkte, die nach dem C2C-Prinzip hergestellt werden, bereiten den Menschen kein schlechtes Gewissen mehr", so Braungart. In den Niederlanden gebe es zum Beispiel einen Hersteller, dessen Teppichboden die Luft reinigt, statt sie zu belasten. Den würden die Menschen ohne schlechtes Gewissen kaufen. Konsum mache wieder Spaß, Verzicht müsse nicht sein, wenn er mit nachhaltigem Umweltschutz verbunden sei. Inzwischen seien über Tausend Produkte auf dem Markt, die nach diesem Prinzip konstruiert worden seien.

Wer umsteigt, gewinnt

Braungart (r.) stellt das kompostierbare T-Shirt vor.
Braungart (r.) stellt das kompostierbare T-Shirt vor.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Gerade Produkte für Babys und Kinder sind oft voller Chemiegifte. Statt tatsächlich neue Wege zu gehen, verstricke sich die Politik - so Braungart - in einer Art Schuld-Management. So verbiete die Europäische Union beispielsweise statt bislang 39 Chemikalien in Kinderspielzeug 64 Chemikalien. "Das klingt zunächst gut, aber es reicht nicht. In manchen Spielsachen stecken über 600 umwelt- und gesundheitsschädliche Chemikalien." Nun geht, erzählt Braungart, ein chinesischer Hersteller von Babyprodukten mit gutem Beispiel voran: Kinderwagen, Autositze, Hochstühle und Bettgestelle stelle er schon heute nach dem C2C-Prinzip her. Alle Materialien, ob Stoffe, Plastik, Metall oder Holz, seien entweder kompostierbar oder lassen sich gegen eine Gutschrift zurückgeben und wieder recyceln. Bis 2020 wolle sich das riesige Unternehmen komplett auf die neue Produktion umstellen. Seine Artikel seien ein Renner auf dem Markt, das Unternehmen habe davon eindeutig profitiert.

Auch herkömmliche Kleidungsstücke würden laut Braungart wie "Chemiebomben" wirken und dürften eigentlich gar nicht auf der ungeschützten Haut getragen werden. Die Textilien eines deutschen Herstellers seien hingegen menschen- und umweltfreundlich. Sie würden hierzulande produziert und seien auch noch "sehr hübsch anzusehen". Die Bekleidung hinterlasse keine Spuren, weil sie vollständig kompostierbar sei. Ihr Garn, die Biobaumwolle und die Textilfarbe würden von Pilzen und Bakterien abgebaut.

Ähnlich verhält es sich mit dem Bürostuhl einer US-Firma. Er lasse sich in wenigen Minuten komplett zerlegen und sei nahezu vollständig recycelbar. Im Gegensatz zu herkömmlichen Büromöbeln dünste er keine Schadstoffe aus. Das Internet ist voll mit Hinweisen auf Firmen, die nach dem C2C-Prinzip produzieren.

Seinen Erfolg in den USA hat Braungart sicher auch der Zusammenarbeit mit dem Architekten William McDonough zu verdanken. Der US-Amerikaner übersetzte Braungarts Ideen in die Gebäudeplanung. Seitdem veröffentlichten sie zusammen mehrere Bücher, eröffneten Büros in zahlreichen Ländern der Welt und überzeugten Firmen - darunter Nike und Puma - von der Philosophie, dass Abfall nichts anderes als Nahrung bedeutet.

Obwohl Braungarts Heimatland eher als Spätstarter in Sachen "Cradle to Cradle" unterwegs ist, tut sich auch in Deutschland einiges: Erfolgreich sei man etwa bei der Entwicklung von Farbstoffen für Textilien oder bei Toilettenpapier, das beim Recycling ohne Gift auskommt. "Der Anfang ist gemacht", meint der Visionär. Er setzt darauf, dass Deutschland ganz vorn in der Reihe der Macher stehen kann - wenn es erst einmal verstanden hat.

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Quelle: n-tv.de

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