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Risikoreiche Zeitreise angekündigt: Die umstrittenste Sekunde der Welt

Von Roland Peters

"Ein Vorwärtssprung wird Ende Juni 2015 vollführt." So lautet die knappe Mitteilung des "International Earth Rotation and Reference System Service". Die geplante Zeitreise birgt vor allem für IT-Systeme Risiken. Warum wird sie nicht abgeschafft?

Marty McFly (l.) und der Erfinder Dr. E. Brown staunen in "Zurück in die Zukunft" über ihre Zeitmaschine. Außerhalb des Films ist ein Zeitsprung kürzer - und funktioniert etwas anders.
Marty McFly (l.) und der Erfinder Dr. E. Brown staunen in "Zurück in die Zukunft" über ihre Zeitmaschine. Außerhalb des Films ist ein Zeitsprung kürzer - und funktioniert etwas anders.(Foto: picture alliance / dpa)

Exakt um 0 Uhr zwischen dem 30. Juni und 1. Juli wird der internationale Standard UTC eine Sekunde innehalten oder doppelt zählen - und dann wie zuvor weiterticken. Hätten die Atomuhren einen Stimmalarm, schrien sie wohl auf: Ihr seid schon 36 Sekunden zu spät! Denn so groß wird dann der Abstand zwischen der Internationalen Atomzeit TAI und der "Coordinated Universal Time", kurz UTC.

Seit 1972 verkünden die Herren über die internationale Zeit im "International Earth Rotation and Reference System Service" (IERS) aus ihrer Beobachtungsstelle in Paris, ob es nötig ist, Ende Dezember oder Ende Juni die koordinierte Weltzeit eine Sekunde anzuhalten. Mitte des Jahres ist es wieder so weit, zum 26. Mal. Aber warum gibt es zwei Zeitrechnungen?

Seit Jahrzehnten dreht sich die Erde nicht mehr in exakt 86.400 Sekunden einmal um die eigene Achse, wie es zuvor der Fall war. Die zusätzliche Sekunde synchronisiert die UTC-Zeit mit der Natur, damit in ein paar Zehntausend Jahren nicht plötzlich die Nacht zum Tag wird und, konsequent weitergedacht, die Bevölkerung Deutschlands im Dezember in der Sommerhitze am Ostseestrand liegt, statt in den sonnigen Süden zu flüchten. Die Atomuhren dagegen, der Inbegriff der Genauigkeit, ticken einfach weiter und ignorieren solche Schwankungen.

Im analogen Zeitalter waren Schwankungen kein Problem; Uhren umstellen, fertig. Doch in der digitalisierten Welt bringt das enorme Risiken mit sich. Unstimmigkeiten zwischen Systemen können unangenehme Folgen haben, etwa im Netz. Der bislang letzte Sekundensprung im Jahr 2012 gibt einen Hinweis darauf, was geschehen könnte: Mehrere Websites gingen offline, weil die Webserver sich an der zusätzlichen Sekunde verschluckten, etwa Reddit, Foursquare oder Stumbledupon.

Bei Reddit war das Linux-Betriebssystem verwirrt, weil das Netzwerkprotokoll eine unerklärliche Sekunde auswies. "Fast jedes Mal, wenn es eine Schaltsekunde gibt, finden wir etwas", wird Linux-Vater Linus Torvalds von "Wired" zitiert. Der entsprechende Code werde fast nie angewendet und deshalb auch selten getestet.

Unversöhnliche Lager

Wegen all der Probleme in der digitalen Welt wollen manche die Schaltsekunden abschaffen. So auch Dr. Andreas Bauch von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt: "Ich bin dafür", sagt er auf Anfrage von n-tv.de. Für Jahrhunderte wäre die folgende Verschiebung im Alltag nicht wahrnehmbar, erläutert der Physiker. Das nächste Mal wird darüber im November entschieden, wenn die Internationale Fernmeldeunion Itu in Genf tagt und weltweit gültige Kommunikationsstandards diskutiert. "Es gibt zwei unversöhnliche Lager, und die Debatte ist sehr emotional", sagt Bauch.

Die meisten IT-Systeme wurden entwickelt, als die Schaltsekunde bereits existierte und dementsprechend darauf ausgelegt. Linus Torvalds ist laut "Wired" überzeugt, dass die Abschaffung keine Lösung brächte - im Gegenteil: "Es würde stattdessen nur andere Probleme verursachen. Wesentlich schlimmere Probleme." Das sehen wohl auch viele aus dem Lager der Befürworter der Schaltsekunde so - und da die Itu-Versammlung meist im Konsens Änderungen beschließt, dürfte es auch dieses Jahr keine Entscheidung zur Abschaffung geben. Bereits vor mehr als zehn Jahren wurde unter dem Eindruck des überstandenen Jahr-2000-Bugs der erste Antrag dazu gestellt.

Manche Unternehmen haben ihre eigenen Lösungen entwickelt. Google etwa: Techniker des US-Konzerns hatten bei einem Sprung im Jahr 2005 Probleme beobachtet und wollten verhindern, dass sich dies wiederholt. Solche Systemausfälle können unangenehme Folgen haben und auch Geld kosten. Was passiert, wenn exakt in der Sekunde der Umstellung sensible Daten gespeichert werden sollen? Wird eine E-Mail unterschlagen, weil die zusätzliche Sekunde nicht eindeutig identifizierbar ist?

Wegen solcher Risiken verteilen Googles Techniker die Zeit nun am Tag der Umstellung auf viele kleine Millisekunden-Häppchen. Sie jubeln ihren Systemen die Sekunde einfach nach und nach unter. Die Differenz zwischen astronomischer und weltlicher Zeit kann dem Konzern damit ebenso egal sein wie die anhaltende Debatte der Internationalen Fernmeldeunion. Und wenn die Schaltsekunde tatsächlich abgeschafft werden sollte, schalten die Techniker die entsprechende Routine einfach aus.

Quelle: n-tv.de

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