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Burn-out scheint wie ein Schreckgespenst seine Opfer zu finden.
Burn-out scheint wie ein Schreckgespenst seine Opfer zu finden.(Foto: picture alliance / dpa)

Immer mehr Menschen betroffen: Burn-out ist gar keine Krankheit

Von Jana Zeh

Jeder hat das schon einmal erlebt: Man fühlt sich schlapp, antriebslos und ausgebrannt. Immer mehr Menschen leiden heute langfristig unter solchen unangenehmen Gefühlen. Burn-out scheint zur Volkskrankheit zu werden. Was Burn-out alles sein und wen es treffen kann - wir klären auf.

Burn-out ist eine reine Modeerscheinung.

Tatsächlich hat der Begriff Burn-out in den letzten Jahren in Europa enorm an Popularität gewonnen. Die Umschreibungen des Burn-out-Zustandes scheinen auf immer mehr Menschen eine geradezu magische Anziehungskraft auszuüben. Fast jede Art von Überforderung, Niedergeschlagenheit oder Deprimiertsein wird mit dem Etikett Burn-out versehen. "Es lässt sich vermuten, dass sich durch diesen Begriff die Menschen in ihrem Leiden gewürdigt und verstanden fühlen", erklärt Prof. Jörg Fengler vom Fengler-Institut für Angewandte Psychologie Köln-Bonn und Autor mehrerer Burn-out-Bücher. Selten wurde bisher von Betroffenen selbst mit einem psychologischen Dilemma so offen umgegangen wie gegenwärtig mit dem Burn-out-Begriff. Dutzende Prominente sprechen offen vom Ausgebranntsein und von notwendigen Auszeiten. Burn-out scheint zu einer regelrechten Lifestyle-Lebensphase zu werden. "Der Vorwurf der Modediagnose ist also nicht einfach von der Hand zu weisen, obwohl es zwischen dem Burn-out-Syndrom und klinischen Diagnosen wie der Depression durchaus Verbindungen gibt", resümiert der Experte.

Burn-out ist nur ein Sammelbegriff und gar keine Krankheit.

Burn-out entsteht eher schleichend.
Burn-out entsteht eher schleichend.(Foto: picture alliance / dpa)

Der als Burn-out-Syndrom bezeichnete Zustand kann sich in vielen Facetten und mit vielfältigen Symptomen zeigen. Als Burn-out wird das Ende eines totalen Erschöpfungszustandes bezeichnet, der sowohl auf körperlicher als auch emotionaler Ebene empfunden wird und sich allmählich entwickelt hat. Am Ende geht nichts mehr. In vielen Fällen ist es ein Schlüsselerlebnis, das den Betroffenen die Augen für ihre Situation öffnet. Das Gefühl des Ausgebranntseins geht mit länger anhaltenden Zuständen von absoluter Kraftlosigkeit und Müdigkeit einher. Das führt schließlich zum Verlust der Lebensqualität, in vielen Fällen auch zu diversen Folgeerkrankungen. Die Auslöser dafür sind äußerst vielfältig. Sie reichen von Problemen und Frust im Privatleben bis hin zum Mobbing am Arbeitsplatz oder der mangelnden (Selbst-)Anerkennung für die geleistete Arbeit. Die Unfähigkeit, in der Freizeit abzuschalten, kommt erschwerend hinzu. Obwohl ein Burn-out als äußerst belastend empfunden wird, wird der Zustand innerhalb der Internationalen Klassifikation der Erkrankungen (ICD) nicht als eigenständige Krankheit angesehen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht im Zusammenhang mit Burn-out von einem Problem der Lebensbewältigung. Das bedeutet, Burn-out kann als sogenannte Rahmen- oder Zusatzdiagnose, aber nicht als Behandlungsdiagnose von Ärzten aufgeführt werden. Das hat vor allem Auswirkungen auf die Therapiemöglichkeiten. Ambulante oder stationäre Therapien werden mit einer reinen Burn-out-Diagnose nicht von den Krankenkassen übernommen.

Burn-out trifft nur sehr ehrgeizige und leistungsorientierte Menschen.

Tatsächlich kann in der Praxis beobachtet werden, dass bestimmte Persönlichkeitsstrukturen und Eigenschaften die Entstehung eines Burn-out-Syndroms begünstigen können. Schon der Begriff Burn-out suggeriert ja, dass man vor diesem Zustand für etwas gebrannt haben muss, sich also überaus engagiert für eine Sache eingesetzt hat. Zielstrebigkeit, der unbedingte Wille zum Erfolg sowie hohe oder überzogene Ansprüche an sich selbst können als Katalysatoren für die Entstehung eines Burn-outs wirken, müssen es aber nicht. Für etwas zu brennen ist keine Grundvoraussetzung für einen Burn-out. "Genauso können Personen, die von Anfang an das Gefühl hatten, zum Beispiel an ihrem Arbeitsplatz nicht zu genügen, ein Burn-out-Syndrom bekommen", ergänzt der psychologische Psychotherapeut.

Burn-out ist ein Problem von Pflege-, Lehr- und Führungskräften.

Bereits in den 1970er Jahren tauchte der Begriff Burn-out in den USA im Zusammenhang mit den typischen Symptomen bei Personen in Helferberufen auf. Jahrzehnte später gerieten Manager in den Fokus der Burn-out-Forschung. Das führt bis heute dazu, dass das Syndrom fälschlicherweise ausschließlich diesem Personenkreis zugeschrieben wird. "Auch wenn es bestimmte Berufsgruppen gibt, in denen Burn-out-Syndrome besonders häufig auftreten, kann das Leiden jeden treffen, der nicht rechtzeitig dagegensteuert", so der Experte. Vielmehr ist bei den meisten Menschen, die auf ein Burn-out hinleben, das Gefühl vorherrschend, dass man mit der Arbeit, egal, wie sehr man sich müht, einfach nicht mehr fertig wird. Umfangreiche Untersuchungen in Deutschland mit verlässlichen Zahlen für bestimmte Berufs- oder Altersgruppen fehlen aber bisher.

Burn-out und Depression ist doch dasselbe.

Burn-out-Betroffene ziehen sich immer mehr aus dem Leben zurück, ähnlich wie Menschen mit einer Depression.
Burn-out-Betroffene ziehen sich immer mehr aus dem Leben zurück, ähnlich wie Menschen mit einer Depression.(Foto: picture alliance / dpa)

Zwischen einem Burnout-Syndrom und einer Depression kann laut Definition klar unterschieden werden, auch wenn Burn-out durchaus die Vorstufe zu einer Depression sein kann. "Doch nicht jeder Burn-out muss von einer Depression begleitet werden", betont Fengler. Burn-out ist eher eine Risikosituation für die Entstehung einer Depression. Aus diesem Grund sollte auch jedes Burn-out-Syndrom von Ärzten und Therapeuten ernst genommen und behandelt werden, um der Entstehung einer Depression vorzubeugen. Die Symptome von Burn-out und Depression sind allerdings verwandt miteinander. Sinnkrise, Verzweiflung und Kraftlosigkeit, Pessimismus, der Verlust der Genussfähigkeit und Schlafstörungen werden von Betroffenen beider Gruppen häufig genannt. Wegen dieser Übereinstimmungen besteht  auch die Gefahr für Patienten und Ärzte, bei der Diagnose ein Burn-out mit einer Depression oder umgekehrt zu verwechseln. Im fortgeschrittenen Stadium können selbst Experten kaum noch zwischen dem Burn-out-Syndrom und einer Depression unterscheiden.

Burn-out muss nicht behandelt werden. Eine einfache Auszeit reicht.

Das ist von Mensch zu Mensch verschieden und hängt auch davon ab, wie lange man sich schon schlecht fühlt und wie tief man in seinen schädlichen Mustern feststeckt. "Bei manchen Menschen kann tatsächlich ein vorgezogener Urlaub oder eine Verringerung der Arbeitsstundenzahl ausreichen, um sich besser zu fühlen", betont Fengler. Bei den meisten jedoch, die spüren, dass etwas in ihrem Leben enorm aus der Balance geraten ist, müssen mehrere Dinge gleichzeitig in Angriff genommen werden. Ein Burn-out ist das Ergebnis schädlicher gesellschaftlicher Einflüsse und selbstschädigender Verhaltensmuster und entwickelt sich in der Mehrzahl der Fälle über einen langen Zeitraum hinweg. Nicht Neinsagen, sich nicht abgrenzen und sich selbst und seine Leistungen nicht würdigen können sind nur einige Beispiele von selbstschädigendem Verhalten. Termindruck, zu wenig Anerkennung und Lob sowie ständige Erreichbarkeit sind schädigende Einflüsse von außen, die allerdings von Betroffenen nur selten verändert werden können. "Es ist also wichtig, so schnell wie möglich das Leid, das man fühlt, als Motor zu benutzen, um sich gezielt Hilfe für Veränderungen zu holen", sagt der Psychotherapeut. Der bewusste und unverstellte Blick auf das eigene Leben ist dafür eine wichtige Voraussetzung. "Ich frage einige meiner Klienten: Was soll denn mal auf Ihrem Grabstein stehen?", erzählt Fengler aus seiner Praxis.

Wer regelmäßig Entspannungsübungen macht, kann kein Burn-out bekommen.

Das hängt davon ab, wie gut und wie ganzheitlich die Entspannungsübungen im Praktizierenden wirken. "Es reicht bestimmt nicht aus, täglich zehn Minuten beispielsweise autogenes Training zu betreiben und den Rest des Tages durchs Leben zu hetzen mit dem Glauben, damit vor Burn-out sicher zu sein", betont der Experte. "Es muss eine innere Haltung von Entspannung dazukommen, die auch die Seele erreicht", so Fengler weiter. Sämtliche Entspannungsübungen sind aber ein guter Anfang, um den bisherigen Mustern ein Ende zu setzen. Dem entspannten Zustand sollten Gedankenkontrolle und Reflexion folgen. Fragen wie: Ist der Anlass es wert, dass ich mich darüber so sehr aufrege? In welchen Situationen reagiere ich mit Katastrophierung? Welche selbstgesetzten Ziele sind einfach übertrieben? können dabei helfen. Zudem hilft moderates körperliches Training in Verbindung mit Entspannungsübungen, Druck und Belastungen abzubauen.

Wer einmal ein Burn-out-Syndrom hatte, der ist immun dagegen.

"Das ist leider ein Irrglaube", sagt Fengler mit Nachdruck. "Menschen, die schon einmal ein Burn-out-Syndrom, egal in welcher Intensität hatten, sind gefährdeter als Menschen, die von Anfang an mit großer Selbstfürsorge und –achtung ihrer Grenzen durch alle Phasen ihres Lebens gehen", erklärt der Experte weiter. Es bedarf also großer Aufmerksamkeit und Disziplin, nicht wieder in eine Burn-out-Spirale zu geraten. Je schmerzhafter und traumatischer die Phase des Ausgebranntseins erlebt worden ist, umso stärker ist der Wunsch der Betroffenen, nie wieder in solch einen Zustand zu geraten. Dafür lernen viele Menschen, nach einem Burn-out die volle Verantwortung für ihr Wohlergehen zu übernehmen und schädigende Muster abzulegen. Sie üben, in ihrem Leben andere Prioritäten zu setzen als vorher. Andere geraten so oft in den Strudel der Überforderung, bis sie schließlich keinen Ausweg mehr sehen. "Manchmal wird eben der Leidensdruck als Entwicklungspotenzial benötigt", erklärt Fengler diesen Mechanismus. In einigen Fällen wird auch einfach nur aufgegeben oder in eine Sucht geflüchtet.

Das Burn-out-Syndrom ist nicht klar definiert. Man kann also gar nicht wissen, was genau es ist.

Bereits in den 1970er Jahren wird der Begriff Burn-out von US-amerikanischen Wissenschaftlern mit dem Auftreten von bestimmten Symptomen in Verbindung gebracht. In den USA gab es in den 1990er Jahren einen regelrechten Boom von wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu diesem Thema. Auch wenn das Interesse in Europa groß ist, so ist dieser Begriff im internationalen wissenschaftlichen Diskurs weitestgehend wieder verschwunden. Dieses Schicksal teilt das Burn-out-Syndrom allerdings mit fast allen anderen psychologischen Konzepten. "Dass es zum Burn-out bisher keine einheitliche Definition gibt, ist nicht das Ergebnis von zu wenig Forschung. Am Begriff der Intelligenz beispielsweise wird seit ziemlich genau 100 Jahren geforscht. Trotzdem gibt es bis heute keine einheitliche Definition dafür", erklärt Fengler.

Burn-out-Symptome entstehen meistens parallel zur Midlife Crisis.

Das kann, muss aber nicht sein. Es gibt aber in Bezug auf das Alter und Burn-out empirisch belegt zwei Häufungen. Zum einen leiden vor allem Menschen ein bis zwei Jahre nach ihrem Einstieg in das Arbeitsleben unter einem Burn-out. In der Pädagogik wird dieser Zustand auch als Praxisschock beschrieben, der vor allem von angehenden Lehrern im Referendariat erlebt wird. Zum anderen gibt es nach etwa 15 bis 20 Jahren Berufstätigkeit, vor allem, wenn die Arbeitsstelle die gleiche geblieben ist, eine Häufung von Sinnfragen und Burn-out. "Dieser Zeitpunkt könnte mit der sogenannten Midlife Crisis, die übrigens auch nicht in jedem Leben auftreten muss, zusammenhängen", resümiert der Experte. Die Midlife Crisis mit ihren vielfältigen Auswirkungen kann also tatsächlich als zusätzlicher Stressfaktor die Entstehung eines Burn-outs begünstigen.

Quelle: n-tv.de