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Im europäischen Vergleich liegt Deutschland weit vorn unter den Wassersparern.
Im europäischen Vergleich liegt Deutschland weit vorn unter den Wassersparern.(Foto: picture alliance / dpa)

Lohnt sich immer? Nein!: Die fünfeinhalb Wasserspar-Mythen

von Andrea Schorsch

Deutschland ist ein wasserreiches Land. Wir haben nicht nur viel Wasser, wir sparen auch eine Menge. Wer allerdings glaubt, dass das uneingeschränkt sinnvoll ist, der irrt. Dass wir nichts gegen den Wassermangel in der Welt ausrichten können, ist aber ebenfalls ein Mythos. Und davon gibt es noch weitere rund ums Wassersparen.

Der Wasserbedarf der Deutschen gilt als beispielhaft niedrig. Während 1991 noch jeder von uns durchschnittlich 144 Liter Wasser am Tag nutzte, sind es heute nur noch 122 Liter. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland damit weit vorn unter den Wassersparern. Nur belgische Haushalte kommen mit noch weniger Wasser aus.

Dennoch besteht auch bei uns noch Sparpotenzial. Thüringen und Sachsen führen es vor: In beiden Bundesländern liegt der Pro-Kopf-Gebrauch an Trinkwasser bei gerade einmal 85 bis 90 Litern täglich. In Nordrhein-Westfalen dagegen sind es 135 Liter.

Doch das Sparpotenzial zu nutzen, wäre für nichts und niemanden von Vorteil – weder für die Umwelt noch für wasserarme Länder, nicht für die Wasserwerke und auch nicht für unseren Geldbeutel. Damit sind wir beim Wasserspar-Mythos Nummer 1:

"Wasser zu sparen, ist immer und uneingeschränkt sinnvoll." – Das ist falsch.

Unser Rohrleitungsnetz ist für ein reiches Wasserangebot und eine hohe Nachfrage ausgelegt – für eine höhere Nachfrage als sie in den letzten Jahren bestand. Genau daraus ergeben sich Schwierigkeiten. Fließt nämlich zu wenig Trinkwasser durch die Rohre, weil nicht genug abgezapft wird, kann die Wassergüte leiden. Denn stagnierendes Trinkwasser, das längere Zeit in den Leitungen steht, kann sich qualitativ verschlechtern.

Fäkalien, die nicht weggespült werden, führen zur Bildung von Schwefelsäure. Darunter leiden die Leitungen.
Fäkalien, die nicht weggespült werden, führen zur Bildung von Schwefelsäure. Darunter leiden die Leitungen.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Dirk Kunze ist kaufmännischer Geschäftsleiter vom ZWA Hainichen, dem Zweckverband Kommunale Wasserversorgung und Abwasserentsorgung Mittleres Erzgebirgsvorland. Er kennt dünn besiedelte Gebiete mit guten und oberflächenahen Grundwasservorkommen, in denen die Menschen vermeintlich Wasser sparen, indem sie auf Regenwasser und Hausbrunnen ausweichen. "Das stellt gar kein Sparen der Ressource Wasser dar", bemerkt Kunze gegenüber n-tv.de. "Und vor allem kommt es zu echten Problemen in den öffentlichen Leitungsnetzen. Selbst bei geringsten Leitungsquerschnitten entstehen so Stagnationszeiten von über zehn Tagen. Die Keimbelastung ist dann fast nicht mehr zu beherrschen."

Auch beim Abwasser führt zu große Sparsamkeit zu Problemen: Wird zu wenig Wasser durch die Kanäle gespült, bleiben Fäkalien liegen. Es bildet sich Schwefelsäure, die Löcher in die Leitungen frisst.

Natürlich gehen die Wasserversorger dagegen vor. Die hohe Trinkwasserqualität ist jederzeit gewährleistet, und auch die Schäden an Abwasserrohren werden weitestgehend abgewendet. Doch dafür sind bestimmte Maßnahmen nötig. Das führt zu Mythos Nummer 2:

"Wasser zu sparen, schont auf jeden Fall den Geldbeutel." – Das ist falsch.

Warum, erklärt Martin Weyand, Hauptgeschäftsführer Wasser/Abwasser des BDEW, Bundesverband Energie- und Wasserwirtschaft e.V. Berlin: "Um Ablagerungen und Korrosion sowie hygienische Probleme durch längere Wasser-Aufenthaltszeiten und geringere Fließgeschwindigkeiten zu vermeiden", sagt Weyand n-tv.de, "müssen die Trinkwasser- und Abwasserleitungen intensiv gespült werden." In Berlin etwa heißt das, dass die Wasserversorger Frischwasser direkt in die Kanalisation pumpen müssen, wenn nicht genug Abwasser produziert wird, das die stinkende Kloake wegspült.

Ein wirkliches Wassersparen ist, so Weyands Hinweis, auf diese Weise nicht möglich. Und wo kein Wasser gespart wird, sinken auch nicht die Kosten. Wer die trägt, ist klar: "Letztendlich führen die notwendig gewordenen Spülungen zu einer zusätzlichen Kostenbelastung für den Kunden", resümiert Weyand. - Wer um die Rohrleitungsmisere weiß, hängt mitunter einem anderen Mythos an:

"In Deutschland braucht man überhaupt kein Wasser zu sparen." – Das ist nicht ganz falsch. Aber auch nicht richtig.

Wassersparen um des Wassersparens willen ist in Deutschland tatsächlich nicht sinnvoll. Warmwasser zu sparen aber empfiehlt sich sehr. Denn dann sparen wir mit dem Wasser auch Energie. Und das ist allemal ein Plus und dringend angeraten. Ob zum Duschen und Baden, Wäschewaschen, Geschirrspülen oder Kochen: Das nötige Wasser muss erhitzt werden. Je weniger Energie dafür aufgebracht werden muss, umso besser. Die Wassermenge spielt da eine entscheidende Rolle.

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Auch Wasserversorger wie Kunze aus Hainichen wollen nicht falsch verstanden werden. "Wie mit allen Ressourcen muss mit Wasser sorgsam umgegangen werden", betont er. Wie wertvoll Wasser ist und wie ungleich es auf der Erde verteilt ist, sollten wir immer bedenken. So appelliert auch Martin Geiger, Leiter Fachbereich Süßwasser des WWF, im Gespräch mit n-tv.de dafür, stets im Bewusstsein für die Wasserknappheit in anderen Ländern zu handeln. "Bei uns steht Wasser zwar ausreichend zur Verfügung", sagt Geiger, "aber in vielen Urlaubsländern eben nicht. Wer zuhause sorgsam mit Wasser umgeht, den Hahn beim Zähneputzen zudreht und die Spartaste an der WC-Spülung nutzt, der wird auch im Ausland nicht verschwenderisch mit Wasser umgehen. Der wird", so Geigers Hoffnung, "auch mal nachfragen und seine Handtücher im Hotel nicht jeden Tag erneuern lassen." Denn wer als Tourist unterwegs ist, kommt oft auf einen Wasserverbrauch von 200 bis 300 Litern täglich. Neben den Handtüchern treibt die Reinigung von Bettwäsche und Strandlaken die Zahlen nach oben – und das auch in wasserknappen Ländern wie etwa Spanien oder anderen Mittelmeerstaaten.

Übrigens ist auch innerhalb Deutschlands die ursprüngliche Wasserverfügbarkeit recht unterschiedlich. Da schließt sich folgender Mythos an:

"In Deutschland gibt es keine wasserarmen Regionen." – Das ist falsch.

Wassermangel, so sagt die WHO, besteht dann, wenn pro Einwohner und Jahr weniger als 1000 Kubikmeter sich erneuerndes Süßwasser zur Verfügung stehen. Nicht von Mangel, aber von Wasserknappheit spricht man bei bis zu 1700 Kubikmetern. Deutschland kommt auf mehr als 1800 Kubikmeter erneuerbarer Wasserressourcen pro Bürger.

Stuttgart ist zur Trinkwasserversorgung auf den Transfer vom Bodensee angewiesen.
Stuttgart ist zur Trinkwasserversorgung auf den Transfer vom Bodensee angewiesen.(Foto: picture alliance / dpa)

Das ist viel. Doch um die Trinkwasserversorgung in allen Teilen der Republik sicherzustellen, sind Wassertransfers nötig. So wird zum Beispiel Bodensee-Wasser nach Stuttgart gepumpt, und die Harzwasserwerke leiten ihr Wasser bis nach Bremen, um dort einer Versalzung des Trinkwassers entgegenzuwirken.

Ohne Transfers wäre die Süßwasserversorgung also auch in Deutschland nicht immer in ausreichendem Maße garantiert. Hier wäre es anders ums Trinkwasser bestellt als dort. Bundesweit einheitlich lässt sich jedoch folgender Mythos widerlegen:

"Das Wasser, das wir in unseren Haushalten nutzen, ist dann verbraucht." – Das ist falsch.

"Wasser wird in Deutschland prinzipiell nicht verbraucht, sondern gebraucht", sagt Kunze. "Wir entnehmen es zu unseren Zwecken aus dem Wasserkreislauf und geben es später, nach entsprechender Reinigung, wieder in diesen zurück." Es geht also, wie Weyand zusätzlich hervorhebt, nichts verloren.

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass das System nicht über die Maßen mit Verunreinigungen belastet wird. Die technischen Möglichkeiten eines Klärwerks und auch die natürlichen Reinigungsleistungen des Bodens sind begrenzt. Farben und Medikamente beispielsweise gehören deshalb nicht ins Abwasser.

Abschließend zum schwerwiegendsten und folgenreichsten Mythos:

"Gegen Wassermangel in anderen Ländern können wir in Deutschland nichts ausrichten." – Das ist falsch.

Hier ist Wassersparen auf indirektem Weg gefragt. Dafür müssen wir, wie es Dirk Kunze formuliert, "den Blick etwas heben auf das Wasser, das in Produkten steckt, die wir aus wasserarmen Ländern beziehen und konsumieren." Es geht um das sogenannte virtuelle Wasser, um Wassermengen, die bei der Herstellung von Produkten verbraucht oder verschmutzt werden oder die dabei verdunsten. Um es konkret zu machen: Wer im Winter Erdbeeren kauft, die aus Spanien nach Deutschland importiert werden, trägt zu einem erheblichen indirekten Wasserverbrauch bei.

Insofern sind wir als Konsumenten gefordert. Problematisch ist, dass man den Produkten nicht ansieht, wie viel Wasser für ihre Herstellung nötig war. Die Menge ist nicht ausgewiesen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich für Verbraucher kaum nachverfolgen lässt, unter welchen Bedingungen und in welchen Ländern die einzelnen "Zutaten" für ein Produkt entstanden sind. Von Tomaten aus Südspanien oder Nordafrika und von Baumwolle aus Indien, Pakistan und China ist abzuraten. "Oft haben die Bauern dort gar keine Lizenzen, um das Wasser überhaupt in dieser Menge nutzen zu dürfen", sagt Geiger vom WWF.

Wenn sie die globalen Wasserressourcen schonen wollen, sollten Verbraucher daher regionale Produkte der Saison kaufen. Wenn es um Baumwolle geht, fährt man mit Bioprodukten gut. "Biobaumwolle hat weltweit nur einen Anteil von weniger als einem Prozent", räumt Geiger ein. "Aber mit der kann man sicherstellen, dass keine oder nur wenig Pestizide eingesetzt werden, gleiches gilt für Dünger. Das trägt dann natürlich zur Verbesserung der Wassersituation in den Ländern bei."

Zieht man beim virtuellen Wasser Bilanz, so verbraucht nach Angaben des WWF jeder Deutsche pro Tag mehr als 4000 Liter Wasser – es sei denn, er ernährt sich vegetarisch. Dann beläuft sich der Verbrauch auf rund 2500 Liter. Das macht einen enormen Unterschied. Doch so oder so: Der direkte Pro-Kopf-Gebrauch von 122 Litern täglich scheint dagegen kaum ins Gewicht zu fallen. Den größten Teil unseres Wasserbedarfs haben wir folglich ins Ausland verlagert. "Selbst der gesamte Niederschlag, der auf Deutschland niederprasselt, würde nicht ausreichen, unseren virtuellen Wasserbedarf zu decken", sagt Nikolaus Geiler, Sprecher des Arbeitskreises Wasser im Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz e.V.

Wer virtuelles Wasser sparen möchte, dem bietet sich gleich zu Beginn eines jeden Tages die Gelegenheit. Für den morgendlichen Latte macchiato auf dem Weg zur Arbeit benötigten Farmer Treibstoff und Maschinen. Für deren Herstellung war Wasser im Einsatz. Die Arbeiter auf der Plantage müssen kochen und waschen, die Kaffeebohnen müssen gereinigt werden. Auch bei Veredlung, Transport und Zwischenhandel fließt Wasser ein. Berücksichtigt man noch das Trinkwasser für die Kaffeemaschine sowie den Abwasch und das Wasser für die Produktion von Milch und Zucker, schlagen für den Latte macchiato zum Mitnehmen, wie niederländische Forscher berechnet haben, rund 200 Liter Wasser zu Buche - das ist mehr als eine Badewannenfüllung. Einen Großteil davon haben wir aus wasserarmen Ländern importiert. - Kaffee ist ein Wachmacher. Ein Durstlöscher ist er nicht. Ganz im Gegenteil.

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Quelle: n-tv.de