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Der Künstler Gerhard Rießbeck hat die Arbeit der Antarktisforscher in Ölgemälden dokumentiert. Dieses Bild entstand 2005 während einer  Expeditionsreise des AWI-Forschungsschiffes "Polarstern".
Der Künstler Gerhard Rießbeck hat die Arbeit der Antarktisforscher in Ölgemälden dokumentiert. Dieses Bild entstand 2005 während einer Expeditionsreise des AWI-Forschungsschiffes "Polarstern".(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Antarktis: der Kontinent der Isolation: "Früher hätte niemand überlebt"

Die Durchschnittstemperatur in der Antarktis liegt - übers Jahr betrachtet - bei minus 55 Grad Celsius. Stürme erreichen auf dem Kontinent nicht selten Geschwindigkeiten von bis zu 200 Kilometern je Stunde. Die Antarktis ist die lebensfeindlichste Region der Erde. In der dort errichteten Forschungsstation des Alfred-Wegener-Instituts, Neumayer III, überwintern dennoch jedes Jahr neun Menschen. 300 Tage sind sie völlig isoliert. Selbst im Krisenfall könnte womöglich niemand zu ihnen gelangen. n-tv.de spricht mit Polarforscher Gert König-Langlo über die Extreme der Antarktis. König-Langlo ist wissenschaftlicher Leiter der meteorologischen Observatorien an der Neumayer-Station und auf dem Forschungseisbrecher Polarstern. Seit vielen Jahren ist er in der Polarforschung tätig.

n-tv.de: Herr König-Langlo, was lässt sich in der Antarktis erforschen, was man nicht auch am Nordpol untersuchen könnte?

Ein so ausgeprägtes Ozonloch entsteht nur bei extremer Kälte. Die Arktis ist dafür zu warm.
Ein so ausgeprägtes Ozonloch entsteht nur bei extremer Kälte. Die Arktis ist dafür zu warm.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Gert König-Langlo: Die Antarktis und die Arktis sind zwar beide Pole dieser Erde, aber sie sind völlig verschieden. Während die Antarktis ein Kontinent ist, ist die Arktis ein vereistes Meer. Deswegen kann man auf dem Nordpol keine feste Forschungsstation aufbauen. Auf dem Südpol kann man das sehr wohl. Und da die Antarktis ein Kontinent ist, ist es dort extrem viel kälter als am Nordpol. In der Arktis gibt es viel mehr Biologie, da leben Menschen. Die Antarktis dagegen ist völlig isoliert, da laufen ganz andere Prozesse ab. Und so ist auch die Forschung mitunter eine andere. Nehmen Sie zum Beispiel das Ozonloch. Das existiert so ausgeprägt nur über der Antarktis. Denn es braucht eine extreme Kälte, die in der Arktis gar nicht vorhanden ist.

Sie sprachen gerade die Biologie an: Was ist das Besondere am Ökosystem der Antarktis?

Durch die Isolation haben es nur ganz wenige Spezies geschafft, in der Antarktis zu überleben – dank einer extremen Spezialisierung. Diese Spezialisierung führt dazu, dass das Ökosystem dort vergleichsweise wenig komplex ist. Wenn man ein einziges Glied aus diesem Ökosystem herausnimmt oder beeinflusst, so wie es der Mensch mit dem großen Walfang in der Antarktis getan hat, nimmt das Einfluss auf das gesamte Ökosystem. Die Wale haben sehr viel Krill gefressen, der wurde dann nicht mehr abgeweidet. Dementsprechend ist sehr wahrscheinlich die Population der Pinguine stark angestiegen, und, und, und … Seine Einfachheit macht das antarktische Ökosystem sehr verwundbar.

Dann werden also schon kleine Veränderungen zur Bedrohung?

Der Eisbär hat das Potenzial, sich anzupassen. Unter Umständen kann er sich auf die Jagd an Land einstellen.
Der Eisbär hat das Potenzial, sich anzupassen. Unter Umständen kann er sich auf die Jagd an Land einstellen.(Foto: picture alliance / dpa)

Ja, wenn es beispielsweise dem Krill an den Kragen geht, hat das Einfluss auf das gesamte Ökosystem. So einfach wäre das in der Arktis nicht. Da sind die Ökosysteme viel stärker verschachtelt und können sich gegenseitig puffern. Nehmen wir mal an, dass die Arktis im Sommer zunehmend eisfrei wird – die Forscher vermuten das ja aufgrund der globalen Erwärmung. Dann ist der Eisbär unter Umständen dazu in der Lage, seine Eigenschaften zu ändern und künftig nicht mehr auf dem Meer, sondern an Land zu jagen. Er hat das Potenzial dazu, sich anzupassen. In der Antarktis ist das durch die extreme Isolation und die extremen Umweltbedingungen nur in einem sehr begrenzten Maß möglich.

Reagiert die Antarktis anders auf den Klimawandel als die Arktis?

Wir reden ja immer vom globalen Klimawandel durch die Treibhausgase, die vom Menschen zusätzlich emittiert werden. Und dieser globale Klimawandel ist, wenn man genau hinschaut, durchaus regional unterschiedlich. Im Moment sieht es so aus, dass im gesamten arktischen Bereich eine deutliche Erwärmung stattfindet. In der Antarktis beschränkt sich die Erwärmung auf die antarktische Halbinsel. Dort ist sie extrem. Aber der Rest des antarktischen Kontinents zeigt keine nennenswerten Erwärmungstendenzen. Wie diese regionalen Unterschiede zustande kommen, ist noch nicht richtig verstanden. Da wird noch geforscht.

Welchen Unterschied macht es für die Menschen auf der Erde, ob das Eis der Arktis oder aber das der Antarktis schmilzt?

Wenn in der Arktis im Moment eine große Erwärmung stattfindet, schmilzt Meereis, das ja bereits schwimmt. Das ändert dann also nichts am Meeresspiegel. Schmilzt aber Eis, das auf einem Festland aufliegt, etwa auf Grönland, dann hat das ein großes Potenzial, weltweit den Meeresspiegel zu verändern. Deshalb schaut man sehr, sehr genau auf die Antarktis. Wenn die komplett abschmelzen würde – niemand nimmt das an, das ist jetzt theoretisch, um die Ausmaße zu verdeutlichen -, dann würde sich der Meeresspiegel weltweit um rund 60 Meter erhöhen. Dann wäre Köln eine Hafenstadt.

In der Arktis sind von der Schmelze auch Ureinwohner betroffen. Warum gibt es in der Antarktis keine Polarvölker?

Nur im Sommer können einzelne Stationen Landepisten für spezielle Flugzeuge präparieren.
Nur im Sommer können einzelne Stationen Landepisten für spezielle Flugzeuge präparieren.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Antarktis ist zu isoliert. Um den Kontinent herum ist ein kreisrunder Wassergürtel mit extremen Winden und extremen Strömungen im Ozean. Da kommt niemand, auch kein Schiffbrüchiger, per Zufall mal durch. Und selbst wenn in der Vergangenheit mutige Indianer von Feuerland gen Süden gestochen wären und tatsächlich den Kontinent erreicht hätten, dann wären sie dort jämmerlich eingegangen. Die Isolation und die Umweltbedingungen sind in der Antarktis dermaßen unmenschlich, dass dort keiner ohne Hilfe von außen überleben kann. Die Menschen auf den Forschungsstationen können das nur, weil sie regelmäßig von Schiffen und Flugzeugen versorgt werden.

An was forscht man in der Antarktis konkret – außer am Ozonloch?

Im Mittelpunkt der Forschung steht das Wetter, weil das in der Antarktis so dermaßen extrem ist und den Alltag bestimmt. Daneben geht es in hohem Maße um Umweltforschung. Die Antarktis ist quasi ein Reinstlabor. Dort kann man die Hintergrundbeeinflussung durch den Menschen ideal messen. Wenn in einem Industriegebiet ein Schadstoff gemessen wird, kann das regional von Bedeutung sein. Wenn aber DDT in Pinguineiern in der Antarktis zu finden ist, dann hat das eindeutig globale Ursachen. Von daher kann man die Antarktis als ein Frühwarnzentrum für unser Ökosystem Welt betrachten.

Unterscheidet sich das Forscherleben in der antarktischen Neumayer III-Station sehr von einem monatelangen Aufenthalt in der Koldewey-Station auf Spitzbergen?

Polarforscher König-Langlo in seinem Element: In der Nähe der Neumayer-Station steht er auf dem Meereis  der Akta-Bucht.
Polarforscher König-Langlo in seinem Element: In der Nähe der Neumayer-Station steht er auf dem Meereis der Akta-Bucht.(Foto: Alfred-Wegener-Institut)

Ja, das ist ein Riesenunterschied. Wieder einmal ist der größte Unterschied die Isolation in der Antarktis. Auf Koldewey landet einmal die Woche ein Flugzeug. Im Sommer ist die Bucht dort voller Touristenschiffe. Dort ist man Teil der Gesellschaft. In der Antarktis ist das anders. Die Leute, die in Neumayer III bleiben, wenn das letzte Schiff und der letzte Flieger weg sind, nennen wir Überwinterer. Ende Februar lassen wir eine Rumpfmannschaft von etwa neun Personen dort. Die sehen die ersten fremden Menschen erst im November wieder. Sie sind also 300 Tage vollständig isoliert und müssen sämtliche Probleme alleine lösen. Es besteht in dieser Zeit – im antarktischen Winterhalbjahr – quasi keine Chance, sie dort wegzubekommen, auch im Krisenfall nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass man durch das Eis hindurch kommt, welches sich im Winter um die Antarktis herum aufbaut, ist sehr, sehr gering. Hinfliegen kann man frühestens ab Oktober wieder, vorher sind die Stürme zu stark und die Temperaturen zu tief. Außerdem sind keine Landepisten vorhanden. Im Sommer sind einzelne Stationen in der Lage, Landepisten zu präparieren, auf denen ganz spezielle Flugzeuge landen können. Im Winter geht das nicht.

Dann ist unter den Überwinterern also immer auch ein Arzt?

Der Arzt ist eine ganz zentrale Person. Er muss dabei sein. Wenn er vor Beginn der Überwinterung  selbst krank wird oder zurück muss, braucht man dringend Ersatz. Sonst kann keine Überwinterung stattfinden. Das hat es bisher, in den letzten 30 Jahren, zum Glück nie gegeben.

Wenn auch die nächste Forschungsstation – eine südafrikanische – rund 200 Kilometer entfernt ist, so bekommt Neumayer III ja doch gelegentlich Besuch: Pinguine schauen immer mal vorbei. Warum gibt es eigentlich am Nordpol keine Pinguine?

(lacht) Wenn da welche wären, würden sie ganz schnell im Magen der Eisbären landen. Die beiden, die verstehen sich gar nicht. Wenn aus irgendeinem völligen Quatsch heraus jemand Eisbären in der Antarktis aussetzte, würden die wahrscheinlich sehr schnell an Herzkranzverfettung sterben. Die setzen sich dann vermutlich mitten in eine Pinguin-Kolonie und greifen immer nur rechts und links nach ihrem Essen. Die Eisbären würden dort garantiert nicht alt - aus Gründen der Dekadenz.

Das Alfred-Wegener-Institut stellt jedes Jahr eine neue Mannschaft für die Neumayer-Station zusammen und ist daher immer daran interessiert, engagierte und gute Wissenschaftler einzustellen. Mehr Infos gibt es auf der Homepage des Instituts.

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Mit Gert König-Langlo sprach Andrea Schorsch.

Quelle: n-tv.de

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