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Lakritz-Geschmack? In jedem Fall ist es Dampf, nicht Rauch.
Lakritz-Geschmack? In jedem Fall ist es Dampf, nicht Rauch.(Foto: picture alliance / dpa)

E-Zigarette unter Feuer: Großer Streit um kleine Dampfer

von Hubertus Volmer

Der Umsatz mit elektronischen Zigaretten hat sich im vergangenen Jahr verzwanzigfacht. In Deutschland rauchen geschätzte zwei Millionen Menschen E-Zigaretten. Damit könnte es bald vorbei sein, erste Verbote verunsichern die Branche. Dabei ist die Rechtsgrundlage so unsicher wie die gesundheitlichen Risiken.

Sie sehen aus wie einer "Star Trek"-Parodie entnommen: vorn eine Leuchtdiode, die rot oder blau schimmert, wenn man am Mundstück zieht, drinnen eine kleine Nebelmaschine, die aromatisierte Schwaden produziert. Denn elektronische Zigaretten brennen nicht, sie dampfen. Befüllt werden sie mit sogenannten Liquiden, die es in verschiedenen Geschmacksrichtungen gibt: Sandelholz, Erdbeere, Cola, Cappuccino, zum Beispiel, oder Menthol, aber auch klassisch mit diversen Tabakaromen.

Der Markt boomt. Von derzeit zwei Millionen E-Rauchern in Deutschland geht die Branche aus, das wären immerhin 10 Prozent aller Raucher. 100 Millionen Euro Umsatz wurden nach Angaben des Verbands des E-Zigarettenhandels im vergangenen Jahr mit elektronischen Zigaretten erzielt. Im Vergleich zu den mehr als 20 Milliarden Euro, die in diesem Zeitraum mit Tabakzigaretten umgesetzt wurden, ist das nicht besonders viel. Gegen 2010 habe sich der Umsatz allerdings verzwanzigfacht, sagt Philip Drögemüller n-tv.de.

Der Verband, dessen Sprecher Drögemüller ist, wurde erst im Dezember aus der Taufe gehoben. Sechs Unternehmen fanden sich damals zusammen, mittlerweile gibt es mehr als 50 Mitglieder, weitere 100 Beitrittsanträge liegen vor. Ganz offensichtlich hat die Branche Interesse an einer gemeinsamen Öffentlichkeitsarbeit.

Das liegt unter anderem an Barbara Steffens und Martina Pötschke-Langer. Steffens ist Gesundheitsministerin in Nordrhein-Westfalen, Pötschke-Langer leitet die Stabsstelle Krebsprävention beim Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Sie wird gern zitiert, wenn es um die elektronischen Dampfstängel geht. Ihre Position ist klar: Alle Hersteller sollten die Inhaltsstoffe der Liquide veröffentlichen müssen, sie sollten Studien über die Gefahren des elektronischen Rauchens vorlegen, und schließlich sollten E-Zigaretten ausschließlich "im Schutzraum der Apotheken" verkauft werden. Damit kein neuer Nikotinmarkt eröffnet wird.

"Der Verkauf ist verboten"

Solche Einwände blieben nicht ungehört. Mitte Dezember erklärte Gesundheitsministerin Steffens, der Verkauf von E-Zigaretten sei, "sofern die arzneimittel- und medizinprodukterechtlichen Vorschriften nicht eingehalten werden, gesetzlich verboten". Nach Auffassung der Grünen-Politikerin dürfen Liquide mit Nikotin "nur mit einer arzneimittelrechtlichen Zulassung in den Verkehr gebracht werden". Dann folgte eine Drohung: "Wer gegen die genannten Vorschriften des Arzneimittelgesetzes verstößt, setzt sich der Gefahr strafrechtlicher Ahndung aus."

Gesund sind auch E-Zigaretten nicht. Offen ist noch, wie ungesund sie sind.
Gesund sind auch E-Zigaretten nicht. Offen ist noch, wie ungesund sie sind.(Foto: picture alliance / dpa)

Das Verbot hatte Folgen: Zunächst zogen die Bremer Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) und ihr Berliner Kollege Mario Czaja (CDU) Anfang Januar nach. Dann registrierte der Branchenverband einen Umsatzrückgang in Höhe von 40 Prozent. Weniger folgenschwer waren offenbar ältere Verbote in Bayern und Baden-Württemberg, die nach Angaben des Vereins zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur "angekündigt, aber nicht erlassen" wurden.

Das könnte daran liegen, dass die Rechtslage nicht so eindeutig ist, wie Steffens glauben machen will. Derzeit gebe es "definitiv keine Verkaufsverbote mit Rechtsgrundlage, sondern lediglich sich aufschaukelnde Meinungen und Vermutungen", versichert Dac Sprengel, der Vorsitzende des E-Zigaretten-Verbands. Unterlassungserklärungen oder dergleichen lägen dem Verband nicht vor, was zeige, "dass es eben keine Rechtsgrundlage gibt".

Der Verband ist gegen die Verbotserklärungen bislang nicht vorgegangen, er wartet auf eine Entscheidung der EU-Kommission in Brüssel. Dort wird wahrscheinlich das Urteil über die Zukunft des elektronischen Rauchens gesprochen. Auch das Bundesgesundheitsministerium verweist in der Antwort auf Fragen n-tv.de darauf, dass "die Diskussion über die Einstufung von nikotinhaltigen E-Zigaretten, auch auf europäischer Ebene, noch nicht abgeschlossen" sei.

Die Branche hofft auf Brüssel

Sprengel rechnet mit einem "sehr deutlichen Signal zugunsten der E-Zigarette". Möglicherweise ist Brüssel aber einfach nur die letzte Hoffnung der Branche. Denn längst haben sich die Bundesländer mehrheitlich darauf geeinigt, dass elektronische Zigaretten "weder den tabakrechtlichen Bestimmungen unterliegen noch den Bedarfsgegenständen zuzuordnen sind", wie das Bundesgesundheitsministerium erklärt. Die Folge: E-Zigaretten "können", so ein Ministeriumssprecher, "zulassungspflichtige Arzneimittel im Sinne des § 2 des deutschen Arzneimittelgesetzes (AMG) darstellen".

Der Verkauf in Apotheken würde die Forderung erfüllen, keinen weiteren Nikotinmarkt zu schaffen. Doch Nikotin ist nicht die einzige Substanz in den Dampferzeugern, die von Kritikern beanstandet wird.

Die Liquide gibt es auch ohne Nikotin, hauptsächlich jedoch enthalten sie Propylenglykol. Das sei pharmazeutisch reines Propylenglykol, betont Verbandssprecher Drögemüller, das mit dem industriell gefertigten Propylenglykol, das etwa als Frostschutzmittel zum Einsatz kommt, nichts zu tun habe. Er verweist darauf, dass diese Substanz in der EU als Lebensmittelzusatzstoff E 1520 zugelassen sei. Richtig, entgegnet Pötschke-Langer vom Krebsforschungszentrum, doch wenn Propylenglykol inhaliert werde, könne es bei empfindlichen Personen atemwegsreizend oder allergieverstärkend, gegebenenfalls sogar allergieauslösend wirken.

Die Wirkung von E-Zigaretten, sagt Pötschke-Langer, sei noch längst nicht ausreichend erforscht, Langzeitstudien liegen gar nicht vor. "Ein E-Zigarettenraucher weiß nicht, welche Substanzen er in welcher Menge pro Inhalation in die besonders empfindlichen unteren Atemwege und in die Lunge hineinzieht und welche körpereigenen Reaktionen diese auslösen." Die Basis, auf der die EU und die Bundesländer ihre Entscheidungen fällen müssen, ist denkbar dürftig.

"Nebel kann Luftnot auslösen"

Das E-Zigaretten nicht "gesund" sind, liegt trotz des Nebels, den die Apparate verbreiten, auf der Hand. Marktführer Red Kiwi räumt das auch ein: "Der freigesetzte Nebel kann bei vorgeschädigter Lunge unter Umständen einen Asthmaanfall, Luftnot und Hustenanfälle auslösen. Verwenden Sie das Produkt nicht, wenn eines dieser Symptome bei Ihnen auftritt!", heißt es dort. Alle Hersteller betonen, dass ihre Produkte weniger schädlich seien als Tabakzigaretten. Diesen Vergleich lässt Pötschke-Langer nicht gelten. Die Tabakzigarette sei "ein Giftgemisch par excellence, mit Abstand das Konsumprodukt mit dem höchsten Gefährdungspotenzial". Ein Produkt, das besser sei als eine Zigarette, sei eben noch lange nicht unbedenklich.

"Eine Art Ausstiegsdroge"

Anders als die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die generell vom Konsum elektronischer Zigaretten abrät, räumt Pötschke-Langer durchaus ein, dass E-Zigaretten "möglicherweise eine Art Ausstiegsdroge" seien. "Es scheint eine Eignung bei der Tabakentwöhnung zu bestehen." Der nächste Schritt nach der E-Zigarette sollte dann aber die Entwöhnung aus der Nikotinsucht sein, rät sie Konsumenten.

Im Sinne der Branche, die naturgemäß auf wieder steigende Umsätze hofft, wäre das nicht. Sie hat deshalb weitere Argumente im Köcher. Vor allem, dass E-Zigaretten kaum riechen. "Du musst nicht mehr vor die Tür gehen und Dich ausgegrenzt fühlen", bewirbt etwa der Hersteller "Dampfer" sein Produkt. "Das ist echte Freiheit!" Auch für Unternehmen seien E-Zigaretten interessant, ergänzt Drögemüller: "Sie können am Arbeitsplatz konsumiert werden, Raucherpausen fallen damit weg."

Aus Sicht der Nichtraucherlobby ist das nicht Freiheit, sondern Subversion. Für E-Zigaretten müssten die gleichen Verbote gelten wie für herkömmliche Glimmstängel, fordert Siegfried Ermer, der Vorsitzende von "Pro Rauchfrei". Er sagt, bisher sei nicht nachgewiesen, dass der passive Konsum des Dampfes unschädlich sei. Vor allem aber will er verhindern, dass sich Tabakraucher hinter den E-Zigaretten-Konsumenten verstecken. Zumindest eine Hoffnung hat sich damit nicht erfüllt: Dass E-Zigaretten den Glaubenskrieg zwischen Rauchern und Nichtrauchern beenden könnten.

Quelle: n-tv.de

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