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Gute Strategie: der Kälte möglichst wenig Angriffsfläche bieten.
Gute Strategie: der Kälte möglichst wenig Angriffsfläche bieten.(Foto: picture alliance / dpa)

"Der Winter ist der wahre Killer": Kälte ist tödlicher als Hitze

Von Andrea Schorsch

Bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt sehnt man sich schon mal nach heißen Sommertagen. Selbst 35 Grad im Schatten scheinen erträglicher zu sein als die aktuelle Kälte. Die Forschung bestätigt: Kälte zieht mehr Todesfälle nach sich als Hitze.

Wer nicht raus muss, geht gar nicht erst vor die Tür. Der Wind beißt im Gesicht, Hände und Füße sind in Minutenschnelle durchgefroren, der Körper reagiert mit Gänsehaut, später gar mit Zittern – ein deutliches Signal, dass es an der Zeit ist, wieder ins Warme zu kommen. Und auch dann dauert es noch eine Weile, bis die Kälte aus den Knochen gewichen ist. Minusgrade setzen dem Organismus spürbar zu – so sehr, dass sie ihm gefährlicher werden können als hohe Temperaturen.

Prof. Dr. Roland Rau, Lehrstuhl für Demographie der Universität Rostock
Prof. Dr. Roland Rau, Lehrstuhl für Demographie der Universität Rostock(Foto: privat)

Professor Roland Rau von der Universität Rostock kennt sich aus mit diesem Thema. Der Demograf beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit dem Zusammenhang von Wetter und Sterblichkeit. Auf die Frage, ob Hitze oder aber Kälte für den Menschen bedrohlicher ist, hat der Wissenschaftler längst eine klare Antwort gefunden. "Es gibt jedes Jahr Hitzewellen. Während dieser Phase sterben dann auch mehr Personen, als man für die Jahreszeit erwarten würde", sagt Rau im Gespräch mit n-tv.de. "Aber über das gesamte Jahr betrachtet ist es tatsächlich so, dass der Winter der wahre Killer ist. Die höchste Sterblichkeit wird jedes Jahr im Januar, Februar und März gemessen. Meine eigene Forschung hat ergeben, dass die Sterblichkeitsrate in diesen Monaten 15 bis 20 Prozent höher ist als im Sommer."

Kälte erhöht das Thromboserisiko

Und es sind, wie Rau überzeugend darlegt, wirklich die Temperaturen, die in den genannten Monaten vermehrt Todesfälle nach sich ziehen. "Bei Kälte steigt sowohl das Risiko für Atemwegsinfektionen als auch das für Herz-Kreislauferkrankungen", so der Experte. "Man hat im Winter ein 50 Prozent höheres Risiko, an einer Atemwegserkrankung zu sterben als im Sommer." Die Abwehrkräfte sind geschwächt, sowohl Grippeviren als auch eine Lungenentzündung haben im Winter ein leichteres Spiel - besonders bei älteren Menschen.

Noch dazu verengen sich bei Kälte die Gefäße. Die Folge: Der Blutdruck steigt. Wird eine bereits verengte Arterie in Folge der niedrigen Temperaturen komplett verschlossen, kommt es zum Herzinfarkt. Auch die Thrombosegefahr wächst, denn in der Kälte verändert sich die Zusammensetzung des Blutes. Gerinnsel sind dann eher möglich. Oft führen sie zum schnellen zum Tod.

Kalte Länder sind nicht schlechter dran

Rau hat dänische Daten von 1980 bis 1998 analysiert. "Es gab kein einziges Jahr, in dem die monatliche Sterblichkeitsrate im Sommer auch nur annähernd das Durchschnittsniveau erreichte. Sie lag immer darunter", sagt der Forscher. "Dezember, Januar, Februar und März sind die vier Monate, in denen die Sterblichkeit stets mit Abstand am höchsten war – durch Herz-Kreislauferkrankungen wie Infarkt und Schlaganfall und durch Atemwegserkrankungen."

Interessanterweise haben aber nicht etwa Regionen, in denen es im Winter stets besonders kalt ist, in diesen Monaten die meisten Todesfälle zu beklagen. "Wenn man Länder miteinander vergleicht", sagt Rau, "stellt man fest, dass die Wintersterblichkeit in denen, die eher warm sind und ein moderates Klima haben, höher ist als in so kalten Ländern wie Kanada oder Skandinavien." Auch dafür gibt es eine Erklärung: Wo niedrige Temperaturen vorherrschen, passen sich die Menschen besser an die Kälte an. Sie sehen zu, dass sie nur wenig Zeit draußen verbringen, und ziehen viele Lagen übereinander an. Wer mit der Kälte umzugehen weiß, ist also klar im Vorteil.

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Quelle: n-tv.de

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