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Depressionen sind eine Volkskrankheit geworden.
Depressionen sind eine Volkskrankheit geworden.(Foto: REUTERS)

Depressive befürchten Rückschritt : Stigmatisierung nützt niemandem

Von Sonja Gurris

Der Copilot der abgestürzten Germanwings-Maschine war offenbar an schweren Depressionen erkrankt. Über vier Millionen Menschen in Deutschland leiden unter dieser Krankheit, gefährden aber niemanden außer sich selbst. Das droht jetzt in Vergessenheit zu geraten.

Depression ist eine Volkskrankheit, die lange unter den Teppich gekehrt worden ist - offene Gespräche darüber waren lange Zeit undenkbar. Bis ein Prominenter wie Fußballer Robert Enke den Freitod wählte und die ganze Nation über die Krankheit redete. 90 Prozent der 10.000 Suizide in Deutschland werden vor dem Hintergrund einer nicht behandelten psychischen Erkrankung, am häufigsten einer Depression, begangen. Laut Experten sind Depression und Suizidalität überlappende Phänomene: Die Mehrzahl der Menschen mit Depressionen kennen Suizidgedanken. Diese sind ein Krankheitszeichen der seelischen Erkrankung.

"Die hohen Suizid- und Suizidversuchszahlen sind inakzeptabel, da der großen Mehrzahl durch eine konsequente Behandlung gut geholfen werden könnte. Insbesondere Depressionen lassen sich durch Antidepressiva und Psychotherapie gut behandeln und so Suizidalität verhindern", so Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Wird die Krankheit erkannt, kann Hilfe angeboten werden: Gesprächstherapien, Antidepressiva-Behandlungen, Angehörigen-Betreuung, das alles gehört zum Umgang mit der Depression - wenn sich der Erkrankte auch behandeln lassen möchte. "Bei einer ausreichenden Behandlung inklusive Antidepressiva kann das Rückfallrisiko einer weiteren depressiven Episode um 75 Prozent gesenkt werden", so Hegerl.

Denn wer die Veranlagung für Depressionen in sich trägt, hat auch ein erhöhtes Risiko, nach einer ersten depressiven Phase im Laufe des Lebens erneut in eine solche zu rutschen. Auch deshalb ist ein Behandlung wichtig. Genauso bedeutsam ist aber auch der offene gesellschaftliche Umgang mit der Krankheit. Immerhin leiden in Deutschland etwa vier Millionen Menschen an Depressionen. Und das, was bislang an Akzeptanz mühsam erkämpft worden ist, könnte nun wieder in sich zusammenfallen. Denn plötzlich, nach dem Absturz von Germanwings, ist das Stigma Depression wieder da.

Mediziner wollen keine Überreaktionen

Ulrich Hegerl ist schon jetzt besorgt über das Ausmaß der Stigmatisierung: "Es kann dazu führen, dass Betroffene weniger offen mit ihrer psychischen Erkrankung umgehen, diese öfter nicht erkannt und behandelt wird und wir letztendlich nicht weniger, sondern deutlich mehr tragische Todesfälle haben." Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Montgomery, warnt vor einer Ausgrenzung psychisch kranker Menschen. "Wenn jemand als Jugendlicher oder als Kind in einer psychotherapeutischen oder psychiatrischen Behandlung war und das für ihn impliziert, dass er nie in seinem Leben mehr Pilot werden könnte oder einen anderen wichtigen, von ihm geliebten Beruf ergreifen könnte, dann ist das eine hochgradige Stigmatisierung", sagte er dem Bayrischen Rundfunk.

Der große Vorwurf, der nach dem Flugzeugabsturz im Raum steht - könnte so etwas auch anderen psychisch kranken Menschen in anderen Situationen passieren? Muss es eine kollektive Angst geben? Was passiert mit depressiven LKW- oder Busfahrern? Sind das alles Gefahren? Nein, warnen Experten - und zwar lautstark. Die Deutsche Stiftung Depressionshilfe macht deutlich, dass ein erweiterter Suizid, also der Tod anderer Menschen, nur extrem selten bei depressiv Erkrankten auftritt.

"Der überwiegende Teil der Depressiven ist besonders sorgsam und verantwortungsvoll mit seinen Mitmenschen", so Hegerl. Die Debatte um Depressionen und andere psychische Erkrankungen müsse deshalb vor allem vorsichtig, unaufgeregt und realistisch geführt werden - ohne, dass erkrankte Menschen in die Ecke gestellt und stigmatisiert werden. Denn das könnte am Ende schlimme Folgen haben.

Quelle: n-tv.de

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