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Verschwörungstheorien kommen wieder in Mode - etwa jene über sogenannte Chemtrails, die das Wetter beeinflussen sollen.
Verschwörungstheorien kommen wieder in Mode - etwa jene über sogenannte Chemtrails, die das Wetter beeinflussen sollen.(Foto: imago stock&people)

Sinnsuche in Krisenzeiten: "Verschwörungstheorien lösen Chaos auf"

Ob Flüchtlingskrise, Ukraine-Krieg oder Terroranschläge - sie alle sind von langer Hand geplant und dienen den Interessen der Mächtigen, glauben einige. Eigentlich waren Verschwörungstheorien bereits auf dem absteigenden Ast, sagt Michael Butter, Experte für Verschwörungstheorien. Mit n-tv.de sprach er über die Gründe für die neue Popularität solcher Gedankenkonzepte - und deren Gefahren.

n-tv.de: Herr Butter, Sie beschäftigen sich eingehend mit Verschwörungstheorien - was ist das eigentlich genau?

Michael Butter: Verschwörungstheorien behaupten, dass eine im Verborgenen agierende Gruppe, eben die Verschwörer, Ereignisse manipuliert oder sogar schon die Kontrolle über eine Institution, ein Land oder gar die ganze Welt übernommen hat.

Michael Butter ist Professor für Amerikanistik an der Universität Tübingen und beschäftigt sich vor allem mit US-amerikanischen Verschwörungstheorien.
Michael Butter ist Professor für Amerikanistik an der Universität Tübingen und beschäftigt sich vor allem mit US-amerikanischen Verschwörungstheorien.(Foto: privat)

Gerüchte über Chemtrails, eine BRD GmbH oder die NWO (New World Order, englisch für "Neue Weltordnung") fehlen mittlerweile in fast keiner Diskussion auf Facebook. Haben Verschwörungstheorien gerade Hochkonjunktur?

Sie haben Konjunktur. Man muss zuvor aber etwas bedenken. Historisch betrachtet waren Verschwörungstheorien seit ihrem Aufkommen mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert lange Zeit akzeptiertes und legitimes Wissen. Es war normal, Verschwörungstheoretiker zu sein. Entsprechend sind Verschwörungstheorien in der westlichen Welt im 18. und 19. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert hinein viel populärer gewesen, als sie es heute sind.

Haben Sie ein Beispiel?

In den USA war praktisch jeder Präsident von Washington bis Eisenhower Verschwörungstheoretiker. Unter anderem auch Abraham Lincoln, der in einigen seiner berühmtesten Reden eindeutig Verschwörungstheorien entwickelte über die Machenschaften der Verteidiger und Befürworter der Sklaverei. Überspitzt könnte man sagen: In der Vergangenheit haben sich die Menschen vor Verschwörungen gefürchtet. Heutzutage fürchten wir eher Verschwörungstheorien.

Warum kam es zu diesem Wandel?

Man geht davon aus, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse dabei eine Rolle gespielt haben. Aus der Psychologie, aber auch aus der Soziologie: Dort heißt es etwa, dass komplexe soziale Systeme oft Effekte hervorbringen, die überhaupt niemand beabsichtigt hat. Von daher greift die Idee zu kurz, dass eine kleine Gruppe auf der Welt die Strippen ziehen könnte. So funktioniert eine Gesellschaft einfach nicht.

Und diese Erkenntnisse haben sich nach und nach durchgesetzt?

Sie kamen bei den Intellektuellen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert an und wurden ab dann immer mehr zum Mainstream. Dazu kam sicherlich auch die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus, der letztendlich auch auf einer Verschwörungstheorie basierte - nämlich auf der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung. Ab den 50er- und 60er-Jahren wurden Verschwörungstheorien mit Hintergrund dieser Erfahrung, in manchen Teilen der Welt zumindest, stigmatisiert.

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Aber sie bleiben dennoch bestehen.

Die Verschwörungstheorien verschwanden nicht völlig, sondern behielten immer ihre Attraktivität für einen nicht unwesentlichen Anteil der Bevölkerung. Das Problem ist, dass das lange Zeit niemandem aufgefallen ist.

Erst das Internet hat daran etwas geändert?

Das hat ganz sicher etwas mit dem Internet zu tun. Wenn man etwa in den 80er-Jahren beweisen wollte, dass die Amerikaner nicht auf dem Mond waren, hätte derjenige im Selbstverlag ein Buch herausgebracht und ein paar Exemplare an ausgewählte Leute geschickt. Aber er hätte es damit nie in die normalen Medien geschafft oder gar ein größeres Publikum erreicht. Das ist etwas, was sich unter den Bedingungen des Internets völlig verändert hat. Und von daher sind Verschwörungstheorien vor allem in den letzten Jahren sichtbarer geworden.

Hat auch die Zahl der Verschwörungs-Gläubigen zugenommen?

Es gibt dazu keinerlei belastbare Zahlen. Aber klar ist: Hätte jemand in den 1980er-Jahren im Bezug auf die Mondlandung nur einen diffusen Zweifel gehabt, hätte sich bei diesem natürlich keine Verschwörungstheorie verfestigen können, weil er kaum an Material darüber rangekommen wäre. Wenn sie heutzutage jedoch "Was ist in der Ukraine wirklich los?" googeln, finden Sie gleich ein Dutzend Webseiten, die Ihnen dafür verschwörungstheoretische Erklärungsmuster anbieten. Und daher führt die höhere Sichtbarkeit der Verschwörungstheorien durch das Internet auch dazu, dass sie wieder etwas weiter verbreitet sind. Deshalb würde ich sagen: Zunahme ja, aber nicht so exponentiell, wie einem das auf den ersten Blick vorkommt.

Sind Verschwörungstheorien damit auch wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen?

Es scheint, dass Verschwörungstheorien wieder mehr auf dem Weg in den Mainstream sind. Also im Grund in eine Position, in der sie früher mal waren. Das ist aber nur eine Möglichkeit, wie man die jüngste Entwicklung definieren kann. Die andere Möglichkeit - und womöglich die zutreffendere - ist, dass es den öffentlichen Raum oder die Öffentlichkeit gar nicht mehr gibt. Möglicherweise zerfällt der einst öffentliche Raum in so etwas wie Teilöffentlichkeiten, in denen unterschiedliche Dinge als wahr und falsch angesehen werden. Das heißt, vielleicht kommen Verschwörungstheorien gar nicht zurück in den Mainstream, sondern der Mainstream wird einfach kleiner und die Ränder der gesellschaftlichen Debatte werden größer.

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Sie haben die Gefährlichkeit von Verschwörungstheorien bereits erwähnt. Ist deren zunehmende Verbreitung also besorgniserregend?

Bevor man das beantwortet, sollte man sich zunächst klarmachen, dass Verschwörungstheorie nicht gleich Verschwörungstheorie ist. Es kommt immer auf die Inhalte an. Manche Verschwörungstheorien können Menschen zwar nicht dazu bringen, gewalttätig zu werden, sie darin aber durchaus bestärken. Beispiele dafür sind Anders Breivik in Norwegen oder Timothy McVeigh, der 1995 in Oklahoma City ein Bombenattentat verübte. Das waren Menschen, deren Weltbilder zentral über Verschwörungstheorien bestimmt wurden. Verschwörungstheorien sind auch problematisch, wenn sie sich gegen Schwache und gegen Minderheiten wie etwa Ausländer und Flüchtlinge richten. Wie etwa diejenigen Theorien, die derzeit kursieren, dass die Flüchtlingskrise gesteuert sei, etwa aus den USA …

… die als Hooton-Plan bekannte Verschwörungstheorie.

Diese Arten von Verschwörungstheorien tragen natürlich dazu bei, dass Menschen, die sowieso schon Vorurteile haben, sich in diesen bestärkt sehen. Dazu kommt, dass die betroffene Gruppe sich nur schwer gegen solche Verschwörungstheorien wehren kann. Die dritte Ebene - und aus meiner Sicht die spannendste - ist, dass Verschwörungstheorien in der Gegenwart oft einhergehen mit realer oder wahrgenommener gesellschaftlicher Marginalisierung. Das heißt, Verschwörungstheorien bieten – das sehen Sie am Erstarken des Rechtspopulismus in Europa und in den USA – für Leute, die sich abgehängt fühlen oder die das Gefühl haben, abgehängt zu werden, finanziell oder ideologisch, einen sehr fruchtbaren Boden. Und von daher sind Verschwörungstheorien gefährlich in einem ganz anderen Sinne.

Können Sie Beispiele dafür nennen?

Da ist in Deutschland etwa die sogenannte Reichsbürgerbewegung, aber auch bei Pegida sind Verschwörungstheorien relativ verbreitet. Letztendlich finden sich auch im Parteiprogramm der AfD Hinweise auf Verschwörungstheorien.

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Was kennzeichnet Verschwörungstheoretiker?

Verschwörungstheoretiker sind tendenziell fast immer Männer. Insbesondere diejenige, die das nicht nur passiv rezipieren, sondern aktiv im Internet Theorien entwickeln oder Filme ins Netz stellen. Das heißt, das hat vielleicht auch etwas mit einer Krise von Männlichkeit und männlicher Identität zu tun. Was den Bildungsstand angeht, kann man das nicht so sehr zuspitzen. Verschwörungstheoretiker sind nicht alle schlecht gebildet. Da ist eher ein Gefühl der sozialen Positionierung entscheidender als der Bildungsstand.

Was geben diese Verschwörungstheorien den Menschen, die ihnen anhängen?

Diese Theorien erklären die Welt. Das heißt, sie schaffen Sinn und lösen Chaos auf. Der an sie glaubt, hat im Grunde verstanden, wie der Hase läuft. Das eigene Leben wird dadurch bedeutungsvoller. Das Ganze hat aber auch eine utopische Dimension. Wenn man glaubt, die Dinge, die passieren, sind das Ergebnis einer Verschwörung, würde dies zumindest am Horizont die Möglichkeit skizzieren, dass diese Verschwörung durch Aufdecken und Bekämpfen beendet werden kann - und die Dinge sich wieder ändern. Und dann natürlich korrelieren Verschwörungstheorien auch mit einer Sündenbockfunktion – es sind nicht irgendwelche abstrakten Kräfte, die daran schuld sind, dass man abgehängt ist. Man kann vielmehr identifizieren, wer dahinter steckt.

Gleichzeitig können Verschwörungstheorien ja auch sehr spannend sein, wenn man sich mit ihnen beschäftigt.

Ein anderer Aspekt von Verschwörungstheorien ist in der Tat, dass sie ganz tolle Unterhaltung sein können, auch für Menschen, die gar nicht ernsthaft daran glauben. Daher gibt es viele, die sich im Kino, beim Lesen von Romanen oder auch auf entsprechenden Internetseiten den Verschwörungstheorien für ein paar Stunden spielerisch hingeben. Es ist einfach spannend und kann ein schönes Gefühl schaffen, wenn man sich überlegt, dass es einen ausgeklügelten Plan gibt, der die Welt vorantreibt. Sie wird dadurch bedeutungsvoll und sinnvoll und ist nicht mehr das Chaos, das sie vermutlich ist.

Wir erleben derzeit eine Krisenzeit - man denke nur an die Ukraine-Krise, Euro-Krise, Flüchtlings-Krise. Befördern Krisen die Verbreitung von Verschwörungstheorien?

Diese These gibt es immer wieder und diese These ist auch sehr zutreffend, weil in Krisenzeiten Erklärungsnot herrscht. Und Verschwörungstheorien bieten Erklärung und Sinnhaftigkeit an. Es gibt auch andere Auslöser für Verschwörungstheorien. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Michael Barkun etwa unterscheidet zwischen Ereignis-Verschwörungstheorien, die sich um bestimmte Ereignisse ranken – da würden dann die Krisenzeiten reinfallen – oder eben System-Verschwörungstheorien, wo Gruppen in den Fokus geraten, denen man sehr viele dunkle Machenschaften unterstellt. Im 19. Jahrhundert waren das die Juden, in anderen Teilen der Welt waren es die Katholiken, die Freimaurer oder die Illuminaten. Und oft vermischen sich auch die System-Verschwörungstheorien und die Ereignis-Verschwörungstheorien – bei der Verschwörungstheorie um 9/11 (Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001, Anm. d. Red.) konnte man das gut beobachten.

Mit Michael Butter sprach Kai Stoppel

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Quelle: n-tv.de

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