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Das ist der Trace Gas Orbiter. Wenn er im Oktober am Mars angekommen ist, soll sich ein Testmodul abkoppeln und auf die Marsoberfläche hinabsegeln.
Das ist der Trace Gas Orbiter. Wenn er im Oktober am Mars angekommen ist, soll sich ein Testmodul abkoppeln und auf die Marsoberfläche hinabsegeln.(Foto: ESA/dpa)

Leben auf dem Roten Planeten: Warum ExoMars fündig werden könnte

ExoMars ist nicht die erste Mission zum Roten Planeten – und doch ist sie besonders. Rainer Kresken, Raumfahrtingenieur der Esa am Raumflugkontrollzentrum Esoc in Darmstadt, erklärt, was ExoMars kann, warum das Esoc bis heute Abend die Luft anhält und woran es liegt, dass heute keine Menschen zum Mars geflogen sind.

n-tv.de: Herr Kresken, die ExoMars-Mission ist erfolgreich gestartet. Wie geht es jetzt weiter?

Rainer Kresken: Die Oberstufe der Proton-Rakete und der ExoMars-Forschungssatellit sind zunächst in einer niedrigen Erdumlaufbahn. Genau so soll das sein. Aber die Geschwindigkeit reicht noch nicht, um zum Mars zu kommen. Zunächst ist die Rakete 7,7 Kilometer pro Sekunde schnell. Wir müssen mindestens 11 Kilometer pro Sekunde schnell sein, um von der Erde weg zu kommen – und noch ein bisschen schneller, um auch den Mars zu erreichen.

Wie kann das gelingen?

Dafür muss die Oberstufe noch ein paar Mal gezündet werden. Das Problem ist, dass die Oberstufe eigentlich gar nicht für diesen Zweck gedacht ist. Sie ist dafür konstruiert worden, um mit der Proton geostationäre Satelliten in die Umlaufbahn zu bringen. Eigentlich also ist sie zu schubschwach. Aber man geht vor wie auf einer Schaukel. Man feuert die Raketen-Oberstufe auf einem bestimmten Punkt der Umlaufbahn mehrere Male, fliegt zwischenzeitlich um die Erde herum und holt auf diesem Weg Schwung. Heute Abend, um kurz nach 22 Uhr, ist der Satellit dann schnell genug, um den Mars zu erreichen.

Und dann, nach der Trennung von der Raketen-Oberstufe, wartet das Raumflugkontrollzentrum gespannt auf das erste Signal des ExoMars-Orbiters?

Genau, dann sind wir hier am Esoc wieder am Ruder. Auch während der ganzen Manöver heute hat man immer wieder mal Kontakt. Allerdings macht das bis heute Abend alles Baikonur.

Die Rakete der Exo-Mars-Mission beim Start in Baikonur.
Die Rakete der Exo-Mars-Mission beim Start in Baikonur.(Foto: dpa)

Und das Esoc übernimmt dann heute Abend bis zum Ende der gesamten Mission?

Ja. Im Moment verfolgen wir, was passiert, aber in den nächsten Tagen wird dann aktiv gesteuert. Die Sonde muss genau auf Kurs bleiben. Falls sie von ihrer Route abweicht, müssen wir also korrigieren. Dafür hat die Sonde große Triebwerke an Bord, die in der Lage sind, ExoMars auf der richtigen Bahn zu halten. Die Sonde muss also laufend überwacht werden, denn man muss sehr präzise beim Mars ankommen – zum richtigen Zeitpunkt und auf der genau richtigen Anflugbahn. Sonst kann das Testlandegerät nicht so auf dem Mars aufsetzen wie geplant.

2018 folgt dann im Rahmen der ExoMars-Mission ein Rover. Es fahren ja schon einige herum auf dem Mars. Warum schickt auch die Esa noch einen?

Weil die Technologie fortschreitet. Tatsächlich wird der Rover eine sehr signifikante Neuerung an Bord haben: Er ist mit Bohrgeräten ausgestattet, um tief im Mars nach Leben zu suchen. Das ist sehr relevant. Denn man geht davon aus, dass die Mars-Oberfläche sterilisiert ist. Es gibt auf dem Mars nur eine sehr dünne Atmosphäre und die schützt nicht vor der UV-Strahlung von der Sonne. Das ist kritisch, denn UV-Strahlung tötet einzellige Lebewesen ziemlich schnell ab. Man weiß aber, dass es auf dem Mars früher eine dichtere Atmosphäre und auch sehr viel Wasser gegeben hat. Von daher ist es durchaus denkbar, dass damals Leben entstanden ist und dass es in mehreren Zentimetern oder einem Meter Tiefe Hinweise darauf gibt. Genau danach will man suchen. Die Bohrungen sind die beste Möglichkeit, Leben zu finden.

Kann der Rover noch mehr?

Er entnimmt Proben und kann sie mit einem Labor untersuchen, das wirklich in der Lage ist, Lebensformen zu erkennen. Das hat es zum letzten Mal in den 1970er Jahren gegeben, bei den Viking-Sonden. Keine einzige Raumsonde, die auf dem Mars gelandet ist, hatte ein Labor an Bord, das in der Lage gewesen wäre, Lebensformen zu erkennen. Auch Curiosity nicht.

Falls der Rover etwas findet: Wie stellt man sicher, dass das nichts ist, was er von der Erde mitgebracht hat?

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Dazu wird man ihn – und auch das Raumfahrzeug – sehr sorgfältig sterilisieren. Da gibt es sehr ausgeklügelte Strategien, sodass man ein Kontaminierung ausschließen kann.

Welche Hürden müssen noch genommen werden, bis man Menschen zum Mars schicken kann?

Da gibt es eine finanzielle und eine politische Hürde. Wenn ein politischer Wille und Geld da wären, dann hätte man heute auch bemannt zum Mars starten können.

Technisch wäre der Flug von Menschen zum Mars schon möglich?

Ja, technisch ist das Stand der Dinge. Da fehlen keine Technologien mehr. Es mangelt nur daran, diese Technologien flugfertig zu machen. Dazu braucht man nicht viel Neues. Die Internationale Raumstation beweist, dass man in der Lage ist, Menschen lange Zeit im All am Leben zu erhalten. Und man ist schon in den 1960er Jahren auf dem Mond gelandet. Die Technologie ist da. Und sie ist eher leichter als die für die Rover.

Welche Erkenntnisse versprechen Sie sich von ExoMars?

Heute ist der Trace Gas Orbiter gestartet, der die Aufgabe hat, die Mars-Atmosphäre nach Spuren von Leben abzusuchen. Konkret sucht er nach Methan. Das wurde schon von früheren Sonden entdeckt, etwa von Mars-Express, der 2003 gestarteten Esa-Mission. Die Menge an Methan damals war aber nur knapp über der Nachweis-Grenze. Der ExoMars-Orbiter hat daher sehr viel empfindlichere Instrumente an Bord. Mit denen kann man genau nachweisen, wann und wo Methan auftaucht.

Warum ist Methan so wichtig?

Für das Vorhandensein von Methan gibt es genau zwei Erklärungen: Entweder gibt es da kleine Bakterien, die pupsen und Methan freisetzen, oder es gibt vulkanische Prozesse. Auf der Erde stammt fast das ganze Methan in der Atmosphäre von Lebewesen. Nur ein ganz kleiner Teil ist vulkanisch. Um diese beiden Effekte zu unterscheiden, muss man genau wissen, wann und wo Methan auftaucht. Methan ist ein vergängliches Molekül, das heißt, es hält nicht sehr lange. Etwa 400 Jahre, dann ist es durch die Sonnenstrahlung zersetzt. Wenn es Methan in der Mars-Atmosphäre gibt, muss es dafür Quellen geben, und die gilt es herauszufinden.

Halten Sie organische Quellen für Methan auf dem Mars für möglich?

Mars-Express hat festgestellt, dass das Methan-Vorkommen eine schwache Korrelation zu den Jahreszeiten auf dem Mars hat. Im Winter gibt es weniger davon und im Sommer mehr. Das ist ein Hinweis darauf, dass es organischen Ursprungs sein könnte. Aber das muss man präzise untersuchen.

Welcher Moment der ExoMars-Mission ist für Sie der spannendste?

Das was heute passiert, ist schon sehr spannend. Dieses Aufschaukeln der Geschwindigkeit ist eine fehleranfällige Sache, da kann einiges schiefgehen. Wenn wir das erstmal hinter uns haben, dann ist durchatmen angesagt. Die Landung des Testlandegeräts im Oktober ist auch eine haarige Sache. Das ist ein technischer Test. Man will da die Technologien für die Landung des Rovers 2018 verifizieren. Das müssen wir proben - denn das hat Europa noch nie erfolgreich gemacht.

Mit Rainer Kresken sprach Andrea Schorsch

Quelle: n-tv.de

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