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Die Angst vor dem Fremden ist in unseren Genen verankert. Bei manchen ist sie stärker als die Vernunft.
Die Angst vor dem Fremden ist in unseren Genen verankert. Bei manchen ist sie stärker als die Vernunft.(Foto: AP)

Die Flüchtlinge, die Angst, der Hass: Wieso wir Angst vor dem Fremden haben

Viele Deutsche reagieren mit Angst, manche sogar mit Hass auf "die Fremden", die bei uns Hilfe suchen. Diese Xenophobie ist ein Erbe unserer Vorfahren. Ein Angstforscher erklärt, warum auch Intelligenz nicht vor diesen Urängsten schützt und was die Politik tun muss.

Viele Deutsche reagieren auf den Flüchtlingsstrom mit Angst, manchmal sogar mit Hass auf "die Fremden". Diese in der Wissenschaft auch unter dem Begriff Xenophobie bekannte Angst vor dem Fremden sei ein Erbe unserer Vorfahren, erklärt Angstforscher Borwin Bandelow. Der Psychologe und stellvertretende Klinikchef für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Göttingen erklärt, warum es diese Angst noch immer gibt und wie sie Demagogen in die Hände spielt.

Borwin Bandelow befürchtet, dass es weitere Vorfälle geben wird, die als negative Folge der Flüchtlingswelle interpretiert werden.
Borwin Bandelow befürchtet, dass es weitere Vorfälle geben wird, die als negative Folge der Flüchtlingswelle interpretiert werden.

n-tv.de: Die Flüchtlingskrise zeigt es: Viele Menschen scheinen sich vor dem Unbekannten zu fürchten. Ist die Angst vor dem Fremden angeboren?

Borwin Bandelow: Man muss zwischen zwei Arten von Angst unterscheiden. Einerseits gibt es die berechtigte Angst, zum Beispiel vor Problemen, die durch die Flüchtlingswelle ausgelöst werden, die man nicht mehr wegdiskutieren kann. Auf der anderen Seite gibt es die übertriebene, unangemessene Angst vor dem Fremden, die sogenannte Xenophobie. Dabei handelt es sich um eine angeborene Angst, die in jedem schlummert. Unsere Vorfahren lebten vor vielen hunderttausend Jahren in Stämmen und nur die Stämme überlebten, die zusammengehalten haben, wenn es schwierig wurde. Damals war die Xenophobie ein Überlebensvorteil. Auch wenn sie heute keinen Vorteil mehr darstellt, werden wir doch mit der Xenophobie, dieser alten Abwehrhaltung, geboren.

Man kann also sagen, dass diese Urangst längst ausgedient hat? Doch schaffen es offenbar Gruppen wie Pegida und Parteien wie die AfD, diese Ängste zu aktivieren.

Richtig. Die Xenophobie wird von den Demagogen schamlos ausgenutzt. Sie haben leichtes Spiel, indem sie zwar keine handfesten Argumente liefern, dafür aber in dem alten Angstsystem, das sich nicht um Fakten schert, graben und Menschen für ihre Zwecke instrumentalisieren.

Was bewirkt diese Aktivierung?

Ein großes Problem der überlieferten Urängste ist, dass sie in einem recht einfachen Teil des Gehirns entstehen. Dieses primitive Angstsystem, was für die Xenophobie zuständig ist, gibt es bei gebildeten und ungebildeten Menschen gleichermaßen. Dagegen werden die tatsächlichen Probleme, die durch die Flüchtlinge entstehen, von denjenigen Menschen besser eingeschätzt, die sie sich mit den Fakten beschäftigen. Die Fremdenangst entsteht aus einer Mischung aus Urängsten und rationalen Überlegungen. Überwiegt die Xenophobie, wird daraus schnell Fremdenhass.

Was kann die Politik tun?

Was die realen Probleme angeht, muss die Politik Lösungen finden, damit die Bevölkerung das Gefühl hat, ernst genommen zu werden. Das ist allerdings nicht so einfach, wie es sich manche Leute vorstellen - "Grenze zumachen und fertig". Was die unrealistische Xenophobie angeht, sollte man sich mäßigend äußern und nicht versuchen, Donald Trump nachzueifern.

Angstszenarien wie aktuell die Übergriffe in Köln sind in der Berichterstattung präsenter denn je. Erzeugen Medien "Angstbürger"?

Es ist so, dass die Medien gerne das schreiben, was die Leute hören wollen. Und tatsächlich schrecken Vorfälle, wie in Köln, Hamburg und Stuttgart geschehen, die Leute auf. Aber daran sind nicht die Medien schuld. Tatsächlich ist es so, dass man fast nur noch "angstmachende" Nachrichten liest und das steht in einer gewissen Diskrepanz zu dem absolut friedlichen Leben, das 95 Prozent aller Bundesbürger nach wie vor führen. Die meisten sind nicht durch die Flüchtlinge beeinträchtigt. Sie verdienen nicht weniger Geld, haben kein Problem bei der Wohnungssuche, werden auch nicht bedroht. Aber wenn auf die Menschen eine neue Gefahr zukommt, die zunächst neu und unbeherrschbar erscheint, haben sie erst einmal sehr viel mehr Angst. Dann wollen sie auch mehr darüber hören.

Was geschieht mit der Angst, wenn die Bedrohungslage längere Zeit anhält?

Am ehesten ist es so, dass sich die Menschen daran gewöhnen, auch Menschen, die tatsächlich in einer Gefahrensituation sind. Denken Sie mal an die Flüchtlinge, die erst vor Krieg und Gewalt aus ihrem Land fliehen mussten, um dann fast zu verhungern, fast zu ertrinken und dann in Deutschland auch noch Angst haben müssen, dass ihr Haus angezündet wird. Die haben so viel hinter sich gebracht, dass sie weniger ängstlich sind. Menschen sind sehr anpassungsfähig. Sie können sich gut an Gefahrenlagen gewöhnen. Auch wir Deutsche werden nach und nach eine realistische Einschätzung der tatsächlichen Gefahr durch die Flüchtlingswelle bekommen. Das heißt, wir werden das alles relativiert sehen und nicht denken, dass Horden von Nordafrikanern durch unsere Innenstädte stürmen und unsere Töchter vergewaltigen – die Angst vor einem solchen Horror-Szenario wird sich nach einer gewissen Zeit abschwächen. Die Menschen werden merken, dass zwar ein Problem da ist, dass dieses aber auch zu lösen ist. Nach vier Wochen hat sich die Aufregung meistens wieder gelegt. Allerdings rechne ich jetzt damit, dass in der nächsten Zeit noch einiges passieren wird.

Was meinen Sie damit, dass mehr passieren wird?

Ich befürchte, dass es weitere Vorfälle geben wird, die als negative Folge der Flüchtlingswelle interpretiert werden, aber auch, dass es zu einer Zunahme der Angriffe auf Flüchtlinge kommen wird.

Ist es moralisch okay, sich vor dem Fremden zu fürchten?

Man kann dem Menschen die Angst nicht nehmen. Ich möchte nicht in der Haut der Mädchen gesteckt haben, die am Kölner Hauptbahnhof belästigt oder bestohlen worden sind. Dass sie und auch die Menschen in Köln in ihrer Stadt jetzt Angst haben, das kann man den Menschen nicht nehmen. Da helfen auch Tipps wie von Frau Reker, eine Armlänge Abstand zu Fremden halten, sehr wenig. Leuten, die tatsächlich massiv bedroht sind, nützen solche Tipps nichts. Aber es gibt viele Menschen, die überhaupt nicht bedroht sind, weil sie in wunderschön friedlichen Vierteln leben. Diesen Leuten kann man eigentlich nur den Tipp geben, die Dinge realistisch zu sehen und sich auch mal zu überlegen, dass es in unserem Leben viele andere Gefahren gibt, an die wir uns schon gewöhnt haben und dass die Gefahr, durch einen Ausländer zu Schaden zu kommen, denkbar klein ist.

Mit Borwin Bandelow sprach Diana Sierpinski

Quelle: n-tv.de

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