Wissen
Laut UNAIDS, der Aids-Organisation der Vereinten Nationen, haben sich seit Ausbruch der Pandemie vor fast 30 Jahren rund 60 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert, 25 Millionen starben an der Immunschwäche-Krankheit.
Laut UNAIDS, der Aids-Organisation der Vereinten Nationen, haben sich seit Ausbruch der Pandemie vor fast 30 Jahren rund 60 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert, 25 Millionen starben an der Immunschwäche-Krankheit.(Foto: picture alliance / dpa)

Kampf gegen Aids: "Wir sind auf einer Riesenerfolgsspur"

Die Welt-Aids-Konferenz in Wien ist nach sechs Tagen zu Ende. n-tv.de spricht mit Prof. Dr. Norbert Brockmeyer über den Kongress, die HIV-Forschung, über Fortschritte, Hoffnungen und optimistische Perspektiven und über das tägliche Leben. Brockmeyer ist Sprecher des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Kompetenznetzes HIV/Aids.

n-tv.de: Auf der Konferenz wurde eine Studie vorgestellt, nach der ein Gel die HIV-Ansteckungsgefahr bei Frauen minimiert. Was halten Sie davon?

Norbert Brockmeyer: Der Schutz von Frauen vor HIV ist ein besonders wichtiger Fokus, denn die meisten HIV-Infizierten auf der Welt sind weiblich. Es geht daher um die Frage, wie wir es schaffen, gerade Frauen in nicht entwickelten Ländern, wo die Emanzipation nicht so weit fortgeschritten ist, eigenständige Möglichkeiten zum Schutz vor HIV an die Hand zu geben. In einigen Ländern ist es für Frauen schwierig, die Anwendung von Kondomen einzufordern, und Enthaltsamkeit funktioniert auch nicht. Man muss sich also nach anderen Mitteln umschauen. Und da ist die Studie, die Sie erwähnen, ein Lichtblick. Sie hat gezeigt, dass ein Mikrobizid, ein Gel, das man in die Scheide einbringt und das mit einem Medikament Tenofovir versehen ist, welches man aus der HIV-Therapie kennt, schützen kann. Mit diesem Gel war die Ansteckungsgefahr zwischen 39 und 54 Prozent geringer als bei Frauen, die ein Placebo angewendet haben.

Fragezeichen bleiben natürlich: Wie funktioniert so etwas, wenn die Frauen nicht wie in einer Studie aufgeklärt und engmaschig kontrolliert werden? Also im realen Leben? Direkt nach der Studie infizierte sich doch eine ganze Reihe von Frauen, weil sie das Gel nicht mehr so konsequent angewendet haben. Dann bleibt noch die Frage des Analverkehrs, der sicherlich auch bei 30 Prozent der Heterosexuellen praktiziert wird. Beim Analverkehr schützt das Mikrobizid nicht. – Hier bleibt der Aufklärung und Forschung also noch viel Arbeit.

Welche Maßnahmen stehen für Sie im Mittelpunkt?

Aids-Aufklärung in Sambia
Aids-Aufklärung in Sambia(Foto: picture-alliance/ dpa)

Ich glaube, wir brauchen andere Möglichkeiten des Schutzes. Eine ganz wesentliche für mich ist die Therapie. Wir müssen es schaffen, dass die Menschen auch in den nicht entwickelten Ländern Zugang zu Medikamenten haben. Und das bedeutet für mich nicht nur Bereitstellung von Medikamenten, sondern viel mehr Verbesserung der Infrastruktur, Verbesserung von Organisation und Administration. Die Menschen müssen in der Lage sein, überhaupt dort hin zu kommen und dort auch behandelt zu werden, wo es Medikamente gibt. Es geht also um die medizinische Betreuung der Menschen.

Wir müssen verstärkt unterstützend wirken und dafür sorgen, dass die Mittel und die Medikamente, die vorhanden sind, abgerufen und genutzt werden können, sodass die Betroffenen davon profitieren.

Wie hoch ist denn die Lebenserwartung mit einer HIV-Infektion, die medikamentös behandelt wird?

Dazu gibt es Hochrechnungen, denn auf Erfahrungswerte kann man hier noch nicht zurückgreifen. Die Infektion ist noch nicht so alt. Aber die Hochrechnungen kommen auf 40 oder sogar 50 Jahre ab dem Zeitpunkt der Infektion. Wenn sich also ein 20-Jähriger infiziert, kann er 60 bis 70 Jahre alt werden –fast so alt wie ein Nichtinfizierter.

Ob sich diese Hochrechnungen bewahrheiten, kann man noch nicht sagen. Denn die Medikamente haben natürlich auch Nebenwirkungen. Gerade, wenn sie über Jahrzehnte eingenommen werden, können sie Erkrankungen hervorrufen, die ebenfalls zum Tode führen. Aber eine Lebenserwartung von 30 Jahren ab dem Zeitpunkt der Infektion ist mit medikamentöser Behandlung sicherlich realistisch.

Was die Verlängerung der Lebenserwartung anbelangt, haben wir Riesenerfolge erzielt. Vor zehn Jahren starben die meisten Patienten fünfzehn Jahre nach der Infizierung.

Gibt es noch andere wissenschaftliche Ansätze, die so erfolgreich sind?

Auch, was die Entwicklung von Impfstoffen anbelangt, gibt es mehrere Hoffnungsschimmer.

Wie weit ist der Weg zum Impfstoff noch?

Aufklärung in Malawi: Kondom-Promotion-Show und DJ inklusive.
Aufklärung in Malawi: Kondom-Promotion-Show und DJ inklusive.(Foto: picture-alliance/ dpa)

15 bis 20 Jahre haben wir wohl noch vor uns. In den letzten zehn Jahren hat die Wissenschaft unglaublich viel dazu gelernt. Wir sind in der Lage, von lang lebenden Patienten neutralisierende Antikörper zu entdecken, die in der Impfstoff-Forschung eingesetzt werden können. Es gibt Ansätze, Rezeptoren, die das Virus benutzt, um in die Zelle einzudringen, zu blockieren und das auch in Impfstoffen umzusetzen. Es gibt darüber hinaus auch neue Medikamente, die breiter wirken. Sie verhindern, dass das Virus in die Zelle kommt und blocken damit die Virusvermehrung. Gleichzeitig rufen sie eine immunologische Veränderung im menschlichen Körper hervor, die in einem zweiten Schritt ebenfalls zu einer Verlangsamung der Infektion führt.

Es gibt hochinteressante Ansätze. Die große Erfolgsgeschichte der HIV-Therapieentwicklung und der Medikamente, die gegen HIV wirken, geht weiter. Wir sind auf einer Riesenerfolgsspur. Das ist alles sehr, sehr vielversprechend, was im Moment erforscht wird. Besonders erfreulich ist, dass das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Kompetenznetz HIV/Aids hier erhebliche Beiträge leistet.

Kommen wir noch mal zur Prävention zurück: Ist die Aufklärung heute eine andere als vor 20 Jahren?

Sicherlich. Die Aufklärung muss immer und ständig angepasst werden. Gerade Deutschland ist da international ein großes Vorbild. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat in den letzten Jahren wieder hervorragende Kampagnen entwickelt. Andere Länder schauen sich das ab und setzen es ähnlich oder angepasst um. Man muss natürlich für jedes Land und für jede Gruppe, die man ansprechen will, andere Botschaften der Aufklärung vermitteln. In Afrika und Asien braucht man andere Ansätze als bei uns. Insgesamt hat sich die Aufklärung deutlich verbessert, und das zeigt durchaus seine Wirkung. Gerade in Deutschland sind die Zahlen der Neuinfektionen weltweit betrachtet sehr gering.

Norbert Brockmeyer:  Sprecher des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Kompetenznetzes HIV/Aids.
Norbert Brockmeyer: Sprecher des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Kompetenznetzes HIV/Aids.

Wichtig ist, dass wir nicht nur eine Aufklärung gegen HIV betreiben, sondern gegen alle sexuell übertragbaren Erkrankungen. Denn die erleichtern sich gegenseitig die Möglichkeit der Infektion. Wer eine Herpes-Infektion hat, kann sich viel leichter mit dem HI-Virus infizieren, und wer HIV-infiziert ist, leichter mit Herpes-Viren. Das gilt gleichermaßen für viele andere sexuell übertragbare Erkrankungen. Die Strategien, nun all diese Erkrankungen in den Focus zu nehmen und dagegen aufzuklären, sind international sehr weit fortgeschritten, und das ist sehr hilfreich. Von daher sind wir, was Aufklärung anbelangt, ein großes Stück weitergekommen.

Auch in einigen afrikanischen Ländern sieht man mittlerweile Erfolge der Aufklärung. Die Infektionszahlen sind dort nicht mehr so hoch. Was man auch in einigen afrikanischen Ländern sehr gut sehen kann, ist, dass die Therapie greift. Die Menschen sterben nicht mehr so früh an HIV, und die Todesraten sind zurückgegangen. Auch das zeigt, dass wir auf einem richtigen Weg sind.

Hat die Konferenz diesen Optimismus widergespiegelt?

Ja. Es gibt sehr, sehr viele Ansätze von Hoffnung, auch was ganz einfache, neue Therapiestrategien anbelangt. Studien haben belegt, dass eine frühere Therapie für den Patienten besser ist und für das Gesundheitssystem kostengünstiger. Denn die Folgeerkrankungen setzen bei einem frühen Therapiebeginn nicht so schnell ein. Zudem wird das Infektionsrisiko erheblich gesenkt. Es zahlt sich also aus, früher mit der Therapie zu beginnen.

Eine weitere auf der Konferenz vorgestellte Studie zeigt, dass sich die Entwicklung HIV-infizierter Kinder deutlich verbessert, wenn man früh anfängt, sie zu therapieren.

Das alles sind Bausteine, die im Moment, im praktischen Leben wichtig sind. Wir können uns über Impfstoff-Visionen unterhalten, aber ganz entscheidend ist das Hier und Heute. Wir müssen im täglichen Leben weiterkommen und Schritt für Schritt die Situation verbessern. Und wie die eben erwähnten Studien zeigen, gibt es gute Ansätze, wie wir weiter machen müssen. Das ist das wirklich Erfreuliche.

Mit Norbert Brockmeyer sprach Andrea Schorsch

Quelle: n-tv.de

Video-Empfehlungen
Empfehlungen