Politik

Auf Lohnlisten von US-FirmenNordkoreaner beschaffen mit falschen Identitäten Geld für Atomwaffen

17.02.2026, 20:02 Uhr
imageVon Roland Peters, New York
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Ein Fernseher in Südkorea zeigt im Mai 2024 einen Raketenstart im verfeindeten Norden. (Foto: AP)

Es klingt nach einem wilden Polit-Thriller, ist aber real: Das diktatorische Regime in Pjöngjang bildet IT-Experten aus, schickt sie in Gruppen ins Ausland, wo sie sich bevorzugt in US-Unternehmen einschleichen. Ihr Verdienst fließt in Nordkoreas Atomwaffenprogramm.

Sie werden von Unternehmen auf der ganzen Welt als Remote-Arbeitskräfte bezahlt und verdienen bis zu 800 Millionen US-Dollar jährlich pro Jahr für Pjöngjangs Staatshaushalt: Nordkoreaner, die sich unter falscher Identität als IT-Fachkräfte beschäftigen lassen. Dies berichtet das "Wall Street Journal". Demnach fließen 90 Prozent des Verdienstes an die Diktatur, welche laut Sanktionsbeobachtern die dringend notwendigen Devisen wiederum für ihr Atomprogramm verwendet.

Die US-Zeitung stützt sich in ihrem Bericht auch auf detaillierte Angaben eines Überläufers aus Nordkorea, der lange in diesem Rahmen für seine Regierung tätig war. Im Personaltableau einer kalifornischen Firma wurde er demnach als Software-Ingenieur aus dem Mittleren Westen der USA geführt. Doch "Anton Koh" lebte in einem staatlichen Schlafsaal in China mit anderen Nordkoreanern und war jahrelang für Pjöngjang tätig. Inzwischen lebt er auf eigene Faust im demokratischen Südkorea.

Laut dem Bericht gehört Koh zu einer "Pipeline Elite-Cyberagenten, die von Kims Regime ausgebildet und ins Ausland entsandt werden. Ihre Mission: Ausländisches Einkommen für Pjöngjang zu generieren." Sie stahlen dafür Identitäten von Ausländern und ließen sich darüber beschäftigen, gibt Googles Cybersicherheitsabteilung Mandiant an. Dabei liege der Fokus auf den USA. Die Nordkoreaner hätten es so auf die Lohnlisten von Hunderten der größten US-Unternehmen geschafft.

Googles Abteilung verfolge solche Arbeiter seit 2022, die damit "Sanktionen umgehen und Massenvernichtungswaffen finanzieren", schreiben die Experten. Das Multilateral Sanctions Monitoring Team (MSMT), die Gruppe von elf Sanktionsbeobachterstaaten inklusive Deutschland, schrieb im Januar: "Nordkorea umgeht systematisch die Beschlüsse des UN-Sicherheitsrats durch die Stationierung von IT-Arbeitern, besonders im Hinblick auf Krypto-Diebstahl und Geldwäsche." Die Cyber-Streitkräfte handelten auf einem Niveau, "das den Programmen von China und Russland nahekommt". Das Geld werde für die Entwicklung von Atomwaffen und Raketen ausgegeben.

Laptop-Farmen in den USA

Den Beobachtern von MSMT zufolge sind Nordkoreas Cyberagenten in weltweit mehr als 40 Staaten aktiv gewesen. Die meisten bezahlten Arbeitskräfte seien wegen der besseren Internetverbindungen in China und Russland ansässig. US-Firmen seien als Arbeitgeber besonders begehrt, da sie viel bezahlen und potenzielle Spionageziele sind.

Um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, bezahlen sie US-Amerikaner aus der Ferne für einen Platz in sogenannten Laptop-Farmen. Dort schicken Arbeit- und Auftraggeber die Firmencomputer ihrer neuen Beschäftigten hin, die sich remote darauf einloggen und damit simulieren, sie säßen in den USA. Das Justizministerium teilte im November mit, vier US-Bürger hätten sich schuldig bekannt, Nordkoreanern dabei zu helfen, bei über 136 US-Unternehmen zu arbeiten.

Die Arbeiter erhalten am Ende des Monats 10 Prozent ihrer Einkünfte, wenn sie eine bestimmteMindestsumme an Devisen für das Regime einbringen, sagte Nam Bada von der nordkoreanischen Menschenrechtsorganisation "People for Successful Korean Reunification" alias PSCORE dem "Wall Street Journal": "Ein paar IT-Fachkräfte können problemlos eine Rakete finanzieren", wird Bada zitiert. Ein anderer Experte gab an, die Nordkoreaner "generieren beträchtliche Geldsummen, die zur Aufrechterhaltung des Regimes beitragen".

Die Angaben des übergelaufenen Koh decken sich mit denen von Cyberexperten und den UN. Der Nordkoreaner sagte demnach, zuverlässige Stromversorgung, nahrhafte Mahlzeiten und Internetzugang habe er erstmals im Ausland erlebt. Nach seiner Ankunft in China habe er bis zu 16 Stunden täglich gearbeitet; etwa zehn Nordkoreaner drängten sich in einem Schlafsaal mit zwei Zimmern und einem Porträt von Kim Jong Un an der Wand.

Boom in der Pandemie

Das Programm entsandter IT-Arbeiter wurde das erste Mal zwischen 2009 und 2012 deutlich ausgeweitet, schreibt PSCORE. Die Universität Pjöngjang habe zugleich eine IT-Fakultät mit passenden Studiengängen eröffnet. Zwischen 40 und 80 Prozent der in kleinen Teams entsandten Spezialisten arbeiteten häufig unter mehreren falschen Identitäten gleichzeitig. Gesteuert würden die Gruppen der IT-Experten aus Pjöngjang, von wo auch sämtliche Geldbewegungen kontrolliert würden. Wegen der erhöhten Akzeptanz von Remote-Arbeitskräften boomte das Programm während der Pandemie.

Nur wer die festgesetzte Einnahmeschwelle übertraf, bekam einen Sonntag frei, heißt es in Zeugenberichten von PSCORE. Die Arbeiter durften demnach täglich nur einen kurzen Spaziergang machen und wurden praktisch konstant überwacht. IT-Arbeiter seien in der Regel alle zwei bis drei Jahre für etwa einen Monat zur "Umerziehung" nach Pjöngjang zurückgeschickt worden. So sollte ihre Loyalität sichergestellt werden.

Im Laufe der Jahre sei es schwieriger geworden, die vorgegebenen Lohnquoten zu erfüllen, so Koh. Manche Auftraggeber wollten Vorstellungsgespräche per Videochat führen. Der Überläufer berichtet, er habe deshalb westliche Software-Entwickler bezahlt, die sich unter ihrem eigenen Namen auf Stellen bewarben und zu Videokonferenzen erschienen, ohne tatsächlich arbeiten zu müssen. Sie erhielten dafür eine Pauschalzahlung von 500 Dollar oder laufende Provisionen von mindestens 30 Prozent. Koh übernahm das Programmieren.

Quelle: ntv.de

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