Auto

Nie ganz ausgereiftDer Wankelmotor

15.08.2002, 12:02 Uhr

Die Idee ist ebenso schlicht wie genial: Ein dreiecksförmiger Kolben rotiert in einem Behälter in Form einer Acht, die Mathematiker "Trochoide" nennen. Das zündfähige Gemisch füllt den Hohlraum zwischen Dreieck und Trochoide und versetzt mit der Explosion das Dreieck in Rotation. Ergebnis ist also eine reine Drehbewegung, während herkömmliche Hubkolbenmotoren eine Auf-und-ab-Bewegung erzeugen, die erst über Pleuelstange und Kurbelwelle umgewandelt werden muss. Ein "Wunder-Motor", schrieb damals die Bild-Zeitung.

Mit gerade einmal 25 Jahren schreibt Felix Wankel in sein Tagebuch: "... ich möchte den selben Gaskraftvorgang, der sich in der hin- und hergehenden Kolbenzylindermaschine auswirkt, in der Drehung abspielen lassen. Ansaugen, Verdichten, Entzünden und Auspuffen soll in der seitherigen Form geschehen, da ich sie für die Entzündungskraft des Benzins usw. am entsprechendsten halte. Nur die mechanische Gestaltung und Bewältigung dieser 'Gasbearbeitung' mit voll umdrehenden Kolben statt mit umkehrenden ist meine Aufgabe."

Vom Dreh- zum Kreiskolbenmotor

Mit dem Motor DKM 54, der im Jahr seiner Kennziffer auf den Prüfstand geht, wird die prinzipielle Möglichkeit eines Drehkolbenmotors nachgewiesen. H.D. Paschke von NSU ist es, dem die Weiterentwicklung zum Kreiskolbenmotor (KKM) gelingt. Unter absoluter Geheimhaltung - auch vor Wankel selbst - macht er sich daran, die technischen Unzulänglichkeiten des Erstlings auszumerzen.

Nun findet im Motorgehäuse nicht mehr eine reine Drehbewegung, sondern zwei sich überlagernde Drehbewegungen statt. Doch von Anbeginn stehen die NSU-Ingenieure vor Problemen, die später fatale Folgen haben sollten. So treten an der Einschnürung der Trochoide nach innen gerichtete Fliehkräfte auf, die einen hohen Verschleiß zur Folge haben. Außerdem hat man hat Probleme, das Kühlöl aus dem Kolben zu bekommen, es panscht energievernichtend im Kolben hin und her. Felix Wankel ist brüskiert. Als er von dem KKM erfährt, ist es schon zu spät, er kann ihn nicht mehr verhindern. Er schmollt: "Ihr habt aus meinem Rennpferd einen Ackergaul gemacht!"

Vermeintliche Kinderkrankheiten

Als ein weiteres Kernproblem stellen sich die Dichtleisten heraus. Bei Mazda in Japan, wo man bereits 1961 das Patent von Wankel erworben hat, wird ebenfalls mit dem neuen Antrieb experimentiert. Das Dichtungsproblem kennen die Japaner. Sie durchbohren im Versuch Gußdichtleisten der Länge nach und kommen endlich auf akzeptable Laufzeiten. In den ersten Serienmotoren verwenden sowohl Mazda als auch NSU Kohledichtleisten.

Vom Beginn der sechziger Jahre an wächst das Interesse am Wankelmotor immens. Zu den Lizenznehmern gehören so prominente Namen wie Daimler-Benz, Ford und Porsche, Alfa Romeo und Rolls-Royce, General Motors, MAN und Klöckner-Humboldt-Deutz, die japanischen Konzerne Mazda, Suzuki, Toyota und Nissan. Doch keinem gelingt es, die vermeintlichen Kinderkrankheiten endgültig zu heilen und den Kreiskolbenmotor wirklich serientauglich zu machen. Für NSU bringen die Probleme das Aus: Die hohen Entwicklungskosten und der mangelnde Erfolgs des Wankelmotors zwingen die Firma 1969 zur Fusion mit Audi.

Im Laufe der Ölkrise springen immer mehr Lizenznehmer von einer Weiterentwicklung und Großserienfertigung ab. Als einziger Autohersteller bleibt Mazda dem Wankelmotor treu. In Deutschland endet die Serienfertigung des Wankelmotors für die Autoindustrie 1977, als Audi die Produktion des Ro80 einstellt. In den letzten Jahren hat auch Lada mit Wankelmotoren experimentiert, doch Qualitätsprobleme bei etlichen russischen Zulieferern begrenzen hier die erreichbaren Laufleistungen auf wenige zehntausend Kilometer.

Zukunft in Sachsen?

Inzwischen hat der Ingenieur Mario Häberer aus dem sächsischen Kirchberg das Unternehmen samt den Namensrechten gekauft und will die Produktion wieder aufnehmen. Der 42-Jährige leitet einen Betrieb für Hebezeuge und Krane und hat dort noch Kapazitäten frei. Häberer war durch Zufall auf die Wankel-Firma gestoßen und suchte zunächst nach Mitstreitern. Auch bei den Rennfahrerbrüdern Schumacher klopfte er an - ohne Erfolg. "Dann mach' ich's eben selbst", dachte sich der ostdeutsche Entrepreneur. "Es wird höchste Zeit, dass wieder jemand unter dem Namen Wankel agiert." Man darf gespannt sein.